Eklat bei UN-Atombehörde Ethikprüfung nach homophoben Aussagen
Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) hat eine ethische Untersuchung gegen ihren russischen stellvertretenden Generaldirektor Mikhail Chudakov eingeleitet. Der Funktionär wurde zugleich von seinen Aufgaben suspendiert. Anlass ist ein von ihm unter einem Pseudonym veröffentlichtes Buch mit kontroversen Aussagen über homosexuelle Menschen und Frauen.
Das Wichtigste im Überblick
- Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) hat eine Ethikuntersuchung gegen den russischen Funktionär Mikhail Chudakov eingeleitet.
- Chudakov wurde von seinen Aufgaben als stellvertretender Generaldirektor und Leiter der Abteilung für Kernenergie suspendiert.
- Auslöser ist sein 2025 veröffentlichtes Buch „Treatise on Life“, das er unter dem Pseudonym „Valentin Voyutin“ herausgab.
- Darin greift Chudakov unter anderem homosexuelle Menschen und feministische Bewegungen an.
- Homosexuelle bezeichnet er als „Perverse und Sodomiten“, gleichgeschlechtliche Beziehungen als „sündige Abweichungen“.
- Das Buch enthält zudem Aussagen zugunsten einer „Diktatur“, strenger Hierarchien und der Verfolgung von Dissidenten.
- Chudakov hatte das Buch bei einer UN-Veranstaltung in Wien an Teilnehmer verteilt. Daraufhin wurde das IAEA-Ethikbüro eingeschaltet.
- Die ehemalige US-Botschafterin bei der IAEA, Laura Holgate, bezeichnete die Veröffentlichung als „höchst unangemessen“.
- Chudakov blickt auf eine lange Karriere in der russischen Atomindustrie zurück und ist promovierter Nuklearingenieur.
„Leitfaden“ für junge Menschen
Chudakov ist seit dem 1. Februar 2015 stellvertretender Generaldirektor und Leiter der Abteilung für Kernenergie der IAEA. Die Organisation berichtet an die Generalversammlung und den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Aufmerksamkeit erregte Chudakov bei einer UN-Veranstaltung in Wien, die sich mit den „jungen Generationen im Nuklearsektor“ beschäftigte. Dort verteilte er Exemplare seines Buches „Treatise on Life“ an Teilnehmer. Veröffentlicht wurde das Werk unter dem Pseudonym „Valentin Voyutin“. Chudakov widmete das Buch seinen Kindern. Es soll nach seiner Darstellung jungen Menschen als ethischer Leitfaden dienen. Einige der Teilnehmer wandten sich nach der Veranstaltung jedoch an das Ethikbüro der IAEA und machten auf die Aussagen in dem Buch aufmerksam.
Angriffe auf Frauen, Lesben und Schwule
Chudakov fordert in dem Werk dazu auf, feministische Bewegungen nicht zu unterstützen. Er vertritt die Ansicht, Frauen hätten mehr Rechte als Männer. Führungsfiguren der Frauenrechtsbewegung bezeichnet er als „hysterische Fanatikerinnen“. Auch Homosexuelle werden in dem Buch abwertend dargestellt. Schwule und Lesben bezeichnet Chudakov als „Perverse und Sodomiten“. Gleichgeschlechtliche Beziehungen beschreibt er als „sündige Abweichungen“. Ihren Einfluss auf junge Menschen bezeichnet er als „Gift“.
Doch die politischen Aussagen des Buches gehen über Angriffe auf Frauen, Lesben und Schwule hinaus. Chudakov beziehungsweise sein Alter Ego „Voyutin“ befürwortet eine Diktatur, strenge Hierarchien in der Führung und die Verfolgung von Dissidenten. Zudem fordert er eine besondere Form der „Loyalität gegenüber Russland“. Das 2025 erschienene Buch nimmt auch Bezug auf Chudakovs Tätigkeit bei der IAEA. Der Autor spricht sich darin für eine „strenge autoritäre Führung“ und eine „Diktatur“ aus, die als Demokratie getarnt sei. An anderer Stelle fordert Chudakov Loyalität gegenüber „dem eigenen Land, Russland, und der eigenen Regierung“ und befürwortet die Verfolgung von Dissidenten.
IAEA-Regeln verlangen Zurückhaltung
Die internen Vorschriften der IAEA verbieten ihren Mitarbeitern Diskriminierung sowie Handlungen, die ein sicheres Arbeitsumfeld gefährden könnten. Wer als Beschäftigter der Organisation ein Buch veröffentlichen möchte, benötigt dafür eine Genehmigung der Zentrale und soll sensible Themen vermeiden. Die ethischen Standards verpflichten internationale Funktionäre außerdem zu „Zurückhaltung und Taktgefühl“. Verstöße können disziplinarische Konsequenzen haben. Die aktuelle Untersuchung könnte dabei für IAEA-Generaldirektor Rafael Mariano Grossi zu einem schwierigen politischen Thema werden. Grossi muss sich im kommenden Jahr um seine Wiederwahl bemühen und ist dabei unter anderem auf die Unterstützung Moskaus angewiesen. Die Ernennung des Generaldirektors benötigt die einstimmige Zustimmung von China, Frankreich, Russland, Großbritannien und den USA.
Laura Holgate, die frühere US-Botschafterin bei der IAEA, kritisierte indes bereits offen die Veröffentlichung und Verbreitung des Buches durch einen internationalen Funktionär deutlich. Sie bezeichnete dies als „höchst unangemessen“. Nach ihrer Einschätzung entspricht der Inhalt nicht den Anforderungen an Neutralität und Professionalität, die für Beschäftigte internationaler Organisationen gelten. Das Pressebüro der IAEA, Generaldirektor Grossi und Chudakov selbst lehnten eine Stellungnahme ab.
Lange Laufbahn in der Atomindustrie
Chudakov verfügt über eine jahrzehntelange Erfahrung in der russischen Atombranche. Von 1983 bis 1993 arbeitete er im Kernkraftwerk Kalinin in Russland. Dort war er unter anderem als leitender Reaktoroperator und leitender Reaktoringenieur tätig. Weitere Funktionen waren die des Aufsehers im Kontrollraum, des Schichtleiters im Kraftwerk und des Schichtleiters des Kraftwerksbetriebs. Von 1993 bis 1995 arbeitete Chudakov als Berater für das WANO Moscow Centre und als WANO-Berater in London. Anschließend übernahm er von 1995 bis 1999 verschiedene Führungspositionen beim russischen Atomunternehmen Rosenergoatom. Im April 1999 wurde Chudakov zum stellvertretenden Generaldirektor von Rosenergoatom sowie zum Direktor des Kernkraftwerks Bilibino ernannt. Später wechselte er zur IAEA. Chudakov hat einen Doktortitel in Nukleartechnik.