LGBTIQ+-Debatte in Russland Renommierte Chefärztin verunglimpft queere Menschen
Eine angesehene, russische Psychiaterin und Chefärztin hat auf einem Fachkongress versucht, die wissenschaftlich widerlegte Diagnose einer sogenannten „Transgender-Spektrum-Störung“ erneut zu etablieren. Darüber hinaus erklärte sie auch Homosexualität zur Krankheit. Die Aussagen sorgten für viel Kritik, da Transgeschlechtlichkeit international nicht mehr als psychische Erkrankung eingestuft wird.
Das Wichtigste im Überblick
- Eine russische Psychiaterin hat auf einem Fachkongress die widerlegte Diagnose „Transgender-Spektrum-Störung“ vorgestellt.
- Olga Bukhanovskaya bezeichnete Transgeschlechtlichkeit und Homosexualität dabei als psychische Erkrankungen.
- Die Weltgesundheitsorganisation stuft Transgeschlechtlichkeit seit 2019 nicht mehr als psychische Störung ein, Homosexualität wurde bereits 1990 von der Liste der Krankheiten gestrichen.
- Fachleute erkennen lediglich Geschlechtsdysphorie als diagnostizierbare Belastung an.
- Bukhanovskaya sprach zudem von einer angeblichen „Transgender-Epidemie“.
Trans* und schwul als psychische Erkrankungen
Olga Bukhanovskaya, Chefärztin des Forschungszentrums Phoenix für Rehabilitation und Behandlung, stellte ihre Position auf dem 18. Kongress der Psychiater in Russland vor. Nach Angaben des unabhängigen russischen Mediums Meduza erklärte Bukhanovskaya, Transgeschlechtlichkeit sei eine psychische Störung, zu der auch „Homosexualismus“ gehöre.
Zudem sagte sie, unter den sogenannten „Transgender-Schirm“ fielen unter anderem „fetischistischer Transvestismus“, Persönlichkeitsstörungen, schizotype Störungen sowie „Schizophrenie in Kombination mit periodischer Verweiblichung“. Die Ärztin sprach außerdem von einer angeblichen „Transgender-Epidemie“, die ihrer Ansicht nach durch „finanzielle Zuwendungen und Fördergelder“ verursacht werde. „Wenn Menschen heute den schön klingenden Begriff ‚Autismus-Spektrum-Störung‘ verwenden, dann können wir auch von einer ‚Transgender-Spektrum-Störung‘ sprechen, unter die all diese psychischen Erkrankungen fallen.“
Darüber hinaus behauptete Bukhanovskaya, die Ausweitung von trans* Rechten in Russland werde von einer „fünften Kolonne der Medizin“ vorangetrieben. Damit meinte sie transfreundliche Ärzte, Psychologen und Lehrkräften. Weiter erklärte sie, transfreundliche Lehrer seien verantwortlich für die „Verbreitung der Gender-Theorie und der ICD-11 [International Classification of Diseases] innerhalb der Fachwelt, der Gesellschaft und in den Köpfen der Patienten“.
Kritik von Fachverbänden
Die sogenannte „Transgender-Spektrum-Störung“ ist jedoch keine anerkannte medizinische Diagnose. Transgeschlechtlichkeit gilt international nicht als psychische Erkrankung. Diagnostiziert werden kann lediglich eine Geschlechtsdysphorie – also psychischer Leidensdruck, den manche Menschen aufgrund einer Diskrepanz zwischen ihrer Geschlechtsidentität und dem Geschlecht bei der Geburt empfinden.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte Transgeschlechtlichkeit bereits 2019 aus der Liste psychischer Erkrankungen gestrichen. Damals erklärte die WHO-Expertin für reproduktive Gesundheit, Dr. Lale Say: „Es wurde aus der Kategorie psychischer Störungen entfernt, weil wir heute besser verstehen, dass es sich tatsächlich nicht um eine psychische Erkrankung handelt – und weil die Einstufung dort Stigmatisierung verursachte. Um die Stigmatisierung zu reduzieren und gleichzeitig den Zugang zu notwendigen Gesundheitsleistungen sicherzustellen, wurde dies in ein anderes Kapitel eingeordnet.“