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Kokainflut in Deutschland
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Kokainflut in Deutschland Razzien zeigen neue Strukturen

ms - 16.09.2026 - 12:30 Uhr
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Die Zahlen, die Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) jetzt vorstellte, fallen drastisch aus. „Wir erleben eine Kokain-Flut in Deutschland. Wir erleben eine Rekordzahl an Drogentoten. Wir sehen Kinder, die als Kriminelle missbraucht werden.“ Seine Schlussfolgerung fällt entsprechend deutlich aus: „Die Organisierte Kriminalität in Deutschland ist weiter auf dem Vormarsch.“ Auch die Zahl der Drogentoten ist weiter angestiegen. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Innenminister Alexander Dobrindt warnt vor einer zunehmenden Organisierten Kriminalität in Deutschland.
  • 2025 wurden gut zehn Tonnen Kokain beschlagnahmt, rund zwei Drittel davon in deutschen Häfen.
  • 2.150 Menschen starben nach Angaben der Behörden an ihrem Drogenkonsum – 13 mehr als im Jahr zuvor.
  • Der Drogenbeauftragte Hendrik Streeck warnt vor den gesundheitlichen und gesellschaftlichen Folgen des Konsums.
  • Auch in sexpositiven Teilen der schwulen Community werden Drogen im Zusammenhang mit Sexualität konsumiert. 
  • Gewinne aus dem Drogenhandel werden laut Bundeskriminalamt unter anderem über Immobilien in den legalen Wirtschaftskreislauf eingeschleust.
  • Der Drogenhandel verlagert sich zunehmend auf Smartphones, soziale Netzwerke, Gaming-Plattformen und das Darknet.
  • Kriminelle Gruppen werben nach Angaben des Drogenbeauftragten inzwischen auch Minderjährige über soziale Medien und Gaming-Plattformen an.
  • Das BKA beobachtet zudem eine neue Generation von Tätern, die Gewalt und Macht demonstrativ in sozialen Netzwerken inszeniert.

Drogenhandel als Geschäft 

Nach Angaben des Bundeskriminalamtes konnten im vergangenen Jahr gut zehn Tonnen Kokain sichergestellt werden. Etwa zwei Drittel der beschlagnahmten Menge wurden in deutschen Häfen entdeckt. Gleichzeitig starben 2.150 Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums. Das waren 13 mehr als 2024. Gemeinsam mit Dobrindt präsentierten BKA-Präsident Holger Münch und der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck die aktuellen Bundeslagebilder zur Organisierten Kriminalität und zur Rauschgiftkriminalität. Die Verbindung zwischen beiden Bereichen liegt für die Behörden auf der Hand: Für international vernetzte kriminelle Strukturen gilt der Drogenhandel als besonders lukratives illegales Geschäft.

Milliarden mit Kokainhandel

Die Einnahmen aus dem Drogenhandel und anderen illegalen Geschäften werden nach Darstellung des BKA anschließend in den legalen Wirtschaftskreislauf eingeschleust. Immobilien spielen dabei eine wichtige Rolle. Das dabei festgestellte Volumen belief sich auf knapp 1,4 Milliarden Euro. Münch beschreibt die finanziellen Möglichkeiten der kriminellen Netzwerke als erheblich. „Sie nutzen ihre erhebliche finanzielle Schlagkraft für Bestechung, für Einflussnahme und bringen das Geld mit Geldwäsche in den legalen Wirtschaftskreislauf.“ Aus Sicht des BKA-Chefs ist insbesondere Kokain zu einer Gefahr geworden, die weit über den eigentlichen Drogenkonsum hinausreicht. Die am weitesten verbreitete Droge sei eine Bedrohung für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt.

Drogenkonsum betrifft vor allem Männer

Drogenbeauftragter Streeck richtet den Blick stärker auf die Menschen, die am Ende des illegalen Geschäfts stehen. „Geschädigt wird nicht nur der Staat, geschädigt werden vor allem Menschen.“ Das Durchschnittsalter der Drogentoten liegt bei 41 Jahren. 83 Prozent von ihnen sind Männer. Streeck beschreibt die Konsumenten als Teil eines Marktes, dessen Folgen weit über gesundheitliche Schäden hinausgehen: „Sie alle sind Kunden eines Marktes, der mit tödlichen Substanzen handelt und hinter dem Gewalt, Umweltzerstörung, Erpressung und Ausbeutung stehen.“ Damit rückt auch die Frage in den Mittelpunkt, in welchen sozialen und kulturellen Zusammenhängen Drogen konsumiert werden. In Teilen der sexpositiven schwulen Community gibt es insbesondere beim sogenannten Chemsex einen Drogenkonsum, der unmittelbar mit sexuellen Begegnungen verbunden sein kann. Derartige Konsummuster können den Drogenmarkt für bestimmte Substanzen zusätzlich relevant machen.

Streeck fordert Prävention

Streeck formuliert seinen politischen Anspruch mit zwei Grundsätzen: Null Toleranz gegenüber denen, die von der Sucht profitieren, und keine Gleichgültigkeit gegenüber Menschen, die abhängig geworden sind. Deshalb setzt der Drogenbeauftragte auch auf Prävention. Dazu gehört eine öffentliche Aufklärungskampagne, die nicht nur gesundheitliche Folgen des Drogenkonsums thematisieren soll, sondern auch dessen Auswirkungen auf die Umwelt. Als Beispiel führt Streeck die Produktion von Kokain an. Für den Anbau des Rohstoffs werde Regenwald gerodet. Gleichzeitig würden Bauern und ihre Familien in den Anbauregionen erpresst. Streeck sieht einen Zusammenhang zwischen der steigenden Nachfrage in Deutschland und den Folgen in den Produktionsländern. Kokain werde hierzulande immer beliebter. Seine Warnung lautet: „An jedem Gramm Kokain, was zum Spaß konsumiert wird, klebt Blut.“

Vom Straßendealer zum Smartphone

Nicht nur die Menge der gehandelten Drogen bereitet den Behörden Sorgen. Auch die Vertriebswege haben sich verändert. Der Markt sei zunehmend digital geworden, sagt Streeck. „Der Dealer ist nicht mehr an der Straßenecke, der Dealer findet sich im Smartphone. Über einfache QR-Codes kann zum Beispiel ein Koks-Taxi bestellt werden“, beschreibt der Drogenbeauftragte die neuen Wege vom Anbieter zum Konsumenten. Sehr problematisch ist aus seiner Sicht, dass kriminelle Gruppen inzwischen soziale Netzwerke nutzen, um neue Mitglieder zu gewinnen. „Besonders alarmierend ist dabei, dass kriminelle Gruppierungen Minderjährige über soziale Medien oder Gaming-Plattformen anwerben“, sagt Streeck. „Die Organisierte Kriminalität sucht ihren Nachwuchs mittlerweile dort, wo Jugendliche ihre Freizeit verbringen.“

Gewalt wird öffentlich inszeniert

Auch für die Sicherheitsbehörden verändert sich damit die Arbeit. BKA-Präsident Münch beobachtet, dass traditionelle Strukturen der Organisierten Kriminalität zunehmend verschwinden. Diskretion, Abschottung und klar abgegrenzte Gruppen seien immer weniger kennzeichnend für die Szene. Stattdessen würden sich Teile der neuen Tätergeneration öffentlich präsentieren. „Auch in Deutschland beobachten wir, dass eine neue Täter-Generation, zum Beispiel die türkischstämmige sogenannte Generation-Z-Mafia ihre Macht- und Gewalttaten offensiv in Social Media inszeniert.“ Auch kriminelle Dienstleistungen lassen sich laut Münch inzwischen digital organisieren. Im Darknet können entsprechende Angebote erworben werden. Für das BKA bedeute diese Entwicklung einen grundlegenden Wandel bei den Ermittlungen. „Es ist nicht nur die Frage, wer die Tat begangen hat, sondern wer hat sie bestellt, wer hat sie vermittelt, wer hat sie finanziert, wer profitiert davon?“

Digitale Kriminalität 

Die Ermittler des BKA betonen zudem die immer schwerer durchschaubaren digitalen und kriminellen Milieus. Im Mittelpunkt steht die Plattform „Archetyp Market“. Nach Einschätzung des BKA handelte es sich dabei um die weltweit größte und am längsten bestehende digitale Handelsplattform, die insbesondere für den Verkauf von Drogen genutzt wurde. Der Administrator des Marktplatzes wurde im Juni 2025 festgenommen. Unter seiner Führung wurden im Darknet unter anderem Kokain, Heroin, Cannabis und weitere Drogen gehandelt. Der Umsatz belief sich auf 250 Millionen Euro. Zum Zeitpunkt der Abschaltung waren auf der Plattform nach Angaben des BKA 3.200 Verkäufer registriert. Hinzu kamen 612.000 Kundenkonten.

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