KI und die queere Community Erste große US-Studie hinterfragte Chancen und Gefahren
Die LGBTIQ+-Medienorganisation GLAAD fordert Technologieunternehmen dazu auf, Sicherheit, Inklusion und Gleichberechtigung bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI) stärker zu berücksichtigen. In einem neuen Bericht zur Bedeutung verantwortungsvoller KI warnt die Organisation vor den besonderen Risiken, denen LGBTIQ+-Menschen durch fehlerhafte, voreingenommene oder diskriminierende KI-Systeme ausgesetzt sein könnten.
Das Wichtigste im Überblick
- Der queere US-Verein GLAAD fordert Technologieunternehmen auf, LGBTIQ+-Sicherheit als grundlegende Anforderung bei der Entwicklung von KI zu behandeln.
- Laut einer Umfrage sorgen sich viele queere Menschen wegen KI-Desinformation, Datenschutzrisiken und algorithmischer Voreingenommenheit.
- KI kann Vorurteile und Fehlinformationen über LGBTIQ+-Menschen verstärken oder diskriminierende Entscheidungen begünstigen.
- Gleichzeitig bietet KI Chancen, etwa beim Zugang zu Informationen, Unterstützung und Barrierefreiheit.
- GLAAD sieht verantwortungsvolle und inklusive KI nicht nur als ethische Pflicht, sondern auch als wirtschaftliche Notwendigkeit.
Eine KI wirklich für alle
„Für alle entwickeln oder scheitern“ lautet die zentrale Botschaft des Berichts. Inklusive KI schütze nicht nur marginalisierte Gruppen, sondern verbessere die Genauigkeit und Sicherheit von Anwendungen für alle Nutzerinnen und Nutzer. Unternehmen müssten Vorurteile abbauen, Chancengleichheit fördern und die Sicherheit von LGBTIQ+-Menschen als grundlegende Anforderung verstehen – nicht als nachträgliche Ergänzung. Nach Einschätzung von GLAAD kann Künstliche Intelligenz erhebliche Vorteile für LGBTIQ+-Personen bringen. So könnten KI-gestützte Werkzeuge dabei helfen, unterstützende Informationen zu finden, Coming-Outs vorzubereiten oder Eltern beim Verständnis und der Unterstützung ihrer queeren Kinder zu helfen.
Auch für Verbündete und Unterstützer könnten KI-Anwendungen aktuelle Herausforderungen der LGBTIQ+-Gemeinschaft verständlicher machen und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Diese positiven Effekte seien jedoch keineswegs selbstverständlich. Sie hingen von bewussten Entscheidungen bei Entwicklung, Einsatz und Regulierung der Technologie ab. Nur wenn KI auf den Prinzipien von Gleichberechtigung, Inklusion, Sicherheit und Rechenschaftspflicht basiere, könne sie sowohl LGBTIQ+-Menschen als auch der Gesellschaft insgesamt dienen.
Risiken und Gefahren
Gleichzeitig verweist GLAAD auf Risiken, die durch die zunehmende Verbreitung von KI im Alltag entstehen. LGBTIQ*-Menschen seien wie andere historisch benachteiligte Gruppen besonderen Gefahren ausgesetzt, wenn Suchmaschinen, Chatbots, Empfehlungsalgorithmen oder automatisierte Entscheidungssysteme auf verzerrten oder unvollständigen Daten basierten. Eine Umfrage der Organisation LGBT Tech aus dem Jahr 2025 zeigt laut GLAAD, dass viele queere und homosexuelle Erwachsene in den USA KI mit Skepsis betrachten. Zu den größten Sorgen zählen KI-generierte Desinformation (73%) und Risiken für die Privatsphäre (72%). Zudem befürchten 71 Prozent Voreingenommenheit bei der Moderation von Inhalten und 68 Prozent algorithmische Verzerrungen. Unter trans* Erwachsenen sind die Bedenken noch stärker ausgeprägt.
Werden LGBTIQ+-Erfahrungen und -Themen bei Trainingsdaten, Produktentwicklung und Unternehmensrichtlinien nicht ausreichend berücksichtigt, könne dies allerdings nicht nur marginalisierte Gruppen schädigen, sondern auch zu schlechteren Produkten führen, die das Vertrauen einer wachsenden Nutzergruppe verlieren. GLAAD weist darauf hin, dass KI-Systeme bestehende Vorurteile und Fehlinformationen aus ihren Trainingsdaten übernehmen oder sogar verstärken können. Dies könne zu falschen Darstellungen von queeren Menschen und LGBTIQ+-Themen führen.
Potenziale und Herausforderungen
Gleichzeitig erkennen viele LGBTIQ+-Menschen auch positive Potenziale. Laut der Umfrage glauben 65 Prozent, dass KI helfen könne, Belästigungen im Internet zu reduzieren. 73 Prozent sehen Vorteile beim Zugang zu Informationen und bei der Barrierefreiheit. Der Bericht betont, dass die LGBTIQ+-Community in den USA und weltweit wächst und vergleichsweise jung ist. Jüngere Menschen identifizieren sich häufiger als LGBTIQ+, kennen häufiger queere Personen und unterstützen die Gemeinschaft stärker. Gleichzeitig nutzen sie KI-Technologien häufiger und vielseitiger als ältere Generationen.
Zu den zentralen Herausforderungen zählt die Organisation unter anderem Vorurteile und Stereotype in KI-Modellen, die Verbreitung oder Verstärkung von Hass, Belästigung und Desinformation sowie mögliche Diskriminierung durch automatisierte Entscheidungssysteme in Bereichen wie Kreditvergabe, Wohnungsmarkt, Beschäftigung oder Werbung. Darüber hinaus warnt GLAAD vor einer übermäßigen Entfernung legitimer LGBTIQ+-Inhalte durch automatisierte Moderationssysteme. Solche Systeme könnten Inhalte fälschlicherweise blockieren, weil ihnen das notwendige Verständnis für den jeweiligen Kontext fehle. Auch Datenschutzrisiken seien problematisch, insbesondere in Staaten oder Regionen, in denen schwule, lesbische, bisexuelle und queere Menschen nicht ausreichend rechtlich geschützt seien.
Neben LGBTIQ+-spezifischen Risiken verweist der Bericht auf allgemeine Herausforderungen im Zusammenhang mit KI. Dazu zählen Halluzinationen von Sprachmodellen, die Verbreitung von Fehlinformationen etwa zu Gesundheitsthemen oder Wahlen, ideologische Verzerrungen in Modellen sowie mögliche Auswirkungen von Rechenzentren auf Umwelt und lokale Gemeinschaften. Auch Arbeitsbedingungen in der KI-Branche und psychologische Folgen einer intensiven Nutzung von Chatbots werden genannt.
Neutralität ist keine Option
In einem Vorwort des Berichts schreibt GLAAD-Präsidentin und CEO Sarah Kate Ellis, Künstliche Intelligenz sei inzwischen zu einem wichtigen Bestandteil des Alltags von Millionen Menschen geworden und diene als Quelle für Informationen, Effizienz und zwischenmenschliche Verbindung. Zugleich warnt sie vor den realen Folgen fehlerhafter Systeme. „Wie bereits bei sozialen Medien beschränken sich die Schäden nicht auf die digitale Welt. Sie wirken sich unmittelbar auf das reale Leben aus.“
Wenn KI-Systeme LGBTIQ+-Leben fälschlicherweise als Randerscheinung darstellten oder Gleichberechtigung als umstrittenes Thema behandelten, könne dies die Gesundheit, Sicherheit, Bürgerrechte und rechtliche Anerkennung von queeren Menschen gefährden. Unzureichend abgesicherte KI könne dazu führen, dass einem LGBTIQ+-Paar beispielsweise ein Kredit verweigert werde oder Eltern schädliche pseudowissenschaftliche Fehlinformationen erhielten, wenn sich ihr Kind ihnen anvertraue. „Neutralität ist keine Option mehr“, schreibt Ellis. Um ethische, inklusive und verantwortungsvolle KI zu entwickeln, müssten Technologieunternehmen bewusst und proaktiv handeln, um sichere Produkte zu schaffen.
Nach Ansicht der GLAAD-Chefin ist dies nicht nur eine moralische oder gesellschaftliche Verpflichtung. Verantwortungsvolle KI sei auch wirtschaftlich sinnvoll. Mehr als 20 Prozent der Generation Z identifizierten sich als LGBTIQ+. Dabei handele es sich um die Beschäftigten und Konsumenten der Zukunft. Die weltweite Kaufkraft von queeren Menschen werde auf 4,7 Billionen US-Dollar geschätzt. Wäre die LGBTIQ+-Gemeinschaft ein eigener Staat, wäre sie laut GLAAD die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt. Bis 2030 könnte dieser Wert auf 33 Billionen US-Dollar anwachsen. „Das Rennen um die führende KI wird von denjenigen gewonnen werden, die das Vertrauen von Unternehmen und der breiten Öffentlichkeit gewinnen. Das ist nur mit KI möglich, die für alle Menschen sicher ist“, betont Ellis.