Direkt zum Inhalt
Homosexuelle Segnungen

Homosexuelle Segnungen Halbherzig und zähneknirschend will die Kirche von England besondere Gottesdienste für Schwule und Lesben zulassen – aus Zwang, nicht aus Einsicht.

ms - 16.11.2023 - 11:00 Uhr
Loading audio player...

In der Not frisst der Teufel Fliegen, sagt man. Ähnlich bitter muss es jetzt für die Kirche von England gewesen sein, in den kommenden Wochen erstmals wahrscheinlich Segnungen von Homosexuellen zuzulassen. Mit einer knappen Mehrheit von nur einer Stimme votierte das Leitungsgremium der Kirche jetzt dafür, unterstützt von der Generalsynode.

Zähneknirschende Zustimmung

Der Schritt ist keineswegs freiwillig gewählt, sondern die letztmögliche zähneknirschende Wahl, nachdem die britische Regierung der Weltkirche mit 80 Millionen Mitgliedern angedroht hatte, die kirchlichen Sonderrechte zu entziehen, sollten sie Schwule und Lesben nicht gleichstellen. Würden diese Sonderrechte gestrichen werden, müsste sich die Kirche zudem wie jede andere Organisation den Anti-Diskriminierungsrichtlinien im Vereinigten Königreich beugen, die erneut die Gleichstellung von Homosexuellen festlegen.

Ein Ausweg für die Kirche gab es nicht – trotzdem war bereits im Vorfeld die Kritik an schwul-lesbischen Segnungen sehr groß, gerade in stark ausgeprägten Kirchen in Afrika ist der Widerstand besonders laut, immer wieder ist die Rede von einer Spaltung der Kirche selbst. Alle anderen Änderungsantrage, die mehr Rechte für Homosexuelle vorgesehen hatten, wurden strikt abgelehnt. Der Kampf zwischen Progressiven und Traditionalisten geht also weiter.

Schwule Segnungen bei „experimentellen“ Gottesdiensten

Die Kirche von England versucht einmal mehr dabei trotzdem die Quadratur des Kreises, denn natürlich sind die homosexuellen Segnungen nicht in einen regulären Gottesdienst eingebettet, sondern sollen nur probeweise und nur bei eigenständigen Gottesdiensten einmal wöchentlich am Samstag angeboten werden. Zudem bekräftigte der Bischof von Oxford, Steven Croft, dass die „experimentellen“ eigenständigen Gottesdienste freiwillig seien, kein Mitglied des Klerus sei dazu verpflichtet, solche Dienste anzubieten.

Während das Oberhaupt der Kirche, der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, versuchte, das bittere Zugeständnis positiv zu verkaufen, erklärte seine Kollegin, die Bischöfin von London, Sarah Mullally: „Die Wahrheit ist – und das haben wir heute wieder gesehen –, dass die Kirche von England in Fragen der Sexualität und der Ehe nicht einer Meinung ist.“

Kirche bleibt zutiefst homophob

Deutlichere Worte fand LGBTI*-Aktivistin Jayne Ozanne, die sich innerhalb der Kirche für die Gleichstellung der Ehe einsetzt – die Entscheidung biete zwar „einen winzigen Hoffnungsschimmer für LGBTI*-Menschen“, aber: „Die Kirche bleibt zutiefst homophob, was auch immer Bischöfe und Erzbischöfe sagen mögen. Ich fürchte, dass ein Großteil der Nation die Kirche als missbräuchlich, heuchlerisch und lieblos beurteilen wird - und damit haben sie leider recht.“

Auch innerhalb der Kirche gibt es allerdings bedauern über die halbherzige Entscheidung. Pfarrer John Dunnett, nationaler Direktor des Evangelischen Rates der Kirche von England, sagte, er sei „betrübt und traurig“ über diese Entscheidung und erklärte weiter: „Es wird die örtlichen Pfarrgemeinden auseinanderreißen, die Beziehung zwischen einer großen Anzahl von Geistlichen und ihren Bischöfen beschädigen und dazu führen, dass die Gemeinden in den Diözesen das Gefühl haben, dass ihre Hirten sie im Stich gelassen haben.“

Homosexuelle Segnungen – unvereinbar mit der Bibel?

Die Positionen indes verhärten sich immer mehr, denn von konservativ christlicher Seite betonte Rechtsanwalt Daniel Matovu, zugleich Laienmitglied der Synode, dass die Segnung von Homosexuellen „im Widerspruch zu Gottes Wort und mit diesem völlig unvereinbar“ sei, denn die Bibel mache deutlich, dass ein Mann, der mit einem anderen Mann schlafe, nicht in das Himmelreich kommen könne. Viele andere Kirchen im Vereinigten Königreich sehen das allerdings inzwischen deutlich anders, auch das anglikanische Pendant in Schottland – die Schottischen Episkopalkirche – sowie die Presbyterianische Kirche von Schottland lassen beide gleichgeschlechtliche Trauungen zu.

Anzeige
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Karriere stark geschädigt

Queere Beschäftigte benachteiligt

Ein bisexueller Wertpapierhändler aus Texas klagt gegen seinen früheren Arbeitgeber JPMorgan und erhebt Vorwürfe wegen Diskriminierung am Arbeitsplatz.
Iran wirft ihnen Verrat vor

Sportlerinnen schweigen bei Hymne

Beim Asien-Cup im Frauenfußball in Australien sorgten die Spielerinnen aus dem Iran mit einer mutigen Geste für internationales Aufsehen.
Prozess gegen Ex-FDP-Politiker

Zusammen 7-Jährigen missbraucht?

Prozessauftakt gegen den ehemaligen FDP-Bundestagsabgeordneten Hartmut Ebbing und eine Lehrerin wegen sexuellem Missbrauch eines Siebenjährigen.
Sex mit einer KI

Mehrheit hat Lust auf Experimente

Sex mit einer KI? Eine neue Studie zeigt auf: Für 55 Prozent der Menschen ist das reizvoll, insbesondere beim Ausleben von Sex-Wünschen und Fetischen.
Mordfall Billy London

Neue Dokumentation über Horrortat

Der schwule Adultstar Billy London wurde 1990 im Alter von 25 Jahren grausam ermordet, ein Cold Case für viele Jahre. Eine neue Doku zeigt nun Details
Lachnummer Donald Trump

Goldstatue vor dem US-Kapitol

Eine Goldstatue im Park vor dem US-Kapitol zeigt derzeit US-Präsident Donald Trump in einer homoerotischen Szene mit Verbrecher Jeffrey Epstein.
Trump droht mit Stillstand

Streit um Wählerregistrierung

US-Präsident Trump verbindet Gesetze zur besseren Wählerregistrierung mit neuen Anti-Trans-Gesetzen und fordert "Vollgas" bei der Umsetzung.
Zweite Pride-Klage ausgesetzt

Pécs Pride-Organisator vor Gericht

Nach Budapest wurde nun auch das Verfahren gegen den Pécs Pride-Organisator ausgesetzt. Die Richter hinterfragen die Rechtmäßigkeit des Pride-Verbots.