Homo-Heilung in Nigeria Homosexuelle erleben radikale Umpolungspraktiken
Lynchjustiz, willkürliche Verhaftungen, Folger und Mord – bis heute Alltag für viele Homosexuelle in Nigeria. Nur gelegentlich gelingt es, Betroffene zu befreien, die einmal in die homophoben Mühlen der Justiz geraten sind. Seit 2024 verschlimmert sich die Lage zusehends immer weiter, zuletzt vermeldete jetzt die Organisation Human Rights Watch (HRW), dass nun auch Konversionstherapien im Land in den letzten Monaten deutlich angestiegen sind. Ein Coming-Out ist mehr denn ja mit erheblichen persönlichen Risiken verbunden.
Jeder Zweite erlebt Homo-Heilungen
Immer mehr junge homosexuelle Nigerianer berichten dabei von familiärer Ablehnung, religiösem Druck, gesellschaftlicher Ausgrenzung und staatlicher Repression. Eine aktuelle Umfrage der nigerianischen Menschenrechtsorganisation The Initiative for Human Rights (TIERs) ergab, dass inzwischen bereits 49 Prozent der Schwulen und Lesben im afrikanischen Land am Golf von Guinea eine Konversionstherapie erlebt haben, weitere 36 Prozent der nicht direkt Betroffenen kennen demnach jemanden, der solche Maßnahmen durchlaufen musste.
Die Schilderungen der Opfer zeigen dabei deutlich auf, dass in vielen Fällen in Nigeria besonders rabiate und gewaltsame Methoden angewandt werden, um Homosexualität zu „heilen“. Schwule Männer mussten über Wochen hinweg hungern, wurden geschlagen, zu tagelangem Beten gezwungen oder mit extremer Hitze oder Kälte sowie Elektroschock-Maßnahmen malträtiert, beinahe durchwegs umgesetzt von Vertretern der Kirche.
Der Großteil der Eltern unterstützt die unseriösen Therapien, in vielen Fällen wenden sich Mütter und Väter ganz direkt an den nächsten Pastor, wenn sie befürchten oder wissen, dass ihr Kind homosexuell sein könnte. Für die meisten Schwulen und Lesben ist ein Coming-Out innerhalb der Familie daher bis heute keine Option, noch dazu, wo auch Gewalt innerhalb der Familie nicht selten ist. Auch in Freundeskreisen ist die Ablehnung von Homosexualität bis heute stark ausgeprägt.
Flucht ins Internet
Die meisten homosexuellen Nigerianer flüchten daher ins Internet, suchen nach Kontakten über die sozialen Medien. HRW-Fachleute betonen die Bedeutung sozialer Unterstützung für die psychische Gesundheit queerer Jugendlicher. Fehlender Rückhalt könne zu Scham, internalisierter Homophobie und Identitätskonflikten führen. „Ich habe mich öfter gefragt, warum ich überhaupt so etwas denken oder wollen würde – selbst nachdem ich meine Sexualität eigentlich akzeptiert hatte. Positive Darstellungen von Schwulen auf Social Media haben mir dann geholfen. Bis heute leide ich aber unter gesellschaftlicher Stigmatisierung, die auch die Partnersuche erschwert. Einen schwulen Mann in Nigeria zu finden, ist wie einen blauen Vogel zu entdecken“, so ein 20-Jähriger gegenüber der queeren Organisation 76crimes.
Sorgenfrei ist die Kontaktaufnahme online deswegen noch lange nicht, auch hier sind die Risiken groß, Opfer von Gewalt zu werden. Bei den sogenannten „Kito“-Fällen werden verstärkt schwule Männer unter falschem Vorwand zu Treffen oder Veranstaltungen gelockt und anschließend angegriffen, misshandelt und vergewaltigt. Human Rights Watch registrierte zuletzt binnen fünf Jahren einen Anstieg der Gewalt gegen homosexuelle und queere Personen um 214 Prozent.
Keine Hilfe in der Heimat
Rechtlich verschärft hat sich die Lage seit dem Same-Sex Marriage Prohibition Act (SSMPA) von 2014 immer mehr. Das Gesetz verbietet gleichgeschlechtliche Ehen, das Zusammenleben gleichgeschlechtlicher Paare, öffentliche Zuneigung sowie LGBTIQ+-Organisationen. Verstöße können mit bis zu 14 Jahren Haft bestraft werden. Unterstützer der Community riskieren bis zu zehn Jahre Gefängnis. „Die Realität ist, dass wir ganz genau wissen, dass das Gesetz hier nicht auf unserer Seite ist. Es ist eine harte Welt für homosexuelle Menschen – und ich mache niemandem einen Vorwurf, der einfach nur versucht, den Kopf irgendwie über Wasser zu halten“, so ein 24-jähriger schwuler Mann namens Alex abschließend.