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HIV-Wissen geht zurück
Foto: iStock / RobertoDavid
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HIV-Wissen geht zurück Medien zeigen zu wenig Realität, Vorurteile wachsen

ms - 21.08.2026 - 09:00 Uhr
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Zwischen den medizinischen Fortschritten bei HIV und dem Wissen der Bevölkerung klafft in den USA eine wachsende Lücke. Das zeigt der sechste jährliche Bericht zum Stand der HIV-Stigmatisierung der queeren Organisation GLAAD. Rund 1,2 Millionen Menschen leben in den USA mit HIV, 13 Prozent wissen nach Angaben des Berichts nichts von ihrer Infektion. Tests bleiben deshalb entscheidend.

Das Wichtigste im Überblick

  • 44 Prozent: Fast die Hälfte der US-Amerikaner lehnt die wissenschaftlich belegte Aussage ab, dass Menschen mit nicht nachweisbarer Viruslast HIV beim Sex nicht übertragen können.
  • Wissenslücke bei Gen Z: Nur 31 Prozent der jungen Erwachsenen fühlen sich über HIV informiert, bei der Generation X sind es 60 Prozent.
  • Stigma bleibt ein Problem: 77 Prozent sagen, Stigmatisierung halte Menschen vom HIV-Test ab, 73 Prozent sehen darin ein Hindernis für eine Behandlung.
  • Kaum Sichtbarkeit: 72 Prozent haben im vergangenen Jahr keine Geschichte über einen Menschen mit HIV gesehen. In 225 untersuchten Kinofilmen gab es nur eine HIV-Figur.
  • Weniger Präventionsmittel: Rund 600 Millionen US-Dollar an CDC-Präventionszuschüssen wurden beendet. Zugleich erschweren HIV-Strafgesetze und unsichere Gesundheitsfinanzierungen den Zugang zur Versorgung.

Medizin macht Fortschritte – das Wissen nicht

Für die Untersuchung wurden 2.500 Erwachsene in den USA befragt. Hinzu kamen Fokusgruppen des Meinungsforschungsinstituts Ipsos. Ein zentrales Ergebnis: Obwohl 2026 zehn Jahre seit der Etablierung des wissenschaftlichen Konsenses über U=U („Nicht nachweisbar = nicht übertragbar“) markiert, widersprechen 44 Prozent der Befragten weiterhin der Tatsache, dass Menschen mit nicht nachweisbarer Viruslast HIV beim Sex nicht übertragen können. Besonders groß ist die Wissenslücke bei der Generation Z. Nur 31 Prozent der Gen-Z-Erwachsenen fühlen sich über HIV informiert, verglichen mit 60 Prozent der Generation X. Auch die Bereitschaft zum Umgang mit Menschen mit HIV ist gesunken. 61 Prozent fühlen sich im Umgang mit Familienmitgliedern mit HIV wohl, 2024 waren es noch 66 Prozent. Nur 45 Prozent fühlen sich wohl bei medizinischem Fachpersonal, das HIV hat.

Stigma erschwert Situation 

Die Stigmatisierung hat konkrete Folgen für die Gesundheitsversorgung. 79 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass Menschen mit HIV Diskriminierung ausgesetzt sind. 77 Prozent sagen, Stigma halte Menschen davon ab, sich testen zu lassen. 73 Prozent sehen darin ein Hindernis dafür, dass Betroffene eine Behandlung suchen. GLAAD-Präsidentin Sarah Kate Ellis fordert deshalb mehr Aufklärung und eine zeitgemäße Darstellung von HIV. „Amerikaner brauchen genaue Informationen, authentische Geschichten und politische Maßnahmen, die die heutige Realität des Lebens mit HIV sowie die enormen Fortschritte bei Prävention und Behandlung widerspiegeln. Dieser Bericht sollte ein Weckruf für Medien, Verantwortliche im öffentlichen Gesundheitswesen, politische Entscheidungsträger und Aktivisten sein, damit die Art und Weise, wie wir über HIV sprechen, mit dem Schritt hält, was die Wissenschaft bereits möglich gemacht hat.“ Terrance Hunter, Vizepräsident für strategische Initiativen bei 26Health, sagt: „Stigmatisierung ist nicht verschwunden. Sie hat sich verändert.“ Wenn die HIV-Epidemie beendet werden solle, müsse die Stigmatisierung ebenso konsequent abgebaut werden wie die Behandlung weiterentwickelt werde.

HIV und die Medien

Nach Angaben des Berichts ist die mediale Sichtbarkeit von HIV deutlich zurückgegangen. 72 Prozent der Amerikaner haben im vergangenen Jahr keine Geschichte über reale Menschen mit HIV gesehen. 70 Prozent sahen weder im Fernsehen noch in Filmen entsprechende Darstellungen. GLAAD erfasste in der Fernsehsaison 2024/2025 lediglich eine LGBTIQ+-Figur mit HIV. Diese Figur werde nicht zurückkehren. Auch im Kino ist HIV nahezu unsichtbar: Von 225 untersuchten Filmen großer Studios enthielt nur einer eine Figur mit HIV – und die Handlung spielte in den frühen Jahren der Epidemie statt in der Gegenwart. Bei Podcasts lag der Anteil noch niedriger: Nur 0,09 Prozent der untersuchten Folgen erwähnten HIV. Lediglich 15 Prozent der Befragten hatten im vergangenen Jahr eine entsprechende Geschichte in sozialen Medien gesehen. Die Folge ist laut GLAAD ein „Unsichtbarkeitsparadox“: Weil Menschen immer seltener mit realen Geschichten über HIV konfrontiert werden, können sich überholte Vorstellungen und Mythen halten.

Informationen sind da, Verständnis nicht

Auch die Art, wie Menschen Informationen erhalten, hat sich verändert. Neben klassischen Medien spielen soziale Netzwerke, Podcasts, Streamingplattformen, Influencer und künstliche Intelligenz eine immer größere Rolle. Ellis schreibt dazu: „Der Zugang zu Informationen hat sich erweitert, aber Vertrauen ist schwieriger aufzubauen geworden, und Fehlinformationen verbreiten sich schneller als je zuvor.“ Gerade für jüngere Menschen ist dies problematisch. Die Generation Z ist laut GLAAD die offenste LGBTIQ+-Generation. Nach Angaben von Gallup identifiziert sich mehr als jeder fünfte US-Erwachsene unter 30 als LGBTIQ+. Gleichzeitig fühlen sich viele junge Menschen schlecht über HIV und dessen heutige Realität informiert.

Dabei hat sich die medizinische Situation grundlegend verändert. Neben U=U hat insbesondere die Präexpositionsprophylaxe PrEP die Möglichkeiten zur HIV-Prävention erweitert. Menschen mit HIV können bei wirksamer Behandlung ein langes und gesundes Leben führen. Ellis betont: „Wissenschaftlicher Fortschritt allein beendet die Stigmatisierung nicht.“ Aufklärung, Sichtbarkeit und kulturelles Verständnis müssten sich gemeinsam mit der Medizin weiterentwickeln.

Fünf zentrale Probleme

Der Bericht sieht fünf wesentliche Entwicklungen. Erstens verstärkten die fragmentierte Medienlandschaft und KI Wissenslücken über HIV. Menschen informierten sich über soziale Netzwerke, Suchmaschinen, Podcasts, KI-Anwendungen und Gespräche mit Freunden – die Informationen seien jedoch nicht immer eindeutig oder konsistent. Zweitens gehe die geringe Sichtbarkeit von Menschen mit HIV in den Medien mit anhaltender Stigmatisierung einher. Drittens seien aktuelle HIV-Geschichten selten, häufig überholt und von Angst und Krise geprägt. Es fehlten Geschichten über Menschen mit HIV, die arbeiten, Beziehungen führen, Familien gründen und ein erfülltes Leben führen.

Viertens beeinflusse Stigma konkrete Entscheidungen im Gesundheitswesen. Menschen könnten Tests hinauszögern oder medizinische Versorgung meiden. Besonders ausgeprägt sei dies in ländlichen Regionen und bei marginalisierten Gruppen. Fünftens gerieten Prävention und Versorgung durch staatliche Kürzungen und HIV-Kriminalisierungsgesetze unter Druck. In 32 US-Bundesstaaten gelten dem Bericht zufolge weiterhin Gesetze, die HIV-bezogene Handlungen kriminalisieren und Menschen davon abhalten können, sich testen zu lassen. Zudem wurden rund 600 Millionen US-Dollar an CDC-Präventionszuschüssen beendet. Zusammen mit unsicheren Finanzierungen von Medicaid und ADAP entstehen dadurch zusätzliche Hürden bei der Versorgung und bei der Finanzierung von Medikamenten wie PrEP.

Hoffnung trotz Rückschritten

Daniel J. Downer, Berater für Rassengerechtigkeit bei Blue Ridge Pride, warnt vor den Folgen instabiler Finanzierung: „Wenn die Medicaid-Versorgung instabil ist, wenn die Finanzierung von Prävention stagniert und wenn Gesundheitsämter unterbesetzt sind, gibt es kein Ersatzsystem, das im Hintergrund wartet. Eine einzige Finanzierungslücke kann darüber entscheiden, ob jemand dauerhaft eine unterdrückte Viruslast aufrechterhält oder aus der Versorgung herausfällt.“ Tami Haught und Kamaria Laffrey, Co-Geschäftsführerinnen des Sero Project, fordern gemeinsame Verantwortung: „Medien müssen sich weiterentwickeln und zu einer genauen und verantwortungsvollen Berichterstattung gelangen. Politische Entscheidungsträger müssen schädliche Gesetze beenden und in gerechte Gesundheitssysteme investieren. Geldgeber müssen von der Gemeinschaft entwickelte Lösungen finanzieren.“

Trotz der Probleme sieht der Bericht Anlass zur Hoffnung. Die Befragungen zeigen demnach, dass Menschen mehr ehrliche, moderne und differenzierte Geschichten über HIV wünschen. Sie wollten die heutige Realität sehen und nicht die angstgeprägten Darstellungen vergangener Jahrzehnte. Die Autoren der Studie fordern deshalb, HIV-Aufklärung stärker dorthin zu bringen, wo Menschen heute Informationen aufnehmen: in soziale Netzwerke, digitale Plattformen, Podcasts und KI-Anwendungen. Zugleich müsse die Darstellung von HIV vielfältiger werden und den Alltag von Menschen mit HIV zeigen. „Beendigung der HIV-Stigmatisierung ist möglich“, lautet die zentrale Botschaft. Dafür müssten Wahrheit statt Fehlinformation, Sichtbarkeit statt Schweigen und Empathie statt Angst stehen. Nur so lasse sich eine Zukunft erreichen, in der HIV-Übertragungen beendet werden und Menschen mit HIV offen, sicher und frei von Stigmatisierung leben können.

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