Hinrichtungen in Saudi-Arabien Todesstrafe bei echten und angeblichen Drogendelikten
Saudi-Arabien hat seit Beginn des Jahres 2026 fast 100 Menschen hingerichtet, darunter mit großer Wahrscheinlichkeit auch eine unbekannt große Zahl homosexueller Männer. Eine offizielle Bestätigung ist nicht möglich, da die saudischen Behörden keine Angaben zur sexuellen Orientierung der Hingerichteten machen. Angesichts der strafrechtlichen Verfolgung homosexueller Menschen im Königreich halten Menschenrechtler dies jedoch für sehr wahrscheinlich. Immer wieder werden als Urteilsbegründung auch anderweitige Anschuldigungen wie Drogenbesitz vorgeschoben.
Das Wichtigste im Überblick
- Saudi-Arabien hat seit Jahresbeginn 2026 fast 100 Menschen hingerichtet.
- Unter den Opfern sind wahrscheinlich auch homosexuelle Männer, offizielle Angaben werden von den Behörden nicht veröffentlicht.
- 61 der bislang 96 dokumentierten Hinrichtungen erfolgten so offiziell wegen Drogendelikten.
- Amnesty International kritisiert die Praxis als Verstoß gegen internationale Menschenrechtsstandards.
- Die Menschenrechtsorganisation fordert ein sofortiges Moratorium als ersten Schritt zur Abschaffung der Todesstrafe.
Verstoß gegen das Völkerrecht
Nach Angaben von Amnesty International wurden zwischen dem 1. Januar und dem 22. Juni insgesamt 96 Menschen hingerichtet. Davon entfielen 61 Exekutionen auf Drogendelikte. Die Menschenrechtsorganisation sieht darin einen besorgniserregenden Trend und fordert Saudi-Arabien auf, umgehend ein Moratorium für die Todesstrafe zu verhängen – als ersten Schritt zu ihrer vollständigen Abschaffung. „Während weltweit immer mehr Regierungen und internationale Institutionen anerkennen, dass Drogenprobleme mit evidenzbasierten und menschenrechtskonformen Mitteln gelöst werden müssen, hält Saudi-Arabien an Hinrichtungen fest“, sagt Dana Ahmed, Nahost-Expertin bei Amnesty International. „Auch für Taten, die nach dem Völkerrecht und internationalen Standards niemals mit dem Tod bestraft werden dürften.“
Drogendelikte als Urteilsgrund
Dazu kommt, dass immer offenbar immer wieder Drogendelikte als Urteilsbegründung nur vorgeschoben werden. Von den 96 dokumentierten Hinrichtungen wurden 61 wegen offiziell Drogendelikten vollstreckt. Davon waren 39 ausländische und 22 saudische Staatsangehörige. Die wegen Drogendelikten Hingerichteten stammten unter anderem aus Äthiopien, Pakistan, dem Sudan, Jordanien und Syrien.
Besonders häufig trifft die Todesstrafe ausländische Staatsangehörige, die Amnesty zufolge vielfach nach grob unfairen Gerichtsverfahren verurteilt werden. Die Sorge um weitere Gefangene wächst. In einer Haftanstalt in Khamis Mushait im Südwesten Saudi-Arabiens sitzen mindestens 63 äthiopische Staatsangehörige ausschließlich wegen Drogendelikten in Haft. Nach Einschätzung der Menschenrechtsorganisation droht ihnen möglicherweise die unmittelbar bevorstehende Hinrichtung. Bereits zu Jahresbeginn wurden dort sieben Äthiopier wegen „Haschischschmuggels“ hingerichtet.
Rekordzahlen bei Exekutionen
Saudi-Arabien zählt seit Jahren zu den Staaten mit den meisten Hinrichtungen weltweit. Amnesty International dokumentierte für das Jahr 2025 mindestens 356 Exekutionen. Das sind mehr als doppelt so viele wie 2024, als 122 Todesurteile vollstreckt wurden. Zwischen Januar 2014 und Juni 2026 wurden nach Angaben der Organisation insgesamt 2.084 Menschen hingerichtet.
Auch unter diesen Opfern könnten sich mit großer Wahrscheinlichkeit homosexuelle Männer befunden haben. Eine Überprüfung ist jedoch auch hier kaum möglich, weil die Behörden keine entsprechenden Informationen veröffentlichen und betroffene Familien die sexuelle Orientierung der Opfer auch nach dem Tod aus Angst vor Repressionen weiter geheim halten. Zudem: Ausländische Staatsangehörige sind überproportional betroffen. Im Jahr 2024 entfielen 75 Prozent der Hinrichtungen wegen Drogendelikten auf Ausländer, 2025 lag ihr Anteil bereits bei 78 Prozent.
Weltweiter Anstieg der Todesstrafe
Nach Angaben von Amnesty International nimmt die Zahl der Hinrichtungen wegen Drogendelikten weltweit seit Jahren zu. Inzwischen entfallen mehr als 40 Prozent aller bekannten Exekutionen auf entsprechende Straftaten. Im Jahr 2025 wurden weltweit 1.257 Hinrichtungen – 46 Prozent aller bekannten Fälle – wegen Drogendelikten registriert. Sie fanden in China, Iran, Kuwait, Saudi-Arabien und Singapur statt. Nachdem die Zahl der Staaten, die die Todesstrafe vollstrecken, bis 2024 kontinuierlich zurückgegangen war, zeichnet sich seit 2025 wieder eine Trendwende ab. Algerien, Kuwait und die Malediven arbeiten an Gesetzen, die auch Drogendelikte mit dem Tod bestrafen würden. Jordanien nahm in dieser Woche nach neun Jahren erstmals wieder Hinrichtungen vor und exekutierte sechs Menschen. Zugleich kündigte die Regierung an, die Todesstrafe künftig auf bestimmte Drogendelikte ausweiten zu wollen.
Amnesty fordert internationales Handeln
Nach internationalem Recht und internationalen Standards dürfe die Todesstrafe für Drogendelikte nicht verhängt werden, ebenso wenig offiziell wie inoffiziell natürlich für homosexuelle Handlungen. Amnesty International bezeichnet diese Praxis als rechtswidrig, willkürlich und diskriminierend. Der Menschenrechtsverein rief daher zusammen mit einem Bündnis von 62 weiteren Organisationen die Vereinten Nationen dazu auf, die Anwendung der Todesstrafe für Drogendelikte unmissverständlich zu verurteilen. Nach Auffassung der Organisationen müsse außerdem ein klares Bekenntnis zur Abschaffung der Todesstrafe Bestandteil der künftigen Strategie werden. An Saudi-Arabien richtet Amnesty International die Forderung, unverzüglich ein Moratorium für Hinrichtungen zu verhängen. Dies müsse der erste Schritt zur vollständigen Abschaffung der Todesstrafe sein.