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Drogenkrise in Deutschland

Drogenkrise in Deutschland Immer mehr junge Menschen betroffen, Experten fordern sofortiges Handeln

ms - 08.07.2026 - 10:00 Uhr
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Die Zahl der Drogentoten in Deutschland bleibt auf einem alarmierend hohen Niveau. Nach dem Drogenbericht 2025 starben im vergangenen Jahr 2.150 Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums. Besonders besorgniserregend ist nach Angaben des Sucht- und Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Hendrik Streeck, die Entwicklung bei jungen Menschen: „Fast jeder vierte Drogentote ist inzwischen jünger als 30 Jahre. Und bei den unter 20-Jährigen hat sich die Zahl der Todesfälle in den letzten vier Jahren fast verdoppelt.“ 

Das Wichtigste im Überblick

  • 2025 starben in Deutschland 2.150 Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums.
  • Fast jeder vierte Drogentote war jünger als 30 Jahre, bei den unter 20-Jährigen hat sich die Zahl der Todesfälle innerhalb von vier Jahren nahezu verdoppelt.
  • Mischkonsum mehrerer Substanzen spielte bei vier von fünf Todesfällen eine Rolle.
  • Synthetische Opioide und hochpotente Substanzen bereiten Experten zunehmend Sorgen.
  • Drogenmissbrauch gerade auch in der queeren Community ein Problem
  • Sucht- und Drogenbeauftragter Hendrik Streeck fordert mehr Prävention, Frühwarnsysteme und besser ausgestattete Hilfsangebote.
  • Fachverbände verlangen mit einem Fünf-Punkte-Plan den flächendeckenden Ausbau wissenschaftlich belegter Maßnahmen.

Zahl der Drogentoten bleibt hoch 

Nach Angaben des Berichts bleibt die Dunkelziffer drogenbedingter Todesfälle hoch. Auffällig sei vor allem, dass bei jüngeren Betroffenen häufig Medikamente wie Benzodiazepine oder opioidhaltige Schmerzmittel wie Tilidin konsumiert worden seien. Diese würden oftmals gemeinsam mit Alkohol, Kokain oder Cannabis eingenommen. „Und die Mischung ist dann häufig tödlich“, so Streeck weiter. Der sogenannte Mischkonsum spielt seit Jahren eine zentrale Rolle. Laut Drogenbericht hatten im Jahr 2025 vier von fünf Drogentoten vor ihrem Tod mehrere Substanzen gleichzeitig konsumiert. Die leichte Verfügbarkeit der Drogen verschärfe das Problem zusätzlich.

Die meisten Todesfälle standen im Zusammenhang mit Opiaten und Opioiden. Insgesamt wurden 1.316 entsprechende Vergiftungen registriert. Es folgten Vergiftungen mit Kokain oder Crack (769), Heroin oder Morphin (708), psychoaktiven Medikamenten (696), Opiat-Substituten wie Methadon (611) sowie Amphetaminen (602). Zudem weist der Bericht auf die zunehmende Verbreitung synthetischer Opioide hin. So wurden 118 Todesfälle mit Beteiligung des hochpotenten Schmerzmittels Fentanyl erfasst. 

Opiate auf dem Schwarzmarkt 

Der Arzt Thomas Peschel, in dessen Praxis der Bericht vorgestellt wurde, berichtete von den Erfahrungen seiner Patienten. „Schwarzmarkt, Darknet vor allem, mit Kryptowährung bezahlen, Drogentaxis, und vor allem eben jüngere Leute, die wahrscheinlich auch über soziale Medien, über Prominente, die das vor sich hertragen, beeinflusst werden. Das ist besorgniserregend, vor allem, dass die Substanzen immer potenter werden und damit dann wesentlich tödlicher.“ Streeck sieht die Ursachen jedoch nicht allein im Drogenangebot. Auch das Hilfesystem gerate zunehmend an seine Grenzen: „Dieses System ist unter Druck geraten. Hilfe ist an vielen Stellen schwer erreichbar, zu langsam und sehr unterfinanziert. Und Angebote verschwinden, weil Träger die Kosten nicht mehr tragen können oder Kommunen sparen müssen.“

Problem in der Community 

Auch in Teilen der schwulen und queeren Community gilt problematischer Drogenkonsum seit Jahren als besondere Herausforderung. Fachleute verweisen unter anderem auf Chemsex, bei dem psychoaktive Substanzen gezielt im Zusammenhang mit Sexualkontakten konsumiert werden. Als Gründe gelten unter anderem der Abbau von Hemmungen, der Wunsch nach intensiveren Erlebnissen sowie psychische Belastungen, die etwa durch Diskriminierung, Ausgrenzung oder Einsamkeit entstehen können. Gleichzeitig betonen Experten, dass diese Problematik nur einen kleinen Teil der queeren Community betrifft und keinesfalls auf alle lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* oder queeren Menschen übertragen werden darf. Erste Studien wie aus Österreich deuten darauf hin, dass bis zu 20 Prozent der LGBTIQ+-Menschen schon einmal Drogen beim Sex konsumiert haben. 

Forderungen von Fachverbänden

Nach Angaben des Drogenbeauftragten arbeitet die Bundesregierung unter anderem an einem Frühwarnsystem, das gefährliche Entwicklungen auf dem Drogenmarkt schneller erkennen soll. Zudem sei eine Aufklärungskampagne zu Kokain in den sozialen Medien gestartet worden. Dennoch sieht Streeck weiteren Handlungsbedarf. „Ich finde, 2.150 Drogentote sind 2.150 Gründe genug, dass wir diese Situation ernst nehmen müssen und wirklich etwas ändern müssen.“ Parallel zur Veröffentlichung des Drogenberichts forderten mehrere Fachorganisationen zusätzliche Maßnahmen. Das Netzwerk hinter der bundesweiten Kampagne #GibMir5 bezeichnete die aktuellen Zahlen als „erschütternd“. Besonders der Anstieg der Todesfälle bei jungen Menschen sei alarmierend.

„Wir gehen davon aus, dass junge Menschen oft synthetische, hochpotente Drogen zu sich nehmen, von denen sie nicht wissen, wie genau sie wirken. Wir brauchen unbedingt mehr Aufklärung und Frühwarnsysteme, um diese Fälle verhindern zu können“, sagte Eva Egartner vom Fachverband Drogen- und Suchthilfe fdr+. Nach Einschätzung der Fachverbände verschärfen die zunehmende Verbreitung von Crack, synthetischen Opioiden, unberechenbare Wirkstoffgehalte und der Mischkonsum die Lage erheblich. Die Organisationen verweisen darauf, dass viele Todesfälle vermeidbar seien und fordern deshalb einen bundesweiten Ausbau wissenschaftlich belegter Schutzmaßnahmen.

Fokus auf junge Menschen

Im Rahmen der Kampagne #GibMir5 sprechen sich die Organisationen für einen Fünf-Punkte-Plan aus. Gefordert werden der Ausbau kommunaler Frühwarnsysteme, flächendeckendes Drugchecking, mehr Drogenkonsumräume, ein niedrigschwelliger Zugang zum Notfallmedikament Naloxon sowie eine stärkere Ausweitung der Substitutionsbehandlung. Nach Ansicht der Fachverbände erreichen Präventionsangebote und Hilfsstrukturen insbesondere junge Konsumentinnen und Konsumenten, die sich zu 22 Prozent als LGBTIQ+ definieren, bislang nicht ausreichend. Gerade Menschen, die erstmals oder nur zeitweise Drogen konsumierten, seien den Risiken synthetischer Substanzen häufig schutzlos ausgesetzt.

Auch Dr. Maurice Cabanis, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin, fordert entschlossenes Handeln. „Die aktuellen Zahlen zeigen, dass wir alle verfügbaren Möglichkeiten nutzen müssen, um Menschenleben zu schützen. Aus medizinischer Sicht wissen wir, dass viele drogenbedingte Todesfälle vermeidbar sind. Entscheidend ist deshalb, Risiken frühzeitig zu reduzieren und Menschen gerade in besonders vulnerablen Konsumphasen zuverlässig zu erreichen. Harm-Reduction-Maßnahmen schaffen Schutz, verhindern Todesfälle und eröffnen zugleich Zugänge zu Beratung, Behandlung und langfristiger Stabilisierung“, sagte er. Die Fachverbände appellieren an Bund, Länder und Kommunen, wissenschaftliche Erkenntnisse konsequent umzusetzen und die Suchthilfe strukturell zu stärken. Zudem sprechen sie sich für die Einrichtung eines interdisziplinären Drogen- und Suchtrates aus. Ihr Fazit: Es dürfe „kein weiteres Jahr mit steigenden Todeszahlen geben“ und „kein weiteres Jahr geben, in dem wir zusehen, wie vor allem junge Menschen sterben“.

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