Die Jugend altert schneller Neue Hinweise der Forschung: Rätsel über biologisches Alter
Krebs gilt traditionell als Erkrankung des höheren Lebensalters. Doch Mediziner beobachten seit einigen Jahren eine gegenläufige Entwicklung: Bestimmte Tumorerkrankungen treten zunehmend auch bei jungen Erwachsenen auf. Eine aktuelle Studie aus den USA liefert nun einen möglichen Erklärungsansatz. Demnach könnten jüngere Generationen biologisch schneller altern als frühere – und dadurch ein höheres Risiko für bestimmte Krebsarten haben. Das würde insbesondere viele junge queere Menschen treffen, denn in der jungen Generation Z definieren sich mindestens 22 Prozent als LGBTIQ+.
Das Wichtigste im Überblick
- Immer mehr Menschen unter 50 erkranken an bestimmten Krebsarten, insbesondere an Darmkrebs.
- Forscher sehen einen möglichen Zusammenhang zwischen beschleunigtem biologischem Altern und frühen Krebserkrankungen.
- Das biologische Alter kann vom tatsächlichen Lebensalter deutlich abweichen.
- Fachleute betonen, dass die Studie nur einen statistischen Zusammenhang zeigt und keine Ursache belegt.
- Ein gesunder Lebensstil bleibt nach Einschätzung von Experten der wichtigste beeinflussbare Schutzfaktor.
Entwicklung von Krebsarten
Wie sehr sich die Entwicklung bereits im Alltag zeigt, verdeutlichen aktuelle Statistiken. Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) registriert seit Jahren einen deutlichen Anstieg der Darmkrebsinzidenz bei den 20- bis 39-Jährigen in Deutschland. In den USA beobachten Forscher eine ähnliche Entwicklung – dort liegen die Erkrankungsraten sogar noch höher. Zudem werden weitere Krebsarten wie Knochenmark- oder Gebärmutterkörperkrebs zunehmend bei jüngeren Menschen diagnostiziert. Dabei tritt Krebs nach wie vor überwiegend im höheren Alter auf. Nach Angaben der Deutschen Krebshilfe liegt das mittlere Erkrankungsalter bei Männern und Frauen bei 69 Jahren. Tumoren entstehen, wenn Veränderungen im Erbgut nicht mehr zuverlässig repariert werden können. Mit zunehmendem Alter lässt diese Reparaturfähigkeit der Zellen nach.
Biologisches und tatsächliches Alter
Eine Forschungsgruppe der Washington University School of Medicine hat nun einen Zusammenhang entdeckt, der erklären könnte, warum bestimmte Krebsarten heute häufiger schon vor dem 50. Lebensjahr auftreten. Im Mittelpunkt steht dabei der Unterschied zwischen chronologischem und biologischem Alter. Das chronologische Alter beschreibt die Zahl der Lebensjahre seit der Geburt. Das biologische Alter hingegen gibt an, wie weit die Alterungsprozesse im Körper tatsächlich fortgeschritten sind. Dabei altern einzelne Organe unterschiedlich schnell. So können etwa Herz, Gehirn oder Leber biologisch älter oder jünger sein als das tatsächliche Lebensalter vermuten lässt.
Nach Einschätzung von Ron Jachimowicz, Oberarzt für Hämatologie und Onkologie am Universitätsklinikum Köln sowie Leiter einer Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns, stellt die Untersuchung erstmals einen Zusammenhang zwischen einer zunehmenden Differenz von biologischem und chronologischem Alter bei jüngeren Menschen und frühen Krebserkrankungen her. Die Ergebnisse lieferten allerdings noch keine Beweise für eine Ursache, sondern Hinweise auf einen plausiblen Zusammenhang. Bereits zuvor sei bekannt gewesen, „dass es eine Assoziation zwischen biologischem Altern und einer erhöhten Krebsneigung gibt“, erklärt der Mediziner gegenüber der Deutschen Welle.
Unterschiede der Generationen
Das biologische Alter kann bislang nicht mit einem einzelnen Test gemessen werden. Stattdessen kombinieren Forscher verschiedene Untersuchungsmethoden. Auch die aktuelle Studie nutzte einen solchen kombinierten Ansatz. Die Wissenschaftler werteten Daten von mehr als 150.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der britischen UK Biobank aus. Dabei zeigte sich, dass Menschen der Geburtsjahrgänge 1965 bis 1974 eine deutlich größere Differenz zwischen biologischem und chronologischem Alter aufwiesen als Personen, die zwischen 1950 und 1954 geboren wurden. Eine weitere Analyse mit mehr als 10.000 Menschen aus den USA bestätigte diesen Trend. Dort war die Lücke bei Personen der Jahrgänge 1990 bis 1999 nochmals größer als bei den zwischen 1965 und 1969 Geborenen. Die Studienautoren schreiben: „In Australien, Kanada, dem Vereinigten Königreich (UK) und den USA haben Menschen, die in den 1990er Jahren geboren wurden, ein mindestens viermal höheres Risiko für früh auftretenden Darmkrebs als Menschen, die in den 1960er Jahren geboren wurden.“
Lebensstil spielt eine wichtige Rolle
Lange gingen Forscher davon aus, dass sich der größte Teil des biologischen Alterns durch den Lebensstil beeinflussen lässt. Diese Einschätzung hält Jachimowicz inzwischen für überholt. „50 Prozent können wir beeinflussen, die anderen 50 Prozent sind genetisch vorgegeben.“ Den Alterungsprozess verlangsamten vor allem klassische Maßnahmen eines gesunden Lebensstils. Dazu gehörten regelmäßige Bewegung, ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf sowie der Verzicht auf Alkohol und Drogen. Auch stabile soziale Kontakte könnten einen wichtigen Beitrag leisten. Warum jüngere Generationen offenbar biologisch schneller altern als ihre Eltern oder Großeltern, ist bislang ungeklärt. Es existieren jedoch verschiedene Erklärungsansätze.
Warum altert die Jungend schneller?
Tanwei Yuan, Epidemiologin in der Abteilung Klinische Epidemiologie der Krebsfrüherkennung am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, verweist unter anderem auf Veränderungen des Lebensstils. „Jüngere Menschen sind oft schon früher und damit längere Zeit ihres Lebens adipös“, sagt Yuan. Hinzu kämen mehr sitzende Tätigkeiten und Schlafprobleme infolge langer Bildschirmzeiten. Auch sie bewertet die Studienergebnisse als wichtigen Hinweis, der zu bestehenden Hypothesen der Krebsforschung passe.
Neben einem gesunden Lebensstil rät Yuan dazu, Beschwerden nicht zu unterschätzen und ärztlich abklären zu lassen. „Wenn du dich nicht gut fühlst, geh zum Arzt und bitte um ein Screening.“ Obwohl das biologische Alter zunehmend in den Fokus der Forschung rückt, spielt es im medizinischen Alltag bislang keine Rolle. Langfristig könnte sich das jedoch ändern – insbesondere für die Krebsfrüherkennung und die Entwicklung neuer Präventionsstrategien