Direkt zum Inhalt

Der Weg ist frei Andrej Babiš wird neuer Regierungschef Tschechiens

Von ms - 08.12.2025 - 15:45 Uhr
Der Weg ist frei
Foto: IMAGO / CTK Photo
ANZEIGE
Loading audio player...

Mehr denn je mit großer Sorge blickt die Community in Tschechien auf die kommenden Jahre: Im Oktober hatte Andrej Babiš (71) die Wahl für sich entscheiden können, seine rechtspopulistische Partei „Aktion Unzufriedener Bürger“ (ANO) war auf knapp 35 Prozent der Stimmen gekommen. Ob es dem 71-Jährigen tatsächlich gelingt, nach 2017 ein zweites Mal das Amt zu bekleiden, war bisher ungewiss. Nun wurden alle Probleme beseitigt, der Weg an die Macht ist frei. LGBTIQ+-Menschen fürchten mögliche Rückschritte in den kommenden Jahren. 

Babiš trennt sich von Konzern

Bisher hatte sich ein möglicher Interessenkonflikt als problematisch für Babiš erwiesen, jetzt erklärte er, dass er sich vollständig von seinem Konzern Agrofert trennen werde: „Ich habe mich entschieden, die Firma Agrofert unwiederbringlich abzugeben. Ich werde mit ihr nie mehr etwas zu tun haben, sie nie wieder besitzen, keine wirtschaftlichen Beziehungen mehr zu ihr pflegen und in keinem Kontakt zu ihr stehen. Dieser Schritt, der die gesetzlichen Anforderungen weit überschreitet, war für mich nicht einfach. Denn diese Firma habe ich fast mein halbes Leben lang aufgebaut.“ Wie Babiš erläuterte, sollen unabhängige Expertinnen und Experten die Struktur eines Treuhandfonds entwickeln, in dem die Unternehmensanteile künftig liegen sollen.

Der Weg ist frei 

Damit erfüllt er nun die Voraussetzung, die Staatspräsident Petr Pavel für seine Ernennung zum Regierungschef gestellt hatte. Kurz nach der Videoansprache des Politikers bestätigte Pavel auf X, dass er Babiš am morgigen Dienstag zum Premier ernennen werde. Unklar ist noch, wer die unabhängigen Verwalter oder die Gründer des Fonds sein sollen. Auch sei offen, ob das Agrofert-Management unverändert bleibt und ob Babiš tatsächlich jeglichen Kontakt zum Unternehmen meide: „Da er weiß, dass seine Kinder das Vermögen einst erben werden, wird er wohl ein Interesse daran haben, dass sich dessen Wert nicht verringert“, so die Einschätzung der Wirtschaftsexpertin Jana Klímová. Denn trotz der angekündigten Unumkehrbarkeit erklärte Babiš in seinem Video zugleich, dass seine Kinder den Konzern nach seinem Tod erben sollen.

Sorge in der Community

Die rechtspopulistische ANO wird nun also zusammen mit der ebenso rechtspopulistischen Partei Freedom and Direct Democracy (SPD) und den rechtsgerichteten Motoristen (Motorists) eine neue Regierung bilden, zusammen kommen sie auf eine Mehrheit von 108 Sitzen im 200‑sit­zigen Abgeordnetenhaus. Was das konkret für die Community bedeuten könnte, ist umstritten. Babiš sprach sich so zwar bereits 2019 für die Ehe für Homosexuelle aus, erklärte aber auch, er habe Verständnis dafür, wenn andere das kritisch sehen. 

2021 stellte er sich gegen mehrere LGBTIQ+-Gesetze auf EU-Ebene. In Tschechien kursieren zudem seit längerem die Bedenken, der 71-Jährige könnte ein Anti-Homosexuellen-Gesetz einführen wollen am Beispiel von Ungarn. Wahrscheinlich nicht mehr verhindert werden kann ein neues Gesetz, das bereits im Januar 2026 in Kraft tritt und die sexuelle Orientierung sowie die Geschlechtsidentität ausdrücklich als erschwerende Umstände bei hassmotivierten Straftaten berücksichtigt. Verbrechen, die aus Hass gegen homosexuelle und queere Personen begangen werden, sollen bei entsprechender Beurteilung dann deutlich strenger geahndet werden.

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

tazQueerfeindlichkeit unter Jugendlichen: An der ToleranzgrenzeGALAProtest für Transgender-Rechte: Rowling-Agent übt KritikBerliner MorgenpostHomophober Angriff in Berliner U-Bahnhof: Polizei sucht diese MännerNDR"Haltet euch fest": Frischer Roman über die Kraft des ZusammenhaltsAlle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Sollte die geplante automatische Weitergabe sensibler Daten in Baden-Württemberg verhindert werden?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

177 Jahre nach seinem Tod

Die Debatte um seine Männerlieben

Am 17. Oktober 1849 starb Frédéric Chopin. Seine Briefe an Männer berühren bis heute – und sorgen weiter für Streit in der Forschung.
Teure Ausgrenzung

Japan verschenkt sein Potenzial

Lohneinbußen, Krankheit und fehlende Rechte: Ein neuer Bericht zeigt, welchen Preis Japan für die Ausgrenzung von LGBTIQ+-Menschen zahlt.
Revision nach Vergewaltigung

Trans* Polizistin ficht Hafturteil an

Trotz Geständnis und Verständigung: Maja S. legt Revision ein. Das Urteil aus Traunstein ist noch nicht rechtskräftig. Was jetzt geprüft wird.
Fahndung nach U-Bahn-Angriff

Schläge, Tritte und Beleidigungen

Zwei Männer sollen in Alt-Mariendorf einen 30-Jährigen homophob beleidigt und verletzt haben. Die Polizei veröffentlicht jetzt Fahndungsbilder.
Eine Sekunde für die Liebe

Schwule Männer im Zeitrausch

Die Schaltsekunde wird abgeschafft. Für schwule Männer beginnt damit eine neue Zeitrechnung – zwischen Grindr, Größenwahn und ganz großen Gefühlen.
Homophobie bei der WM

FIFA meldet Rekordzahlen

240.000 Hassnachrichten bei der Fußball-WM 2026: Besonders Frankreichs Nationalspieler wurden im Netz angefeindet, berichtet jetzt die FIFA.
Vom Eis zur Erotik

Ein verborgenes Fotoerbe

Roy Blakey war Eiskunstläufer und ein Pionier schwuler Fotografie. Nun erzählt seine Nichte von seinem außergewöhnlichen Leben und Werk.
Herbst für zwei

Kuscheln statt Sommerstress

Kalte Tage, warme Bäder und lange Abende: Warum der Herbst für schwule Männer die perfekte Zeit für Nähe zu zweit sein kann.
Überraschung bei „Whalefall“

Ein Wal, ein Vater, ein Geheimnis

Im neuen Survival-Thriller „Whalefall“ verändert eine kurze Frage die Vater-Sohn-Geschichte und eröffnet eine mögliche schwule Deutung.