Boris Johnson vor dem Ende? Zick-Zack-Kurs für queere Rechte, Party-Corona-Gate und Porno-Skandal
Blickt man auf die stets wilde und struppige Haarpracht des britischen Premierministers Boris Johnson, könnte man den Eindruck gewinnen, das Chaotische und Unbedachte sei schon immer Ausdruck seines politischen Führungsstils gewesen.
Oder rauft sich Johnson in letzter Zeit einfach nur öfter die Haare mit Blick auf die anstehenden Regionalwahlen?
An diesem Donnerstag dürfen die Briten einmal mehr ihre Stimme abgeben und es stellt sich die Frage, ob sich der Schlingerkurs der Johnson-Regierung nun an der Wahlurne rächen wird. Die britische LGBTI*-Community ist gespalten wie nie zuvor.
Während die eine Hälfte zu Tausenden in den letzten Wochen immer wieder auf die Straße ging und lautstark auch gerne direkt vor dem Amtssitz des Premierministers in der Downing Street 10 gegen die neuen Pläne in puncto Konversionstherapien protestierten, ist die andere Hälfte der LGBTI*-Szene gerade dabei, sich aufzuspalten. Der Ruf wird immer lauter, die Community zwischen LGB und TI+Queers zu trennen. Zu unterschiedlich die Forderungen, zu viele Streitigkeiten innerhalb der Community gerade mit Bezug auf trans-Menschen.
Exemplarisch zeigt sich das am geplanten Verbot der Konversionstherapien – Johnson war einmal dafür, ein anderes Mal dagegen, schlussendlich gab er grünes Licht zur Einführung des Verbotes, klammerte aber trans-Menschen in einem ersten Schritt bewusst aus, um juristische Spitzfindigkeiten klären zu lassen.
Beispielsweise die Frage, ob Ärzte und Therapeuten überhaupt noch ihrer Tätigkeit nachgehen dürften, wenn ein Jugendlicher mit einer selbstgestellten trans-Diagnose zu ihnen kommt. Für einen Teil der Community ist diese Ausgrenzung eindeutig Diskriminierung, weswegen auch die geplante, globale LGBTI*-Konferenz mit mehr als hundert Organisationen im Juni in London platzte. Diese Uneinigkeit spaltet nicht nur die queere Community selbst, sondern das gesamte Königreich.
Zuletzt kündigten über den Kopf von Johnson hinweg Schottland und Wales an, eigene, alle queere Personen inkludierende Verbote von Konversionstherapien umsetzen zu wollen. Die Queen dürfte ob dieser Zwiespältigkeit not amused sein.
Das war dabei bei weitem noch nicht alles – noch immer macht die Partyfreude des Premierministers inmitten eines Corona-Lockdowns die Runde. Und jüngst sorgte ein handfester Porno-Skandal im Parlament für Aufsehen, als ein Parteimitglied mehrfach dabei erwischt worden war, mitten während der Tagung des Parlaments im Plenarsaal lieber Pornos auf seinem Handy zu konsumieren, anstatt der Debatte zu folgen.
Auch wenn der Abgeordnete inzwischen zurückgetreten ist, hallt seine plumpe Verteidigung noch nach – der sexpositive, hauptberufliche Landwirt hatte erklärt, er habe sich bei der Suche nach Landmaschinen im Internet vertippt. Mehrfach, natürlich.
Nun werden 4.000 Wahlkreise in ganz England sowie alle Wahlkreise in Schottland, Wales und London auf regionaler Ebene neu gewählt, dazu kommen die Wahlen für das nordirische Parlament. Mehrere Umfragen zeigen auf, dass das Vertrauen in Johnson erschüttert ist und die Opposition stabil vor der Konservativen Partei des Premierministers liegt.
Werden die Kommunalwahlen zu einem Denkzettel für Johnson? Eigentlich sollten bei solchen Wahlen lokale und nicht landesweite Themen ausschlaggebend sein, doch ein sehr schwaches Abschneiden könnte auch an höchster Stelle in London für eine Erschütterung sorgen.
Das Problem – eine Alternative zu Johnson scheint es in der Konservativen Partei nicht zu geben. Die Kandidaten, die bisher immer mal wieder kurz im Gespräch waren, dürften gerade auch für die LGBTI*-Community keine Option sein, darunter sind einige homophobe Hardliner.
Aus dem Amt vertreiben dürften Boris Johnson die Regionalwahlen wahrscheinlich nicht, selbst wenn seine Partei weniger als 30 Prozent der Stimmen einfährt. Sein Blick richtet sich eher auf die nächsten Parlamentswahlen 2024.
Bis dahin könnten sich auch die Wogen in der LGBTI*-Community geglättet haben. Zudem könnte der Ukraine-Krieg und die Inflation sowie steigende Kosten ein Plus für Johnsons Wiederwahl sein – seine Partei genießt in puncto Wirtschaft nach wie vor das meiste Vertrauen in Großbritannien.