Angriffe in Äthiopien Hetzjagden und Gewalt gegen Schwule nehmen massiv zu
Ein Angriff auf einen bekannten äthiopischen schwulen Journalisten hat in diesen Tagen die Situation sexueller Minderheiten im Land erneut in den Fokus gerückt. Dabei geht es um Vorwürfe, Verfolgung und gesellschaftliche Gewalt gegenüber homosexuellen Menschen in einem zunehmend repressiven Umfeld.
Das Wichtigste im Überblick
- Angriff auf den schwulen Journalisten Sofonias Wasihun in Äthiopien
- Gezielte Dating-Falle wegen sexueller Orientierung
- Gewalt wurde gefilmt und online verbreitet
- Täter rechtfertigte die Tat öffentlich und rief zu Nachahmung auf
- Massive Diskussionen und teils Zustimmung in sozialen Netzwerken
- Hinweise auf schwere psychische und physische Folgen für das Opfer
- Menschenrechtsorganisationen fordern internationale Reaktionen
Kultur von Selbstjustiz
Die Unterdrückung sexueller Minderheiten sei in Äthiopien, dem zweitbevölkerungsreichsten Land Afrikas, ein langjähriges Problem, das das Leben vieler Betroffener stark beeinträchtige, betont die queere Organisation 76crimes. Viele Menschen seien gezwungen, ihre Identität zu verbergen und in Angst vor Verfolgung zu leben. In jüngerer Zeit habe sich die Lage verschärft, unter anderem durch konservative Stimmen in sozialen Medien und eine wachsende Kultur von Selbstjustiz.
Im Zentrum steht der Fall des Journalisten Sofonias Wasihun. Dieser wurde Ziel eines Angriffs, nachdem er zuvor mittels der Dating-Masche als schwul „enttarnt“ wurde. Ein Lockvogel hatte das Treffen auf TikTok angebahnt, am Treffpunkt selbst kam es dann zur Eskalation. In sozialen Netzwerken verbreitete Videos zeigen eine Gruppe junger Männer, die den Journalisten in einer Stadt nahe der Hauptstadt erwarteten. Die Männer kündigen in dem Video an, den schwulen Mann mit Holzstöcken schlagen zu werden. Kurz darauf wurde der Journalist attackiert, zu Boden geworfen und immer wieder brutal geschlagen, während er um Hilfe bettelte. Passanten griffen allerdings nicht eingegriffen. Die Aufnahmen zeigten zudem, dass die Tat gezielt vorbereitet worden ist und sich die Beteiligten offenbar unbehelligt fühlten.
Legitimierung von Hetzjagden
Die queere Organisation verweist deswegen auch auf eine tief verankerte gesellschaftliche Ablehnung und Hass gegenüber sexuellen Minderheiten. Der mutmaßliche Organisator des Vorfalls hatte anschließend in einem Video erklärt, er lehne Homosexualität ab und habe den Journalisten gezielt „entlarven“ wollen, dieser sei „weniger wert als ein Hund“. Zudem rief er andere Menschen dazu auf, seine Aktion nachzuahmen und ebenfalls Jagd auf schwule Männer zu machen. Online in den sozialen Medien lösten die Videos geteilte Reaktionen aus, einige verurteilten die brutale Tat, andere Nutzer indes begrüßten sie ausdrücklich und betonten, wie wichtig solche Hetzjagden auf Schwule seien, damit Homosexualität im Land nicht zunehme.
Auch konservative Stimmen äußerten sich öffentlich. Der Social-Media-Aktivist Workaferahu Assefa erklärte in einem YouTube-Video, der Journalist sei nur einer von vielen, die ihre Identität versteckten, und rief dazu auf, gegen Homosexualität vorzugehen. Er bezeichnete Homosexualität als Sünde und führte religiöse Argumente an, wonach solche Handlungen göttlich bestraft werden müssten. Religiöse Begründungen dieser Art sind in Afrika weit verbreitet und werden von Menschenrechtsaktivisten immer wieder scharf kritisiert.
Gewalttaten nehmen weiter zu
Laut 76crimes handelt es sich bei dem brutalen Überfall, den der Journalist glücklicherweise überlebte, um keinen Einzelfall mehr, sondern sei Teil eines viel größeren Problems. Die Besonderheit sei indes nur, dass es im jüngsten Fall eine prominente Person des Landes getroffen habe. Äthiopien zählt zu den Ländern, in denen Homosexualität bis heute kriminalisiert wird. Laut Artikel 629 des äthiopischen Strafgesetzbuchs sind homosexuelle Handlungen strafbar, es drohen Haftstrafen von einem bis zu zehn Jahren. Die Gesellschaft ist überwiegend religiös und konservativ geprägt. Homosexualität wird dabei häufig als moralisches oder von außen eingeführtes Problem betrachtet, das staatlich bekämpft werden sollte. Der Regierung werde dabei überdies immer wieder vorgeworfen, nicht ausreichend gegen sexuelle Minderheiten vorzugehen, so die Aktivisten weiter. Nach dem Angriff verlor der Journalist seine Arbeit, auch seine Familie geriet öffentlich unter Druck und erlebte erhebliche persönliche Belastungen. Inzwischen ist der schwule Redakteur offenbar in einer Klinik untergebracht, sein Gesundheitszustand habe sich dramatisch verschlechtert, sowohl psychisch wie körperlich. Zudem ist von psychologischer Behandlung sowie einem Suizidversuch die Rede.
Tief verwurzelte Vorurteile – ohne Konsequenzen?
„Der Vorfall verdeutlicht tief verwurzelte Vorurteile gegenüber Homosexualität sowie große gesellschaftliche und rechtliche Hürden für sexuelle Minderheiten. Viele Menschen sind nicht bereit, offen über das Thema zu sprechen, was Aufklärung erschwert. Menschenrechtsorganisationen können aufgrund der Rechtslage nur eingeschränkt arbeiten“, bekräftigt ein Sprecher der Organisation. Äthiopien hat internationale Menschenrechtsabkommen unterzeichnet. Auch wenn diese den Begriff „sexuelle Orientierung“ nicht ausdrücklich enthalten, legen UN-Gremien die Schutzrechte so aus, dass Diskriminierung und Gewalt gegen homosexuelle Menschen verboten sind. „Daraus leitet sich die Forderung ab, dass die internationale Gemeinschaft den Fall verurteilen und Maßnahmen ergreifen soll. Insbesondere die Afrikanische Union sowie internationale Menschenrechtsorganisationen sollten auf Aufklärung und rechtliche Reformen hinwirken, um die Rechte sexueller Minderheiten im Land besser zu schützen“, so die Forderungen des queeren Vereins.