Direkt zum Inhalt

Abnehmspritze und Sexualität Chancen und mögliche Nebenwirkungen für LGBTIQ+-Menschen

Von ms - 09.06.2026 - 15:00 Uhr
Abnehmspritze und Sexualität
Foto: iStock / aquaArts studio
ANZEIGE
Loading audio player...

GLP-1-Medikamente haben die Behandlung von Übergewicht und Typ-2-Diabetes grundlegend verändert. Während die Präparate vor allem für ihre Wirkung auf Blutzucker, Appetit und Gewichtsverlust bekannt sind, weisen Fachleute inzwischen auch auf mögliche Auswirkungen auf das Sexualleben hin.

Das Wichtigste im Überblick

  • GLP-1-Medikamente können laut Experten die Libido sowohl steigern als auch senken.
  • Studien zeigen, dass sich sexuelles Verlangen und sexuelle Funktion bei manchen Menschen verbessern, bei anderen jedoch verschlechtern.
  • Gewichtsverlust, hormonelle Veränderungen und psychologische Faktoren spielen dabei eine wichtige Rolle.
  • Besonders bei schwulen Männern und Menschen, die Analsex praktizieren, können die häufigen Magen-Darm-Nebenwirkungen Einfluss auf das Sexualleben haben.
  • Fachleute empfehlen bei Problemen ärztliche Beratung sowie eine Überprüfung von Ernährung, Bewegung und Hormonwerten.

GLP-1-Medikamente im Alltag

Zu den bekanntesten Vertretern dieser Medikamentengruppe zählen Ozempic, Wegovy und Mounjaro. Sie gehören zu den sogenannten GLP-1-Rezeptoragonisten und ahmen die Wirkung des körpereigenen Hormons Glucagon-like Peptide-1 nach. „Glucagon-like peptide-1 ist ein Hormon, das in unserem Darm als Reaktion auf Nahrung – insbesondere Zucker und Fett – produziert wird und unter anderem dafür sorgt, dass sich die Magenentleerung verlangsamt und ein Sättigungsgefühl entsteht“, erklärt Dr. Carl Streed Jr., außerordentlicher Professor für Medizin an der Boston University und Forschungsleiter des Center for Transgender Medicine and Surgery am Boston Medical Center. 

„Wenn Menschen von GLP-1 sprechen, meinen sie in der Regel GLP-1-Rezeptoragonisten – Medikamente, die wie GLP-1 wirken und das Sättigungsgefühl fördern“, so Streed weiter. Die Medikamente verlangsamen die Magenentleerung, unterdrücken den Appetit und stabilisieren den Blutzuckerspiegel. Dadurch fühlen sich viele Menschen schneller satt und essen weniger.

Libido kann steigen oder sinken

Wie sich die Medikamente auf das sexuelle Verlangen auswirken, ist laut Expertinnen und Experten sehr unterschiedlich. „Die Auswirkungen dieser Medikamente auf die Libido haben eine Vielzahl von Ursachen“, erklärt Dr. Justin Lehmiller, Senior Research Fellow am Kinsey Institute und Mitautor einer aktuellen Studie über Dating und GLP-1-Medikamente. „Dazu gehören direkte Auswirkungen des Medikaments auf Körper und Gehirn sowie mögliche Nebenwirkungen.“

Die von Lehmiller gemeinsam mit dem Kinsey Institute und DatingAdvice.com durchgeführte Untersuchung ergab, dass 18 Prozent der Befragten über ein gesteigertes sexuelles Verlangen berichteten. Gleichzeitig gaben 16 Prozent an, ihre Libido habe abgenommen. Auch bei der sexuellen Funktion zeigten sich Unterschiede: 16 Prozent berichteten von Verbesserungen, während zwölf Prozent Verschlechterungen wahrnahmen. Männer seien zudem etwa doppelt so häufig wie Frauen der Ansicht gewesen, dass sie durch GLP-1-Medikamente sexuell experimentierfreudiger geworden seien. „Nicht alle Menschen erleben die gleichen Auswirkungen auf die Libido, weil jede GLP-1-Erfahrung ein wenig anders verläuft“, so Lehmiller.

Mehr Selbstvertrauen kann die Lust steigern

Ein möglicher Grund für eine gesteigerte Libido liegt nach Einschätzung von Fachleuten im Gewichtsverlust selbst. GLP-1-Medikamente helfen nicht nur bei der Behandlung chronischer Erkrankungen und Stoffwechselstörungen, sondern können auch das sogenannte „Food Noise“ – also das ständige Denken an Essen – reduzieren. Gleichzeitig leben Menschen in einer Gesellschaft, in der Schlankheit häufig positiv bewertet wird. Besonders schwule Männer könnten unter einem starken Körper- und Schönheitsdruck stehen.

„Wenn man sich leichter und selbstbewusster im eigenen Körper fühlt, entwickelt sich auch die Wahrnehmung der eigenen Person positiv weiter – und das wirkt sich wahrscheinlich auch auf das Schlafzimmer aus“, sagt Dr. Evan Goldstein, Gründer des Unternehmens Future Method und Spezialist für anale Gesundheit. Fachleute verweisen außerdem auf hormonelle Veränderungen während des Gewichtsverlusts.

Spritze gegen Errektionsstörungen?

GLP-1-Medikamente könnten den Testosteronspiegel erhöhen und damit bei Menschen aller Geschlechter die Libido steigern. „Es gibt mehrere Studien, die darauf hindeuten, dass sich Erektionsstörungen während der Einnahme von GLP-1-Medikamenten verbessern“, erklärt Streed. „Das bedeutet, dass manche Menschen möglicherweise eher bereit für die aktive Rolle beim Sex sind.“

Auch Goldstein sieht einen Zusammenhang mit hormonellen Veränderungen. „Fettverlust beeinflusst tatsächlich Hormone – insbesondere die Abnahme von Östrogen und den Anstieg von Testosteron bei Männern. Höhere Testosteronwerte steigern das sexuelle Verlangen und verbessern die Erektionsfähigkeit.“ Bei trans* Menschen, die gleichzeitig eine geschlechtsangleichende Hormontherapie erhalten, sei jedoch eine besonders enge medizinische Begleitung wichtig. Die Auswirkungen der Medikamente auf Hormontherapien seien bislang noch nicht ausreichend erforscht.

Warum die Libido auch sinken kann

Die gleichen Mechanismen können laut Expertinnen und Experten jedoch auch gegenteilige Effekte hervorrufen. „Die GLP-1-Rezeptoren und der Wirkmechanismus des Medikaments sind an Motivationsprozessen im Gehirn beteiligt“, sagt Goldstein. „Viele Menschen verlieren deutlich das Interesse an Essen oder Alkohol oder sogar an sozialen Interaktionen – einschließlich ihrer allgemeinen Libido.“

Hinzu komme, dass eine starke Kalorienreduktion den Körper belasten könne. „Manche Menschen verlieren unter GLP-1-Medikamenten das Interesse an Sex, weil sie nicht ausreichend Kalorien und Nährstoffe aufnehmen“, warnt Lehmiller. „Wenn sich der Körper im Hungermodus befindet, hat man auf kaum etwas Lust.“ Ein besonderes Thema sind die häufigen Magen-Darm-Nebenwirkungen der Medikamente. „Die gastrointestinalen Nebenwirkungen von GLP-1-Medikamenten können dazu führen, dass sich niemand wirklich bereit für Sex fühlt; niemand empfiehlt Sex, während man unter Übelkeit leidet“, sagt Streed.

Kein Analsex dank Abnehmspritze?

„Speziell im Zusammenhang mit Analsex können GLP-1-Medikamente die Bereitschaft oder den Wunsch beeinflussen, die passive Rolle einzunehmen.“ Goldstein beschreibt die Situation als zweischneidig. Manche Menschen profitierten davon, dass die verlangsamte Darmtätigkeit zu einem besser kontrollierbaren Stuhlgang führe. „Sie haben seltener Stuhlgang, der kompakter ist und den Enddarm vollständiger verlässt, was dazu führt, dass sie besser auf die passive Rolle beim Analsex vorbereitet sind“, erklärt er. Dadurch könne auch mehr Spontaneität möglich werden.

Andere Betroffene hätten jedoch mit Blähungen, Verstopfung oder Schmerzen zu kämpfen. „Ich sehe viele Menschen mit neu auftretenden Analfissuren oder verschlimmerten Hämorrhoiden“, sagt Goldstein. „Blutungen, Schmerzen, Schwellungen und allgemeine Beckenkrämpfe machen Analsex dann praktisch unmöglich.“ Wer negative Auswirkungen auf die Sexualität bemerkt, sollte dies nach Einschätzung der Fachleute ernst nehmen. Empfohlen werden ausreichend Bewegung, um Muskelmasse zu erhalten, eine ausgewogene Ernährung trotz reduzierter Nahrungsaufnahme sowie eine ärztliche Kontrolle möglicher Nebenwirkungen.

„Es sollten Blutuntersuchungen durchgeführt werden. Hormonwerte sollten überwacht, angepasst oder gegebenenfalls ergänzt werden. Außerdem kann eine Anpassung der Dosierung des GLP-1-Medikaments notwendig sein, um die Wirkung zu optimieren.“ Goldstein betont zugleich die Bedeutung eines erfüllten Sexuallebens: „Sex ist so wichtig. Das erlebe ich in meiner Praxis in New York ständig. Wir haben nur ein Sexualleben. Lasst uns zusammen großartig fühlen. Lasst uns die bestmöglichen gesundheitlichen Voraussetzungen schaffen und den besten Sex unseres Lebens haben. Warum eigentlich nicht?“

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

WDRComing-Out-Days: Queeres Leben auf dem LandWDRDüsseldorfer spricht über Coming-out und Identitätder FreitagTürkischer Exil-Autor Barbaros Altuğ: „Ich stand dort plötzlich wie der Hauptangeklagte“BILDSpätes Coming-out - Früher liebten wir Frauen. Heute daten wir Männer.Alle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Wo würdest du ein erstes Date am liebsten verbringen?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Queere Vielfalt im Tierreich

Wenn Widder auf Widder stehen

Manche Widder bevorzugen andere Männchen. Gleichgeschlechtliches Verhalten ist weit verbreitet – was Studien zeigen und wo Vergleiche hinken.
Ältere Brüder, schwule Söhne?

Was die Forschung wirklich zeigt

Ältere Brüder und schwule Söhne: Studien finden Zusammenhänge. Doch die Ursache ist nicht bewiesen – und die Statistik bleibt umstritten.
Dresden holt den EuroPride

Rückkehr nach 25 Jahren

Dresden richtet den EuroPride 2029 aus. Nach 25 Jahren kehrt das europäische Pride-Event nach Deutschland zurück. Das Motto setzt auf Brücken.
Streit um Pornoseiten

Sperren vorerst gestoppt

Pornhub und YouPorn müssen vorerst nicht gesperrt werden. Das OVG NRW verweist auf EU-Recht. Der Streit um wirksamen Jugendschutz geht weiter.
Empörung auf Bestellung

Ragebait ist Jugendwort 2026

„Ragebait“ ist das Jugendwort 2026. Was der Begriff bedeutet, warum Provokation Reichweite bringt und was die LGBTIQ+-Community daraus lernen kann.
Warnung von Andrew Scott

Kein Vergessen der Aids-Krise

Der schwule Schauspieler Andrew Scott fordert, die Aids-Krise nicht zu vergessen. Sein neuer Film „Elsinore“ erinnert an jene Zeit.
Schwuler Politiker wehrt sich

BDSM-Fotos sorgen für Wirbel

Alte BDSM-Fotos bringen den schwulen US-Politiker Chris Gallant in die Schlagzeilen. Doch der Kongresskandidat denkt nicht an Rückzug.
Coming-Out bleibt ein Tabu

Schwule Profis schweigen weiter

Thomas Hitzlsperger sieht kleine Fortschritte gegen Homophobie im Fußball. Doch viele schwule Profis fürchten ein Coming-Out selbst nach Karriereende.
Schutz für queere Jugendliche

Mamdani finanziert trans* Medizin

New York stellt neun Millionen Dollar für die Behandlung trans* Jugendlicher bereit, nachdem mehrere Kliniken ihre Angebote eingestellt haben.