20 Jahre Gay Help Line Immer mehr junge queere Menschen suchen Hilfe in Italien
Die italienische Beratungsstelle Gay Help Line feiert zwanzigjähriges Jubiläum und hat in den vergangenen Jahren einen deutlichen Anstieg von Meldungen über Homofeindlichkeit, körperliche Gewalt, Erpressung und Bedrohungen der persönlichen Sicherheit registriert. Wie aus einem in Rom vorgestellten Bericht zum 20-jährigen Bestehen des Angebots hervorgeht, stieg der Anteil solcher Fälle seit 2017 von rund zwei auf 15 Prozent aller Meldungen an. Das entspricht einem Anstieg von einigen Hundert auf mehr als 3.000 Fälle jährlich.
Das Wichtigste im Überblick
- Gay Help Line hat in 20 Jahren rund 400.000 Kontakte verzeichnet.
- Seit 2017 stiegen Meldungen zu Homofeindlichkeit, Gewalt und Erpressung von zwei auf 15 Prozent aller Fälle.
- Über 2.000 LGBTIQ+-Menschen pro Jahr suchen wegen familiärer Ausgrenzung eine Unterkunft.
- Roms Bürgermeister betont die Wichtigkeit der Einrichtung, es bleibe noch viel zu tun in der Zukunft.
- Gay Help Line entstand 2006 nach dem Mord an einem schwulen Mann.
- Über 150 junge Menschen wurden nach Verbannung aus ihren Familien sicher untergebracht und betreut.
Viel geschafft, viel zu tun
Die neusten Zahlen wurden bei einer Pressekonferenz im römischen Rathaus vorgestellt, Anlass waren das 20-jährige Bestehen der Gay Help Line sowie zehn Jahre des Schutznetzwerks Refuge LGBT+, das vorübergehende Unterkünfte für LGBTIQ+-Menschen bereitstellt, die Opfer von Gewalt oder Diskriminierung geworden sind. Der Bürgermeister von Rom, Roberto Gualtieri, würdigte die Arbeit der Organisation. „Die Gay Help Line ist ein Dienst, der stets vorausschauend gehandelt hat. Die Zusammenarbeit von Institutionen und Verbänden ist von grundlegender Bedeutung. Die Geschichte der letzten 20 Jahre zeigt uns, wie viel noch zu tun bleibt“, sagte er.
Die Gay Help Line wurde 2006 gegründet und ist dem Andenken an Paolo Seganti gewidmet, der 2005 bei einem homophoben Angriff getötet wurde. Nach Angaben der Organisation wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten rund 400.000 Kontakte über Telefon, Chat und E-Mail registriert. Durchschnittlich nutzen etwa 20.000 Menschen pro Jahr das Angebot. Unterstützt wird die Arbeit von mehr als 3.000 geschulten Freiwilligen.
Viele junge Anrufer bis 31 Jahre
Der aktuelle Bericht für den Zeitraum 2006 bis 2026 zeigt, dass 42 Prozent der Nutzer LGBTIQ+-Personen im Alter zwischen 18 und 31 Jahren sind. In den Anfangsjahren kamen die meisten Anfragen aus Mittelitalien. Seit 2020 nimmt jedoch insbesondere die Zahl der Kontakte aus Süditalien deutlich zu. Im Jahr 2025 entfielen dort rund 40 Prozent aller Fälle. Zugleich steigt die Zahl der Menschen, die nach familiärer Ausgrenzung eine Unterkunft benötigen. Nach Angaben der Organisation werden inzwischen jährlich mehr als 2.000 Anfragen von queeren Personen registriert, die aus ihrem familiären Umfeld ausgeschlossen oder aus dem Elternhaus verwiesen wurden. Ein erheblicher Teil davon betrifft Jugendliche und junge Erwachsene.
Mehr als 65 Prozent der Ratsuchenden sind lesbische oder schwule Menschen. Der Anteil trans* und nicht-binärer Personen stieg innerhalb von 20 Jahren von etwa zwei bis drei Prozent auf gut 14 Prozent. Besonders deutlich fiel der Zuwachs bei Minderjährigen aus. Ihr Anteil erreichte 2020 mit etwa 19 Prozent den höchsten bislang registrierten Wert und liegt weiterhin deutlich über dem Niveau früherer Jahre.
Gewaltmeldungen nehmen zu
Nach Einschätzung von Gay-Help-Line-Gründer Fabrizio Marrazzo und Koordinatorin Alessandra Rossi ist der Anstieg der Gewaltmeldungen auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Seit 2017 sei eine stärkere gesellschaftliche und politische Polarisierung zu beobachten. Hinzu kämen Gegenreaktionen auf Fortschritte bei den Rechten von LGBTIQ+-Menschen sowie deren größere Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit. „Die Zahlen müssen als doppeltes Phänomen verstanden werden: mehr Feindseligkeit, aber auch eine größere Fähigkeit, Gewalt zu erkennen, anzuzeigen und Hilfe zu suchen“, erklärten Marrazzo und Rossi.
Die Auswertung der Kontaktgründe zeigt zudem einen Wandel der Beratungsarbeit. Psychologische Unterstützung bleibt mit durchschnittlich 49 Prozent der häufigste Anlass für eine Kontaktaufnahme. Ihr Anteil stieg von rund 21 Prozent im Jahr 2006 auf mehr als 76 Prozent zwischen 2013 und 2015. Für das Jahr 2025 wird ein Wert von rund 35 Prozent ausgewiesen. Deutlich gewachsen ist auch der Bedarf an rechtlicher Beratung. Deren Anteil lag 2025 bei knapp neun Prozent. Seit 2018 werden zudem Anfragen nach Unterbringung im Rahmen des Refuge-Programms gesondert erfasst. Sie machten 2025 rund drei Prozent aller Kontakte aus.
Krisensituation Familie
Im Rahmen der Veranstaltung wurden auch Zahlen des Network Refuge LGBT+ vorgestellt. Das Netzwerk entstand 2016 als erste LGBTIQ+-Familieneinrichtung Italiens und bietet heute vorübergehenden Schutz für Menschen, die von Gewalt, familiärer Ausgrenzung oder Diskriminierung betroffen sind. Seit Gründung des Projekts wurden nach Angaben der Verantwortlichen 150 junge Menschen aus ganz Italien aufgenommen. Das Durchschnittsalter lag zwischen 18 und 20 Jahren. Von ihnen fanden 120 eine Beschäftigung, 53 absolvierten berufliche Qualifizierungsmaßnahmen, 48 nahmen an Bildungsprogrammen teil und sechs erreichten einen Schulabschluss.
„Die Gay Help Line leistet nicht einfach Hilfe, sondern Widerstand“, sagte Lucia Caponera, Präsidentin der Organisation Differenza Lesbica. „In diesen zwanzig Jahren hat sie ein Modell geschaffen, das Menschen zuhört und sie aufnimmt, ohne in rein fürsorgerische Logiken zu verfallen. Es schafft Würde, Gehör und neue Perspektiven.“ Die Gay Help Line und das Network Refuge LGBT+ werden unter anderem durch Mittel des italienischen Buddhistenverbands Soka Gakkai, der Antidiskriminierungsstelle Unar, der Stadt Rom und der Waldenserkirche finanziert.