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Gaslighting und das Rotkäppchen

Gaslighting und Rotkäppchen Das English Theatre in der Adventszeit

ms - 27.11.2025 - 16:00 Uhr
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Der schwedische Theaterregisseur, Autor und Komponist sowie Leiter des English Theatre in Hamburg, Paul Glaser, feiert im Dezember seinen 62. Geburtstag – und beschenkt sein Publikum am liebsten direkt selbst mit zwei Produktionen zur Vorweihnachtszeit: „Little Red Riding Hood“ und „Gaslight“. SCHWULISSIMO wollte mehr wissen.

Herr Glaser, was hat Sie an den zwei Stücken gereizt? 

„Gaslight“ ist ein absoluter Klassiker. Das viktorianische London, diese leicht düstere, romantische Welt, hat eine enorme Theaterwirkung – und wer möchte nicht in der Weihnachtszeit einen Abend in dieser fast filmischen Atmosphäre verbringen? „Little Red Riding Hood“ entstand aus einer Idee, die ich schon seit Jahren mit mir herumtrage: zum ersten Mal in Hamburg ein Familien-Weihnachtsstück auf Englisch zu machen. Ein Märchen, aber gleichzeitig ein paar große Schritte in Richtung eines britischen Pantos. Also ein traditionelles englisches Weihnachtsmärchen, das ruhig ein bisschen außer Rand und Band geraten darf. Musikalisch habe ich alles gemischt, was mir Spaß macht: klassische Musical-Songs, Country, sogar Rock. 

Das Stück „Gaslight“ ist knapp 90 Jahre alt, der Begriff „Gaslighting“ geht darauf zurück, also eine emotionale Manipulation, durch die jemand in den Wahnsinn getrieben wird. Etwas, das heute noch Bestand hat in unserer Gesellschaft.

Wir leben in beunruhigenden Zeiten, in denen wir ständig manipuliert werden – durch soziale Medien, Fake News, Deepfake-Videos und Sprachnachrichten, die so überzeugend klingen und aussehen, dass man sie kaum noch als Fälschung erkennt. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit vor dem Internet und den Mobiltelefonen – kaum vorstellbar heute, wie wir damals überhaupt überlebt haben. Damals konnten wir unterschiedliche Meinungen haben, aber wir hatten immerhin dieselbe Grundlage und dieselben Informationsquellen. Heute kommen “News“ von überall und wirklich neutrale, sachliche Informationen zu finden, ist fast unmöglich geworden. Kein Wunder also, dass wir gesellschaftlich immer weiter auseinanderdriften. Das Stück zeigt, wie leicht wir durch verzerrte Wahrheiten aus dem Gleichgewicht geraten können. Und das ist heute, in einer Zeit, in der Wirklichkeit so leicht manipulierbar ist, brandaktueller denn je.

Deutlich heiterer ist da die Geschichte rund um das Rotkäppchen. Wie leicht ist es ihnen gefallen, sich noch einmal ganz neu dem Stück zu nähern? 

Tatsächlich habe ich ein kleines bisschen vom Thema „Gaslight“ in „Little Red Riding Hood“ hineingeschmuggelt. Ich bin inzwischen Opa von drei Enkelkindern – 5, 7 und 10 Jahre alt – und alle träumen natürlich schon von ihrem ersten Mobiltelefon. Da konnte ich nicht anders, als in die Geschichte auch etwas einzubauen, das Kinder und ehrlich gesagt auch Erwachsene ein wenig zum Nachdenken bringt. Mir war wichtig, ein Märchen zu wählen, das jeder kennt, damit auch diejenigen, die nicht perfekt Englisch sprechen, der Handlung problemlos folgen können. Ich bin der Grundgeschichte treu geblieben, aber zugleich war das die perfekte Einladung, meiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Es war ein riesiger Spaß und genau das Richtige zur Weihnachtszeit für Kinder und Erwachsene, die das Lachen nicht verlernt haben.

Brauchen wir gerade in dieser Zeit ein wenig mehr von dieser lustvollen Albernheit?

Absolut! Ich möchte, dass das Publikum für eine Weile alles vergisst, einfach loslässt und Spaß hat. Ein Moment, in dem man lacht, staunt und vielleicht sogar ein bisschen kindlich wird – das ist manchmal das Wertvollste, was wir einander schenken können.

Sie haben sich mit ihren Inszenierungen mehrfach bereits auch der Community angenommen. Was würden Sie homosexuellen und queeren Menschen gerne zum Jahreswechsel mitgeben?

Wir dürfen den Blick nicht abwenden. Auch wenn LGBTQIA+-Menschen in vielen Teilen der westlichen Welt heute deutlich mehr Akzeptanz erleben, ist das längst nicht überall so – und selbst bei uns ist nichts selbstverständlich. Die gesellschaftliche Stimmung kann sich sehr schnell drehen. Rechte, die mühsam erkämpft wurden, können genauso schnell wieder infrage gestellt oder zurückgenommen werden. Deshalb müssen wir wachsam bleiben und weiter dafür kämpfen, dass alle Menschen frei lieben und leben können, ohne Angst oder Scham. Wenn ich homosexuellen Menschen heute etwas mitgeben dürfte, dann wäre es: Bleibt sichtbar. Bleibt laut. Und bleibt stolz auf euch – unabhängig davon, wie sich die Welt gerade dreht. 

Von schwedischen Freunden kenne ich ein paar Weihnachtstraditionen, beispielsweise das "Julklapp", wo Geschenke mit einem kurzen Reim überreicht werden. Wie feiern Sie und ihr Mann, der schwedischen Musicaldarsteller Petter Bjällö, dieses Jahr Weihnachten? 

Wir feiern dieses Jahr ganz klassisch in Schweden mit der Familie, allerdings nur sehr kurz, weil Petter schon am 25. wieder auf der Bühne in Südfrankreich stehen wird. Als Sänger ist man viel unterwegs, auch an Weihnachten. Was für mich aber auf keinen Fall fehlen darf, sind die schwedischen Weihnachtsfavoriten: Jansons Frestelse – für mich das Beste, was auf einem Weihnachtstisch stehen kann, dazu natürlich Sill, schwedischer Glögg und Kavring-Brot mit Prästost. Und Julklapps-Rim habe ich tatsächlich seit meiner Kindheit nicht mehr gemacht. Danke für die Erinnerung. Das fügen wir dieses Jahr wieder ein.

Frohes Fest ihnen beiden und ein gutes neues Jahr! 

Tickets direkt online beim English Theatre of Hamburg 

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