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Tokio Hotel erntet Kritik Große Gefühle, wenig Überraschungen

Von ms - 19.10.2026 - 10:30 Uhr
Tokio Hotel ernten Kritik
Foto: Tokio Hotel PR / Ariel Oscar Greith
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Mit ihrem neuen Album „Encore“ wollen Tokio Hotel musikalisch an ihre bisherige Karriere anknüpfen. Doch die ersten ausführlichen Kritiken fallen zurückhaltend aus. Zwar bescheinigen Rezensenten der Band eine professionelle Produktion und eingängige Melodien. Gleichzeitig bemängeln sie fehlenden Mut, wenig originelle Arrangements und eine deutliche Orientierung am Mainstream-Poprock vergangener Jahrzehnte.

Das Wichtigste im Überblick

  • Gemischte Kritiken für „Encore“: Die Musikzeitschrift Musikexpress und die Berliner Zeitung sehen nebst weiteren Kritikern auf dem neuen Tokio-Hotel-Album wenig musikalische Überraschungen. Vor allem die konventionellen Arrangements stehen in der Kritik.
  • Rückkehr zum vertrauten Sound: Statt elektronischer Experimente setzt die Band auf eingängigen Poprock, große Refrains und musikalische Anleihen bei den 1990er-Jahren.
  • Düstere Themen hinter glatten Melodien: Die zwölf Songs handeln unter anderem von Einsamkeit, gescheiterten Beziehungen, Alkohol, Drogen und dem Versuch, persönliche Probleme zu verdrängen.
  • Persönlicher Rückblick: In „Memory Lane“ beschäftigen sich Tokio Hotel mit ihrer Jugend, dem Abschied von der Heimat und den Folgen ihres frühen Erfolgs.
  • Erfolgreich abseits der Musik: Bill und Tom Kaulitz sind längst auch durch ihren Podcast, ihre Netflix-Dokuserie und Fernsehprojekte bekannt.

Alkohol, Drogen und Krisen

Besonders der Musikexpress zeigt sich vom musikalischen Ergebnis wenig beeindruckt. Die Berliner Zeitung beurteilt das Album differenzierter, sieht aber ebenfalls Schwächen bei der musikalischen Gestaltung. Einige weitere Medien teilen dabei die Kritik am neuen Album. Ein gemeinsamer Kritikpunkt ist die fehlende Weiterentwicklung des Sounds. Statt neuer Ideen präsentieren Tokio Hotel vor allem vertraute Gitarrenklänge, große Refrains und gefühlvolle Balladen. Interessanter als die Musik selbst erscheinen den Kritikern teilweise die Texte. Hinter der sorgfältig produzierten Oberfläche geht es häufig um Einsamkeit, emotionale Abhängigkeit und den Versuch, persönliche Krisen mit Alkohol, Drogen oder flüchtigen Beziehungen zu bewältigen. Die Musikzeitschrift Musikexpress stellt grundsätzlich infrage, ob die neuen Songs auch unabhängig von aufwendigen Bühnenshows und ihrer möglichen Verwendung in Fernseh- oder Streamingproduktionen überzeugen können.

Urteil bleibt zwiespältig 

Nach Einschätzung des Magazins orientiert sich „Encore“ stark an jenem Mainstream-Sound, der bereits in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren im Radio zu hören war. Die musikalische Gestaltung sei zwar handwerklich überzeugend, biete aber kaum Überraschungen. Die Band bewege sich weitgehend innerhalb ihres vertrauten stilistischen Rahmens. Auch die emotionalen Höhepunkte seien entsprechend vorhersehbar. Die Songs setzen auf große Gefühle, ausladende Melodien und eine Produktion, die möglichst unmittelbar wirken soll. Das Magazin sieht darin vor allem eine Rückkehr zu bekannten musikalischen Mustern.

Ähnlich beurteilt die Berliner Zeitung den Sound des Albums. Die neuen Stücke erinnerten an den eingängigen Radiorock der 1990er-Jahre, einschließlich der typischen Akkordfolgen und großen Refrains. Als musikalische Vergleichspunkte nennt die Zeitung Bon Jovi, Aerosmith und die Goo Goo Dolls. Die Arrangements seien keineswegs grundsätzlich schlecht. Besonders originell oder aufregend wirkten sie allerdings ebenfalls nicht.  Während frühere Veröffentlichungen mit elektronischen Experimenten und einer teilweise uneinheitlichen Zusammenstellung von Songs auffiel, wirke „Encore“ wesentlich konsequenter. Die neue Platte vermittelt damit einen klareren Gesamteindruck, verzichtet aber zugleich auf größere stilistische Risiken. Gerade dieser Widerspruch prägt die Bewertung: Musikalisch erscheint das Album ausgereifter, zugleich jedoch weniger überraschend.

Songs für die Bühne 

Mit „2001“, ihrem siebten Studioalbum, hatten Tokio Hotel versucht, ihren Sound stärker in Richtung elektronischer Musik zu öffnen. Diese Entwicklung wird auf „Encore“ nicht fortgesetzt. Stattdessen setzen Bill und Tom Kaulitz sowie Bassist Georg Listing und Schlagzeuger Gustav Schäfer auf vertraute Poprock-Elemente. Die neuen Stücke erscheinen vor allem auf ihre spätere Verwendung bei Konzerten zugeschnitten. Große Refrains, leicht zugängliche Melodien und deutlich erkennbare emotionale Höhepunkte dürften sich problemlos in die Bühnenshows integrieren lassen. Ob sie darüber hinaus langfristig musikalische Akzente setzen können, bleibt nach Einschätzung der Kritiker fraglich.

Selbstzweifel und alte Heimat

Inhaltlich stehen auf „Encore“ vor allem persönliche Krisen und zwischenmenschliche Beziehungen im Mittelpunkt. Die Songs „Changes“ und „Without You“ setzen auf melancholische Harmonien und thematisieren Einsamkeit und Selbstzweifel von Sänger Bill Kaulitz.  Mit der Zeile „I don’t wanna be alone, I don’t like me on my own“ beschreibt er die Angst vor dem Alleinsein und die Schwierigkeit, mit sich selbst zurechtzukommen. Solche persönlichen Themen sind auch aus der Netflix-Dokuserie über die Kaulitz-Zwillinge bekannt. Zu den Stücken, die in den Besprechungen besonders hervorgehoben werden, gehört „Memory Lane“. Der Song beschäftigt sich mit Erinnerungen an die Jugend, dem Abschied von der Heimat und dem Leben, das die Musiker hinter sich gelassen haben. Im Musikvideo, das im Ballhaus Wedding in Berlin gedreht wurde, begegnen Tokio Hotel gewissermaßen ihrer eigenen Vergangenheit. Jüngere Darsteller verkörpern die Bandmitglieder als Teenager. Im Songtext geht es um die Erinnerung an ein Dorf mit zerbrochenen Fenstern, Wein von der Tankstelle und den Wunsch, diesem Umfeld zu entkommen.

Alkohol und Drogen 

Ein besonders auffälliges Thema des Albums ist der Umgang mit seelischen Belastungen. Nach Einschätzung der Berliner Zeitung zieht sich der Konsum von Alkohol und anderen Drogen nahezu durch sämtliche zwölf Stücke. Die Texte schildern wiederholt Situationen, in denen Rauschmittel dazu dienen, Sorgen und schmerzhafte Erinnerungen zumindest zeitweise zu verdrängen. Schon 2022 hatte Tom Kaulitz in einem Interview mit der Berliner Zeitung erklärt: „Wir ertränken die Sorgen in Champagner“. Damals reagierten die vier Bandmitglieder mit gemeinsamem Gelächter auf die Bemerkung und stellten sie damit als Scherz dar. Bei der bisher letzten dritten Staffel von „Kaulitz & Kaulitz“ zeigte sich indes bereits, wie sehr Bill unter Alkohol die Kontrolle verlieren kann. Die aktuellen Song-Texte beschreiben nun wiederholt exzessiven Alkoholkonsum, Drogen und Kontrollverlust. In einem der Songs singt Bill Kaulitz: „Chugging bottles of champagne / Taking puffs to ease the pain / Until I end up on the ground“. Alkohol und Drogen erscheinen dabei nicht ausschließlich als Ausdruck eines ausschweifenden Partylebens, sondern auch als problematische Bewältigungsstrategien.

Sex und Liebschaften

Neben Rauschmitteln spielen auch romantische Beziehungen und sexuelle Begegnungen eine zentrale Rolle. Die Texte handeln von One-Night-Stands, früheren Partnern, die gedanklich weiterhin präsent sind, und der Schwierigkeit, sich aus emotionalen Abhängigkeiten zu lösen.  Die anhaltende Präsenz der Kaulitz-Zwillinge in Fernsehen und Streamingformaten wirft dabei für einige Kritiker die Frage auf, welche eigenständige Bedeutung neue Song-Veröffentlichungen von Tokio Hotel überhaupt noch besitzen. Kurz gesagt: Die Stücke seien professionell produziert und für das breite Publikum geeignet, böten aber wenig Neues. Ob diese Mischung das Publikum dauerhaft überzeugt, bleibt abzuwarten.

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