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Christopher Isherwood

Christopher Isherwood Eine wichtige Stimme des 20. Jahrhunderts

ms - 30.01.2026 - 16:00 Uhr
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Christopher Isherwood, gestorben im Januar 1986 vor 40 Jahren in Kalifornen, zählt zu den einflussreichsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts – und zu den wenigen, die bereits zu Lebzeiten offen über ihre Homosexualität schrieben. Seine präzise Beobachtungsgabe, seine dokumentarische Art zu erzählen und sein politisches Bewusstsein machten ihn zu einem literarischen Chronisten einer Epoche, die von Freiheit, Krise und Bedrohung gleichermaßen geprägt war. Besonders seine in Berlin entstandenen Arbeiten wurden zum Fundament eines Kulturmythos, der bis heute anhält. 

Isherwood entstammte einer gutbürgerlichen, konservativen Familie. Der frühe Tod seines Vaters im Ersten Weltkrieg hinterließ in ihm eine lebenslange Sensibilität für Verlust, Instabilität und gesellschaftliche Brüche. Schon als Jugendlicher fühlte er sich dem vorgezeichneten Weg des britischen Establishments entfremdet. Seine Studien in Cambridge und London brach er ab – nicht aus intellektuellem Mangel, sondern aus der Überzeugung heraus, Schriftsteller werden zu müssen. Die akademische Welt, in der er sich nicht wiederfand, erschien ihm wie ein Korsett, das er abstreifen musste.

Berlin als Mekka der Subkultur 

Als Isherwood so 1929 nach Berlin ging und seinem Schriftstellerfreund W. H. Auden folgte, war die Stadt ein Schmelztiegel der Moderne. Die Weimarer Republik war politisch fragil, aber kulturell von ungeahnter Vielfalt. Für schwule Männer wie ihn und queere Menschen bot die Stadt Freiräume, die sonst kaum existierten: Bars, Clubs, Varietés – urbane Räume, in denen Sexualität und Identität erprobt werden konnten. Für Isherwood bedeutete Berlin mehr als künstlerische Inspiration: Es war ein Ort, an dem er offen schwul leben konnte. Diese Freiheit prägte sein Werk und sein Selbstverständnis nachhaltig. 

In seinem berühmtesten Satz aus „Goodbye to Berlin“ beschreibt er seine Rolle als Chronist jener Zeit: „Ich bin eine Kamera mit geöffnetem Verschluss, ganz passiv, nehme auf, denke nicht.“ Seine Berliner Jahre brachten ihn in Kontakt mit Künstlern, politischen Aktivisten, Sexarbeitern, Schriftstellern und Menschen, die zwischen Armut, Exzess und existenzieller Unsicherheit lebten. Die junge Engländerin Jean Ross, Vorbild für die spätere Figur Sally Bowles, wohnte zeitweise mit ihm zusammen. Andere reale Bekannte tauchten in seinen Figuren wieder auf – oft leicht verhüllt, stets mit dokumentarischer Schärfe. Aus diesen Erfahrungen entstanden die „Berlin Stories“, die bis heute eines der wichtigsten literarischen Zeugnisse der Weimarer Republik darstellen. Dass daraus Jahrzehnte später das Musical Cabaret und der gleichnamige Film hervorgingen, hätte Isherwood selbst wohl kaum ahnen können. 

Jungs, Jungs und noch mehr Jungs

Auch Auden schwärmte über die gemeinsame Zeit: „Berlin ist der Traum eines jeden Schwulen. Es gibt hier 170 von der Polizei überwachte einschlägige Bars und Gaststätten“. Und Isherwood erzählte über sich selbst in der dritten Person: „Für Christopher war Berlin gleichbedeutend mit ‚Jungs‘.“ Fast jeden Abend besuchten die beiden jungen Männer Stricherkneipen, Ihr Stammlokal wurde das Cosy Corner, ein schmuddeliges Café, in dem „immer ein halbes Dutzend Jungs herumlungerten und Bier tranken.“ Die politische Lage veränderte sich indes viel zu früh. Die zunehmende Präsenz nationalsozialistischer Gewalt ließ Berlin für Isherwood schnell gefährlich werden – besonders aufgrund seiner Homosexualität und seiner Kontakte zu linken Kreisen. 

1933 verließ er zusammen mit Auden die Stadt endgültig. Die folgenden Jahre verbrachte er teilweise in England und Dänemark, bevor er 1939 in die Vereinigten Staaten auswanderte. In Kalifornien fand er schließlich einen Ort, an dem er dauerhaft bleiben konnte, auch wenn er erklärte: „Los Angeles ist die vielleicht hässlichste Stadt der Welt. Und dennoch: Los Angeles ist ein großartiger Platz, um sich zuhause zu fühlen, weil jeder von woanders kommt.“ Er arbeitete als Drehbuchautor, schrieb weiter Romane und schloss sich dem spirituellen Vedanta-Kreis um Swami Prabhavananda an. Dieser Kontakt beeinflusste ihn Jahrzehnte lang und prägte sein Denken in Bezug auf Ethik, Selbstreflexion und die Suche nach innerer Ruhe.

Liebe zu einem 18-Jährigen

1953 lernte Isherwood den jungen Künstler Don Bachardy kennen, damals gerade 18 Jahre alt. Ihre Beziehung, die über drei Jahrzehnte bestehen sollte, wurde häufig diskutiert – wegen des Altersunterschieds, wegen der offenen Struktur der Beziehung und wegen der Sichtbarkeit zweier Männer, die zusammenlebten, als Homosexualität noch immer gesellschaftlich geächtet war. Trotz öffentlicher Skepsis wurde Bachardy zur wichtigsten Bezugsperson in Isherwoods Leben. In seinen Tagebüchern beschreibt er die Bedeutung dieser Partnerschaft mit selten gesehener Offenheit. Über sein eigenes Selbstverständnis schreibt er: „Ich bin homosexuell. Ich bin es immer gewesen.“ Es war eine der klarsten öffentlichen Selbstbeschreibungen eines schwulen Autors jener Zeit. 

Isherwoods Werk lässt sich dabei nicht auf Berlin reduzieren. Seine Romane und Tagebücher beleuchten weite gesellschaftliche Fragen: Krieg, Exil, Spiritualität, Selbstbefreiung und die Komplexität menschlicher Beziehungen. Seine autobiografischen Schriften gelten heute als Meilensteine schwuler Literatur. Bereits lange bevor über die Sichtbarkeit der Community geredet wurde, lebte und schrieb Isherwood eine Form von Offenheit, die späteren Generationen Mut machte. Seine Tagebücher aus den 1930er- bis 1980er-Jahren sind zugleich intime Einblicke und historische Dokumente. Sie zeigen einen Mann, der sich selbst schonungslos analysierte, der seine Schwächen kannte, seine Begierden nicht romantisierte und sein Leben dennoch mit Sanftmut betrachtete. 

In den Vereinigten Staaten erlebte Isherwood den Aufstieg der modernen LGBTIQ+-Bewegung. Spätestens ab den 1960er-Jahren war er aktiv an öffentlichen Diskussionen beteiligt, unterstützte Projekte lokaler Aktivisten und verlieh der jungen Bewegung seine literarische Stimme. Seine Bekanntheit als Autor und seine Bereitschaft, offen schwul zu leben, machten ihn zu einem frühen Vorbild. Bis zu seinem Tod am 4. Januar 1986 blieb Isherwood in Santa Monica schriftstellerisch aktiv. 

Christopher Isherwoods Vermächtnis und Einfluss reicht weit über Literatur und Theater hinaus. Seine Art, Menschen zu beobachten, die Ambivalenzen ihres Alltags zu zeigen und die Zerbrechlichkeit gesellschaftlicher Strukturen sichtbar zu machen, hat Generationen von Schriftstellern geprägt. Gleichzeitig blieb seine Haltung stets durchdrungen von leiser, aber entschiedener Selbstbestimmung. In Zitat in späten Jahren – ein Bekenntnis zur Bedeutung des Erzählens – könnte auch als Motto über seinem gesamten Werk stehen: „Das Leben ist nicht so schlimm, wenn man eine gute Geschichte hat und jemanden, dem man sie erzählen kann.“

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