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Debatte um NS-Opfer

Debatte um NS-Opfer Streit um Opfer-Kultur in der LGBTI*-Community neu entfacht

ms - 25.01.2023 - 14:30 Uhr
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Der Historiker und Soziologe Dr. Alexander Zinn vom Fritz-Bauer-Institut für die Geschichte und Wirkung des Holocausts bezweifelt, dass während des dritten Reiches queere Menschen aufgrund ihrer Sexualität oder Geschlechtsidentität inhaftiert und verurteilt worden sind – bis auf einzelne Ausnahmen seien davon zum allergrößten Teil nach derzeitigem Faktenstand nur schwule Männer betroffen gewesen. Zinn gilt als Fachmann, sein Forschungsschwerpunkt ist die NS-Verfolgung von Homosexuellen.

Queere Opfer – Quatsch?

Im Interview mit der Welt erklärt Zinn detailliert, warum zum allergrößten Teil nur schwule Männer von den Nazis verfolgt, inhaftiert und in Konzentrationslagern ermordet worden seien. Dahinter steckte laut Zinn die Vorstellung, dass nur männliche Homosexualität mit Verschwörungen gegen den Staat zu tun habe und jugendgefährdend sei. Am kommenden Freitag gedenkt der Deutsche Bundestag erstmals den nicht heterosexuellen Opfern der NS-Zeit, mit dabei ist auch Schauspielerin Maren Kroymann, die wie anderenorts auch von den “queeren Opfern“ sprach.

Zinn fällt dazu folgendes Urteil: „Aus historischer Perspektive ist das Quatsch. Dieser Begriff war in Deutschland bis in die 1990er-Jahre weitgehend unbekannt. Das verweist auf ein Grundproblem des Gedenkens. Wir schauen aus der heutigen Perspektive auf die Geschichte und interpretieren hinein, was uns wichtig ist. Damit geht eine Neigung einher, die Geschichte zu verbiegen, um des Prestiges habhaft zu werden, das mit der Zugehörigkeit zu einer Verfolgtengruppe einhergeht.“

Historische Geschichtsklitterung?  

Im weiteren Gesprächsverlauf erklärt Zinn aus seiner Sicht, dass selbst lesbische Frauen zumeist aufgrund anderer Faktoren wie ihrer jüdischen Abstammung und nicht wegen ihrer gleichgeschlechtlichen Sexualität festgenommen worden seien. Zinn führt aus, dass zwar auch weibliche Homosexualität sittenwidrig, aber eben kein Straftatbestand gewesen sei, weil aus Blick des Staates von der lesbischen Liebe keine Gefahr ausgegangen sei, wie er am Fall der lesbischen ermordeten Mary Pünjer festmacht – ihr soll unter anderem bei der Gedenkstunde in einer Lesung am Freitag gedacht werden.

„Insofern ist der Fall ein gutes Beispiel für die verbreitete Neigung, historische Fakten zugunsten einer queeren Gedenkkultur zu verbiegen. Heutige identitätspolitische Ansprüche überlagern die quellengestützte Forschung“, so Zinn, der abschließend festhält: „Geschichtsschreibung darf sich nicht als Dienstleistung für das berechtigte Bedürfnis nach Anerkennung begreifen, sonst wird sie schnell zur Geschichtsklitterung.“

Wurden queere Opfer anders definiert?

Seit einigen Tagen ist die Diskussion online darüber bereits entbrannt. Vereine wie der Lesben- und Schwulenverband setzen dem entgegen, dass sehr wohl auch queere Menschen Opfer der Nationalsozialisten geworden seien, auch wenn diese damals nicht als queer bezeichnet wurden. Menschen wie Trans-Personen habe man damals beispielsweise als “asozial“ eingestuft und inhaftiert. Fachleute wie die Historikerin Claudia Schoppmann engagieren sich seit Jahren auch dafür, dass lesbische Opfer der NS-Zeit nicht verschwiegen oder vergessen werden.

Belegt ist derzeit, dass die NS-Justiz rund 50.000 homosexuelle Männer aufgrund des Paragrafen 175 (Sexuelle Handlungen zwischen Männern) verurteilte, bis zu 15.000 Schwule wurden dabei in Konzentrationslager verschleppt und starben größtenteils auch dort.

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