50 Jahre Pride London Über eine Million Menschen werden erwartet
Sonderbriefmarken, Sondermünzen und ein einzigartiges Jubiläum – die britische Hauptstadt feiert 50 Jahre Pride London. Am Freitag marschieren die Veteranen der ersten Stunde aus dem Jahr 1972 die ursprüngliche Route der allerersten Demonstration in London ab. Für LGBTI*-Aktivist Peter Tatchell ein ganz besonderes Zeichen und ein Aufruf, damit die LGBTI*-Community wieder zurück zu den Wurzeln des Pride findet. Weniger Kommerz, weniger Werbepolitik, mehr Inhalte und Kampf für Akzeptanz und rechtliche Gleichberechtigung. Tatchell ist nicht nur einer der berühmtesten schwulen Aktivisten des Landes, er war auch selbst beim allersten Pride mit dabei und ist bis heute ein wacher Geist, der nach wie vor gerne für die Sache streitet; beim Thronjubiläum der Queen sollte der Brite dafür jüngst ausgezeichnet werden, doch Tatchell lehnte ab – die Queen habe sich bis zum heutigen Tag nie eindeutig für die LGBTI*-Community ausgesprochen.
Damit ist die Marschrichtung vorgegeben, die auch nebst allen Feierlichkeiten die Intension der Hauptveranstaltung am Samstag vorgeben wird – die britische Community kämpft derzeit an mehreren Fronten. Eines dieser heißen Eisen ist die Frage, ob trans-Personen auch unter den Schutz gegen Konversionstherapien kommen sollen. Die LGBTI*-Community zeigt sich zerstritten ob dieser Frage, auch deswegen, weil bei Inklusion von trans-Jugendlichen im Konversionsverbot es künftig für Ärzte und Therapeuten beinahe unmöglich werden könnte, im Zweifel abklären zu können, ob der minderjährige Patient wirklich unter einer Geschlechtsdysphorie leidet. Die Tavistock Klinik, die landesweit einzige Einrichtung speziell nur für trans-Jugendliche, veröffentlichte erst im Frühjahr Studienergebnisse, demnach der allergrößte Teil der Jugendlichen, die sich an die Klinik wenden, nicht tatsächlich trans ist, sondern mit dem Schritt der Selbstdefinition nur eine Homo- oder Bisexualität verdrängen wolle. LGBTI*-Aktivisten verneinen diese Aussagen und sprechen von trans-Diskriminierung bei der Frage um die Konversionstherapien.
Einer, der immer wieder auch gerne zudem Öl ins Feuer gießt, ist Premierminister Boris Johnson, der sich in puncto LGBTI* in den vergangenen Jahren extrem wankelmütig zeigte. Daneben hat Großbritannien ein massives Problem mit Hasskriminalität und sexueller Gewalt gegenüber LGBTI*-Menschen; in beiden Bereichen steigen die Fallzahlen immer weiter an und die Polizei selbst ist Teil des Problems, nicht der Lösung. Immer wieder machte gerade die Metropolitan Police in London mit einem extrem homophoben Verhalten auf sich aufmerksam. Erst vor einer guten Woche wurden zudem abermals Ermittlungen gegen eine Reihe von Beamten aufgenommen, die 2016 einen Serienkiller immer wieder entwischen hatten lassen, weil sie den Zeugenaussagen von Homosexuellen kein Gehör schenken wollten und die Morde als Unfälle zu den Akten gelegt hatten. Vier junge Homosexuelle starben, bevor die Polizei den Täter eher zufällig erwischte. Auch deswegen soll die gesamte Polizei in London von der obersten Aufsichtsbehörde künftig und zeitlich unbefristet überwacht werden.
Londons Bürgermeister Sadiq Khan erklärte daher im Vorfeld des Prides, dass es noch viel zu tun gebe: „Ich möchte deutlich machen, dass Homophobie, Biphobie und Transphobie in unserer Stadt keinen Platz haben, und eine Botschaft der Solidarität an alle LGBTI*-Communitys auf der ganzen Welt senden. Unsere Hauptstadt ist durch die Beiträge der LGBTI*-Londoner im Laufe der Jahrzehnte reicher geworden. Hier tolerieren wir nicht nur Unterschiede - wir feiern sie!“ Khan gilt als starker Unterstützer der britischen LGBTI*-Community und bewies in den letzten Jahren immer wieder tatkräftig sein Engagement. Trotzdem viel Großbritannien das dritte Jahr in Folge bei der internationalen Rangliste für LGBTI*-Rechte immer weiter zurück – eine Entwicklung, die auch in anderen Staaten Europas zu beobachten ist. „Der Kampf um die Gleichstellung ist noch nicht vorbei. In ganz Europa ist ein Anstieg des Rechtsextremismus zu beobachten, der versucht, die Grundrechte von LGBTI*-Menschen zu untergraben“, so Khan weiter.
Die Stadt freut sich nun auf zahlreiche Gäste aus der ganzen Welt, erwartet wird ein Millionen-Publikum – zuletzt waren 2019 über 600 LGBTI*-Gruppen mit dabei, bevor Corona für eine zweijährige Zwangspause sorgte. Das, in diesem Jahr neu eröffnete Queer Britain Museum wird ebenso seine Pforten öffnen, wie zahlreiche andere Museen, Institutionen und namhafte Häuser wie die Royal Albert Hall. Der Pride selbst startet mittags am Hyde Park Corner. Auf der Showbühne am Trafalgar Square werden zudem Superstars wie Ava Max, Emeli Sandé, Eurovision-Gewinnerin Netta sowie die Pop- und Soul-Ikone Samantha Mumba zu Gast sein – insgesamt werden mehr als 100 Künstler erwartet. Die Straßen sowie auch die Areale rund um die vier Bühnen sind mit einem Regenbogenfahnenmeer geschmückt. Allerdings wurden zuletzt auch noch einmal die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt, nachdem erst am vergangenen Pride-Wochenende im norwegischen Oslo ein Islamist mit iranischen Wurzeln in einer der ältesten Schwulen-Bars der Stadt zwei Menschen erschoss und über 20 weitere Gäste verletzt hatte. Das gesamte Pride-Team in London hofft auf eine friedliche Veranstaltung an diesem Wochenende in der britischen Hauptstadt. Londons Bürgermeister Khan bekräftigte dabei mutig: "Wir sind hier, um Solidarität zu zeigen, aber wir sind auch hier, um eine deutliche Botschaft an diejenigen zu senden, die versuchen, Hass zu verbreiten, und an diejenigen, die versuchen, Spaltung zu säen, und an diejenigen, die LGBTI*-Communitys terrorisieren: Ihr werdet keinen Erfolg haben!"