Verbot von Konversionstherapien Debatte um Heilungsverbote für LGBTI* nimmt weiter Fahrt auf
Das dürfte eines der spannendsten Jahre der politischen Karriere von Boris Johnson werden – eben noch musste er sich für seine Partys mitten während des Corona-Lockdowns kleinlaut entschuldigen, nun steht er einmal mehr im Zentrum einer Debatte um die Gleichberechtigung von LGBTI*-Menschen.
Im Kern geht es aktuell um das geplante Verbot von Konversionstherapien – nach einem politisch bisher wohl einmaligen Verzögerungs- und Zick-Zack-Kurs binnen der letzten vier Jahre, verkündete der britische Premierminister zuletzt, dass er einem Verbot der “Heilungsangebote“ für Schwule, Lesben und Bisexuelle zustimmen werde.
Transsexuelle Menschen will er in einem ersten Schritt nicht einbinden, weil die juristische Einschätzung komplexer sei. Dabei geht es unter anderem um die Frage, ob Therapeuten oder Ärzte einen Jugendlichen noch adäquat betreuen dürfen, ohne sich sofort rechtlich angreifbar zu machen, wenn dieser mit der trans-Selbstdiagnose zu ihnen kommt.
Weite Teile der politischen LGBTI*-Community zeigten sich empört, mehrere tausend Aktivisten protestierten vor dem Amtssitz von Johnson in der Downing Street 10 und über einhundert queere Organisationen sagten kurzfristig deswegen ihre Teilnahme an der geplanten, ersten, globalen LGBTI*-Konferenz in London ab und sorgten so dafür, dass die Veranstaltung schlussendlich gecancelt wurde.
Nun kommt allerdings abermals frischer Wind in die Streitdebatte, denn einige LGBTI*-Aktivisten sprechen sich inzwischen ebenso für eine Trennung von homo- und bisexuellen Menschen und trans-Personen bei der Entscheidung um ein Konversionstherapieverbot aus.
Eine dieser kritischen Stimmen ist der junge Politiker Alex Bramham, der sowohl bei den Kommunalwahlen in Manchester als Tory-Kandidat antritt wie auch der neue Vorsitzende der LGBTI*-Gruppe innerhalb der Konservativen Partei werden will. Bramham spricht sich klar dafür aus, dass trans-Menschen nicht in ein Verbot der Konversionstherapien einbezogen werden. Zudem möchte er dafür eintreten, die Interessenvertretung innerhalb der Konservativen Partei von Boris Johnson in zwei Gruppen aufzuspalten.
Die eine mit Namen "LGB-Konservative“ soll sich dabei auf Schwule, Lesben und Bisexuelle konzentrieren, die zweite Gruppe dann auf transsexuelle, queere und nicht-binäre Menschen.
Bramham dazu: "Anstatt dass LGB-Personen Fragen der Medien zu transsexuellen Themen beantworten, werden transsexuelle Menschen selbst eine Plattform erhalten, und der erste transsexuelle Abgeordnete des Landes wird sie im Parlament vertreten. Trans-Konservative verdienen eine authentische Vertretung und Verfechter mit Lebenserfahrung - keine Lippenbekenntnisse von mir oder anderen LGB-Sprechern der Organisation. Trans-Personen werden bei Veranstaltungen der LGBT-Konservativen weiterhin willkommen sein, insbesondere wenn sie sich für lesbische und schwule Themen einsetzen, bei denen diese Identität geteilt wird.“
Ferner kündigte der junge Tory-Politiker an, er werde die Gründung einer neuen Organisation durch einen sechsmonatigen Übergangsprozess unterstützen, falls er zum Vorsitzenden der LGBT+ Conservatives gewählt werde.
Seinem grundsätzlichen Wunsch, die Belange der LGBTI*-Community gerade auf politischer Ebene aufzuteilen, begrüßen auch einige andere Aktivisten und Organisationen in Großbritannien, beispielsweise auch die sexpositive Interessenvertretung Sex Matters.
Die Geschäftsführerin Maya Forstater erklärte zusammen mit der Leiterin der Organisation, Helen Joyce, gegenüber dem Guardian, dass sie das Verbot von Konversionstherapien auch nur ohne die Einbeziehung von trans-Menschen als vernünftig ansehen: „Es ist erwiesen, dass die Mehrheit der Kinder, die in ihrer geschlechtlichen Identität noch unsicher sind, mit den Jahren aus diesen Gefühlen herauswachsen. Die Pläne zur Einbindung von trans-Menschen in das Verbot würden es Therapeuten erschweren, zu erforschen, was hinter der geschlechtsspezifischen Notlage stecken könnte. Zu den häufigen Ursachen gehören die Anfänge einer gleichgeschlechtlichen Anziehung, nicht diagnostizierte autistische Störungen, Traumata durch sexuellen Missbrauch und - für viele Mädchen im Teenageralter - das Leben in einer sexistischen Welt.
Die Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen auf, dass geschlechtsunsichere Kinder von Therapeuten aus Angst vor rechtlichen Problemen eher dazu gebracht werden, im Schnellverfahren Pubertätsblocker, intergeschlechtliche Hormone und chirurgische Eingriffe ein- und vornehmen zu lassen, um dann ein Leben lang mit medizinischen Problemen zu kämpfen, einschließlich sexueller Funktionsstörungen und Sterilität. Dies ist die wahre Konversionstherapie!“
Den Ansatz der Trennungswünsche in Bezug auf die speziellen Bedürfnisse der queeren britischen Community, sehen andere LGBTI*-Aktivisten dagegen sehr kritisch und befürchten eine schwerwiegende Spaltung – so auch die jetzige bisexuelle Vorsitzende der LGBT+-Konservativen, Elena Bunbury:
" Wenn man selbst diskriminiert wurde und weiß, wie das ist, weiß ich nicht, wie man das jemand anderem antun kann. Wenn man weiß, dass man Homophobie und Biphobie erlebt hat, warum sollte man dann alles tun, um es trans-Personen noch schwerer zu machen? Ich denke, es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass wir ohne transsexuelle Menschen nicht da wären, wo wir sind. Sie haben uns bei unserem Kampf geholfen - bei der Durchsetzung der gleichberechtigten Ehe, bei den Stonewall-Unruhen - und ich denke, es wäre falsch, jetzt die Leiter hinter uns hochzuziehen. Es macht mir wirklich Angst, dass sie das nach all der Arbeit, die sie geleistet haben, durchmachen müssen. Ich empfinde das einfach als sehr respektlos.“