Direkt zum Inhalt
Angriffe auf LGBTI* wegen Ukraine-Krieg // © IMAGO / IPON

Angriffe auf LGBTI* wegen Ukraine-Krieg Bundeskriminalamt berichtet über allgemeinen Anstieg

ms - 19.04.2022 - 14:15 Uhr
Loading audio player...

Das Bundeskriminalamt (BKA) verzeichnet aktuell jede Woche rund 200 Straftaten im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine – das geht aus einem aktuellen Tagesspiegel-Interview mit BKA-Präsident Holger Münch hervor. Ob diese Zahlen in den kommenden Wochen dabei weiter steigen oder sinken werden, sei stark davon abhängig, wie sich der weitere Verlauf des Krieges entwickeln werde, so Münch weiter.

Klar sei, dass die reine Anzahl der Fälle derzeit stetig ansteigt, wobei sich die Delikte mehrheitlich gegen russischstämmige aber auch mitunter gegen ukrainischstämmige Personen richten würden. Vorrangig handelt es sich dabei um Bedrohungen, Beleidigungen und Sachbeschädigungen. Seit Beginn der Kämpfe in der Ukraine sind rund 350.000 Flüchtlinge in Deutschland angekommen, darunter mindestens auch 25.000 queere Flüchtlinge. Die Behörden gehen davon aus, dass die tatsächlichen Zahlen deutlich höher liegen dürften.

Insgesamt rechnet der LGBTI*-Aktivist und Direktor der europäischen LGBTI*-Organisation Forbidden Colours, Rémy Bonny, mit mindestens 600.000 queeren Flüchtlingen aus der Ukraine, die sich derzeit auf mehrere Länder Europas verteilen. Gerade für transsexuelle Frauen, die aufgrund eines offiziell männlichen Personenstandes als wehrpflichtig eingestuft werden und deswegen ihr Land nicht verlassen dürfen, ist die Flucht ein oftmals lebensgefährliches Unterfangen. Aber auch homosexuelle Männer erleben während der Flucht oftmals Gewalt und Anfeindung, wenn sie beispielsweise als Paar erkennbar sind. In Deutschland angekommen, sind die Probleme deswegen nicht sofort vorbei - noch immer herrscht teilweise ein Mangel an adäquaten Unterbringungsmöglichkeiten, speziell für queere Menschen.

Der allgemeine Anstieg von Gewalt in Deutschland gegenüber Menschen aus der Ukraine und vor allem aus Russland macht die Lage für queere Menschen besonders dramatisch. Gerade queere Ukrainer und queere Russen, zumeist aus denselben Gründen – der Angst vor Verfolgung und Gewalt von Seiten Putins – aus ihrer Heimat geflüchtet, erleben diese Bedrohung als doppelte Stigmatisierung.

Gegenüber Schwulissimo erzählt beispielsweise ein junger Russe, der seit einigen Jahren in München lebt und anonym bleiben möchte: „Ich bin aus Russland geflohen, weil sie mich als Schwulen totschlagen wollten. Und das war auch für meine Familie kein Problem, sie stehen voll hinter dem Propaganda-Wahnsinn von Putin! Jetzt werde ich hier in Deutschland von anderen schwulen Männern in der Szene aber auch Wildfremden zum Beispiel beim Einkaufen angefeindet, sobald sie erkennen, dass ich aus Russland komme. Dabei kann ich nichts für den Krieg. Mich verbindet hundert Mal mehr mit den Geflüchteten aus der Ukraine als mit meinen Landsleuten aus Russland!“

Um nicht immer wieder innerhalb wie außerhalb der LGBTI*-Community angefeindet zu werden, lügt der junge Russe inzwischen, wenn es um seine Herkunft oder auch seinen russischen Vornamen geht.

Am Ende macht es für die Betroffenen wahrscheinlich keinen großen Unterschied, ob sie aufgrund ihrer Nationalität oder wegen ihrer Sexualität angegriffen werden. Der Anstieg der Gewalttaten zeichnet sich dabei auch im Bereich Hassverbrechen gegenüber LGBTI* ab – offizielle Zahlen des Bundesinnenministeriums verzeichnen eine Steigerung von rund 50 Prozent binnen eines Jahres. Da die Dunkelziffer extrem hoch ist, lassen sich die tatsächlichen Zahlen nur anhand der offiziellen Meldungen geschätzt hochrechnen. Realistisch gesehen dürfte es so wahrscheinlich zu mehr als 10.000 Hassverbrechen gegenüber LGBTI*-Menschen binnen eines Jahres in Deutschland kommen.   

Anzeige
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Independence Day in den USA

Mehr als Aliens und Donald Trump

Der Independence Day erinnert an die Gründung der USA – und steht für viele queere Menschen heute auch für den Wunsch nach persönlicher Freiheit.
Sexarbeiter bei OnlyFans

Verborgene Geschichte Amerikas

Eine Historikerin zeichnet die lange und oft verdrängte Geschichte männlicher Sexarbeit in den USA nach – von den ersten Kolonien bis zu OnlyFans.
Appell von Carl Cashman

Mehr positive Männlichkeit

Der Liverpooler Liberaldemokraten-Chef Carl Cashman fordert ein neues Verständnis von positiver Männlichkeit und warnt vor der Manosphere.
Mark Foster übers Coming-Out

Doppelleben im Spitzensport

Der Ex-Olympiaschwimmer Mark Foster sprach über die Belastungen seines jahrelangen Doppellebens und fordert mehr Offenheit für homosexuelle Sportler.
Trumps Humorgeschmack

Sex mit den eigenen Söhnen

Mit einem Scherz über einen „Dreier“ mit seinen Söhnen hat US-Präsident Donald Trump bei einer Rede für Aufsehen und Kritik gesorgt.
Bewerbung für LGBTIQ+-Event

Leeds kämpft um Rugby-Turnier

Leeds bewirbt sich als eine von mehreren Städten als Austragungsort für den Bingham Cup 2028, das Mega-Event für queeren Rugby-Sport.
Drohungen gegen Pride

FBI nimmt zwei Verdächtige fest

Ein Mann aus Puerto Rico und ein US-Postmitarbeiter wurden jetzt nach massiven Gewaltdrohungen gegenüber LGBTIQ+ vom FBI festgenommen.
Schock bei Kataluna Enriquez

Trans* Miss-USA-Kandidatin verletzt

Kataluna Enriquez, die erste trans* Kandidatin von Miss USA, wurde bei einem Autounfall lebensgefährlich verletzt und in der Klinik versorgt.
Schwulenclub muss schließen

Türkei macht erneut massiv Druck

Ein traditionsreicher schwuler Club in Istanbul muss jetzt schließen. Zuvor war er Ziel einer medialen Hetz-Kampagne geworden.