Der irre Wahn der LGBTI*-Community Der Streit um den Boykott der größten LGBTI*-Konferenz
In über 70 Ländern der Erde werden LGBTI*-Menschen noch immer verfolgt und für ihre Lebensweise abseits der heterosexuellen Norm verurteilt, in Gefängnisse gesteckt und schlimmstenfalls grausam ermordet. Gleichzeitig erleben wir auch in vielen, einstmals so weltoffenen Regionen mitten in Europa oder in den USA eine so drastische Form von Rollback, dass wir uns verwundert die Augen reiben. LGBTI*-Verbote an Schulen, behördliche Hetzjagden auf Eltern und ihre trans-Kinder, Bücherverbrennungen mit queeren Inhalten und mehr queerfeindliche Gesetzesentwürfe in der Pipeline als jemals zuvor.
Es wäre also wichtiger denn je, dass sich die queere Community weltweit vereint und vernetzt, dass sie zeigt, wie stark und entschlossen sie sein und reagieren kann, welche Macht von den rund 540 Millionen LGBTI*-Menschen weltweit ausgehen kann. Welche Power unsere Community hat, wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich. Nun droht die erste geplante globale Konferenz im Juni in London zu scheitern, weil über 100 LGBTI*-Organisationen kurzfristig ihre Teilnahme unter lautstarkem Protest abgesagt haben.
Warum? Der britische Premierminister Boris Johnson, so wankelmütig wie seine Frisur stürmisch ist, will trans-Personen von dem geplanten Verbot von Konversionstherapien ausschließen. Wohlgemerkt nicht dauerhaft, die britische Regierung wolle sich nur „gesondert“ mit der Transsexualität befassen, da der Sachverhalt „komplexer“ ist. Wie reagiert die Community abermals in diesen Zeiten? Wir rufen „Skandal“ und „Ungerechtigkeit“ und starten die altbewehrte Cancel Culture. Beleidigt ziehen sich 100 queere Organisationen sofort zurück, ohne auch nur eine Minute länger zuhören zu wollen. Würden sie dies nämlich tun, müssten sie vielleicht erkennen, dass die Gründe für diese „Sonderbehandlung“ von Johnson durchaus berechtigt sein könnten. Konjunktiv, wohlgemerkt. Sollten trans-Menschen pauschal in das Verbot von Konversionstherapien aufgenommen werden, bedeutet das auch, dass kein Therapeut oder Arzt künftig mehr seinem Beruf nachgehen darf, wenn ein Mensch zu ihm kommt und sagt, er denkt, er könne transsexuell sein. Die therapeutische Abklärung, ob bei dem, vielleicht auch minderjährigen Menschen tatsächlich eine Geschlechtsdysphorie als Grundlage einer Transsexualität vorliegt, ist dann rechtlich verboten, denn sie könnte als Konversionstherapie ausgelegt werden. In der Praxis würde das bedeuten: Käme beispielsweise ein Jugendlicher mit der Selbstdiagnose „transsexuell“ zu einem britischen Arzt, dürfte dieser nur noch nicken, ein Rezept für Pubertätsblocker ausstellen und die Behandlung durchwinken. Stellen wir uns das in einer anderen Situation vor. Würden wir es als sinnvoll erachten, wenn ein Mensch mit der Eigendiagnose „Depression“ oder „Bluthochdruck“ zum Arzt kommt und dieser ohne Klärung der Faktenlage einfach Tabletten verschreibt? Oder einen am besten direkt in eine Klinik einweist?
Nein, würden wir natürlich nicht. Oder sehe ich vielleicht die Gesamtsituation komplett falsch? Vergleiche ich Birnen mit Äpfeln? Tue ich der trans-Community Unrecht mit diesem Kommentar? Ja? Was könnten wir dann tun? Miteinander reden. Diskutieren. Mich und andere davon überzeugen, warum ich so grundlegend falsch liege. Argumente austauschen und nicht Emotionen. Wäre das nicht großartig? Genau diese Chance aber vertun die rund 100 LGBTI*-Organisationen, die sich jetzt selbst von der größten Zusammenkunft queerer Gruppen ausgeladen haben, um gefühlt politisch korrekt auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. In puncto Dialogfähigkeit ein Totalausfall. Wissen wir überhaupt noch, wie man eine Diskussion führt, in der nicht alle Teilnehmer schon vorab dieselbe Meinung haben?
Am Ende verlieren dabei alle: Die weltweite LGBTI*-Community zeigt einmal mehr, dass sie in weiten Teilen wohl unfähig oder unwillens ist, vereint zusammenzustehen. Sie beraubt sich damit selbst der eigenen Macht, die sie eigentlich sowohl politisch wie gesellschaftlich hätte haben können. Sie zeigt Despoten und homophoben Staatenlenkern, dass es auch weiterhin kein Problem ist, schwule, lesbische und queere Menschen zu jagen, wegzusperren oder zu töten. Diese Absage ist kein Sieg, kein Zeichen für die gute Sache, es ist ein verbaler Schlag ins Gesicht der Millionen von LGBTI*-Menschen weltweit, die versteckt und verzweifelt ein Leben in Einsamkeit führen müssen, aus Angst vor Entdeckung. Diese unreflektierte Reaktion der rund 100 LGBTI*-Organisationen vernichtet Chancen und lässt insbesondere auch queere und transsexuelle Menschen im Stich. Aber wenigstens können wir uns einmal mehr auf die Schultern klopfen und uns gegenseitig erklären, wie mutig wir uns für die Gleichberechtigung von trans-Menschen eingesetzt haben – die Leugnung der Realität sollte eine künftige Selbstdiagnose sein, der sich die LGBTI*-Community dringend stellen muss, um nicht vollends unterzugehen. Wie dumm können wir eigentlich sein?