LGBTI*-Ukrainer in Angst „Ich kann mir nicht vorstellen, auf einer sogenannten 'russischen Straße' zu leben. Eher sterbe ich!“
Die Sorge und die Angst in der queeren Community der Ukraine nehmen mit jedem Kriegstag weiter zu. Ein dramatisches Bild beschreibt jetzt auch der LGBTI*-Aktivist und Leiter der queeren Rechtsorganisation Nash Mir, Andriy Maymulakhin. Der junge Mann lebt nur rund 50 Kilometer von Kiew entfernt und hört tagtäglich den Hall der Schüsse und Bomben, die rund um die Hauptstadt abgefeuert werden.
Die Büroräume seiner NGO-Organisation Nash Mir sind zwischenzeitlich gestürmt worden, Mitarbeiter wurden angegriffen. Gegründet hat Maymulakhin den Verein nach seinem eigenen Coming Out, um mehr Menschen in der Ukraine Informationen über Homosexualität zur Verfügung zu stellen. Zuerst publizierte er nur ein Magazin gleichen Namens – Nash Mir bedeutet übersetzt so viel wie „Unsere Welt“.
Inzwischen hat er seine Arbeit ausgeweitet und die NGO-Organisation setzt sich landesweit für die queere Community ein. Maymulakhin lebt seit Jahren in einer festen Partnerschaft, ist aber seit Beginn des Krieges von seinem Freund getrennt, der sich in der Westukraine aufhält. Sie telefonieren täglich, doch Maymulakhin besteht darauf, dass sein Freund nicht zu ihm kommt – im Umkreis von Kiew sei es einfach zu gefährlich.
Wie die meisten queeren Menschen in der Ukraine will auch er seine Heimat nicht verlassen – es gilt zu befürchten, dass damit auch alle Fortschritte in der Ukraine in puncto LGBTI*-Gleichberechtigung zum Erliegen kommen, so Maymulakhin gegenüber Pink News:
"Unsere Organisation ist recht klein, nur fünf Personen in der Gruppe und etwa zwölf Aktivisten im ganzen Land. Ich habe von niemandem gehört, dass er oder sie das Land verlassen will. Dies ist unser Land!"
Dieser unbedingte Wille ist bemerkenswert und schmiedet die ganze Community enger zusammen:
„Seit 2014 hat es in der Ukraine erhebliche Fortschritte bei den LGBTI*-Rechten gegeben und das ist so positiv. Wir sind jetzt wirklich so anders als Russland! Vor fünf Jahren hieß es in Umfragen noch, dass 80 Prozent der Ukrainer LGBTI*-Menschen nicht unterstützen oder zumindest keinen queeren Pride sehen wollen. Letztes Jahr wurde die gleiche Frage gestellt und nur noch 56 Prozent verneinten dies, was einen deutlichen Anstieg der Akzeptanz bedeutet. Wir glauben, dass es einen langsamen, aber stetigen Fortschritt gibt."
Russland bedeutet dagegen für die Queers in der Ukraine eine Umkehr aller erreichten Ziele und die berechtigte Gefahr, ähnliche oder noch schlimmere Repressalien zu erleben wie ihre LGBTI*-Brüder und Schwestern in Russland selbst, so Maymulakhin weiter:
"Es ist schwer vorstellbar, dass wir uns mit der so genannten 'russischen Welt', ihren Gesetzen und ihrer Moral, die gegen LGBTI* Menschen ausgerichtet sind, arrangieren werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich auf einer sogenannten 'russischen Straße' leben kann. Eher sterbe ich! Sehr wahrscheinlich ist es zudem, dass LGBTI*-Aktivisten auf den Listen für Konzentrationslager oder für die Vernichtung landen werden."
Aktuell ist die Lage für den LGBTI*-Aktivisten noch relativ sicher, sein Aufenthaltsort nahe Kiew wird derzeit von ukrainischen Soldaten kontrolliert. Sollte sich die Lage ändern, will Maymulakhin zu seinem Freund in die Westukraine flüchten. Ein Ende der Kämpfe ist derzeit nach wie vor noch nicht in Sicht.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat sich allerdings erstmals bezüglich der Verhandlungen mit Russland vorsichtig optimistisch geäußert. Die Verhandlungspositionen seien inzwischen realistischer, so der Präsident in einer Videobotschaft vergangene Nacht:
„Wir alle wollen so schnell wie möglich Frieden und Sieg. Aber es braucht Mühe und Geduld. Es muss noch gekämpft und gearbeitet werden.“