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Gewalt trotz Schutzgesetzen Morde an queeren Menschen, UN vor wichtiger Entscheidung

Von ms - 02.11.2026 - 12:30 Uhr
Gewalt trotz Schutzgesetzen
Foto: iStock / FabrikaCr
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Mindestens 233 Menschen sind weltweit innerhalb von sechseinhalb Jahren wegen ihrer Zugehörigkeit zur LGBTIQ+-Gemeinschaft getötet worden. Das geht aus einem neuem Bericht der internationalen Menschenrechtsorganisation Outright International hervor.

Das Wichtigste im Überblick

  • Mindestens 233 Todesopfer: Zwischen Januar 2020 und Juli 2026 wurden weltweit mindestens 233 LGBTIQ+-Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität getötet.
  • Hohe Dunkelziffer: Die Menschenrechtsorganisation Outright International geht davon aus, dass zahlreiche weitere Fälle nicht erfasst wurden.
  • Kinder unter den Opfern: Mindestens 18 Minderjährige sind dokumentiert. Die Opfer waren insgesamt zwischen 12 und 77 Jahre alt.
  • Gewalt trotz Gleichstellung: In Südafrika, wo die Verfassung Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung verbietet, wurden seit 2020 mindestens 36 gezielte Tötungen registriert.
  • Abstimmung bei den Vereinten Nationen: Im November 2026 entscheidet die UN-Generalversammlung über eine Resolution gegen außergerichtliche und willkürliche Hinrichtungen.
  • Internationale Kampagne: Menschenrechtsorganisationen fordern alle 193 UN-Mitgliedstaaten auf, den ausdrücklichen Schutz sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität beizubehalten.

Versagen von Regierungen

Die Untersuchung erfasst Fälle zwischen Januar 2020 und Juli 2026. Die jüngsten Opfer waren zwölf Jahre alt, die ältesten 77. Unter den Getöteten befanden sich mindestens 18 Kinder. Der Bericht trägt den Titel „Killed for Who They Are: Extrajudicial Executions and Targeted Killings of LGBTIQ People“ („Getötet, weil sie sind, wer sie sind: Außergerichtliche Hinrichtungen und gezielte Tötungen von LGBTIQ-Menschen“). Untersucht wird darin, inwieweit staatliche Stellen an solchen Tötungen beteiligt sind, Gewalt ermöglichen oder ihrer Verantwortung zum Schutz gefährdeter Menschen nicht nachkommen. Als wesentliche Ursachen nennt die Organisation gesellschaftliche Vorurteile, unzureichende gesetzliche Schutzmechanismen und die mangelnde strafrechtliche Verfolgung der Täter. Der Bericht kommt zu dem Schluss: „Wenn Regierungen es versäumen, aktiv einzugreifen, um die Rechte von LGBTIQ+-Menschen zu schützen, führt dies zu deren Tod.“

Tatsächliche Opferzahl deutlich höher

Die dokumentierten 233 Fälle bilden nach Einschätzung der Forscher dabei nur einen sehr kleinen Teil der tatsächlichen Gewalt ab. „Wir werden niemals die genaue Zahl der Menschen kennen, die getötet wurden, weil sie homosexuell oder queer sind“, sagte Ohotuowo Ogbeche von Outright International. Die Erfassung solcher Verbrechen sei mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Besonders problematisch sei die Situation in den 65 UN-Mitgliedstaaten, in denen einvernehmliche gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen weiterhin unter Strafe stehen.

Viele Menschen verbergen dort aus Angst vor Diskriminierung oder strafrechtlicher Verfolgung ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität. Werden sie Opfer eines Tötungsdelikts, bleibt ein mögliches queerfeindliches oder homophobes Motiv deshalb häufig unerkannt. Auch fehlende Ermittlungen und unzureichende staatliche Statistiken erschweren die Dokumentation.  Die geringe Zahl sei jedoch kein Beleg für ein geringeres Gewaltrisiko. Vielmehr verweise sie auf „schwerwiegende Lücken bei der Anerkennung, Meldung und Datenerfassung“, heißt es in dem Bericht weiter. Zudem gehen die Experten anhand von Statistiken der EU-Grundwerteagentur überdies davon aus, dass nur zehn Prozent aller Angriffe gegen queere und homosexuelle Menschen überhaupt erfasst werden. Dazu kommen Hunderte staatliche Hinrichtungen von Homosexuellen in Ländern wie Iran oder China, wo es bis heute keine eindeutige Dokumentation gibt. 

Südafrika im Fokus 

Dass rechtliche Gleichstellung allein keinen ausreichenden Schutz vor Gewalt bietet, zeigt nach Angaben von Outright International die Situation in Südafrika. Das Land ist der einzige Staat südlich der Sahara, dessen Verfassung Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung ausdrücklich untersagt. Dennoch dokumentiert der Bericht dort seit 2020 mindestens 36 gezielte Tötungen homosexueller Menschen. Zu den Opfern zählt der schwule Imam Muhsin Hendricks. Der muslimische Geistliche wurde im Februar 2025 ermordet. Zuvor soll er Morddrohungen erhalten haben.

Jade Madingwane von der südafrikanischen Organisation Forum for the Empowerment of Women (FEW) sieht darin ein grundlegendes Problem bei der Umsetzung bestehender Schutzvorschriften. „Dass Rechte in der Verfassung festgeschrieben sind, bedeutete nicht automatisch, dass wir diese Rechte auch sicher ausüben konnten“, erklärte sie. „Man kann nicht einfach Gesetze und politische Maßnahmen verabschieden, ohne einen Plan für ihre Umsetzung oder ein entsprechendes Budget zu haben.“ Nach Ansicht der Organisation müssen rechtliche Garantien durch konkrete Schutzmaßnahmen und ausreichende finanzielle Mittel ergänzt werden.

Kolumbien und Brasilien

Wie wichtig die systematische Erfassung LGBTIQ+-feindlicher Gewalt ist, verdeutlichen auch Zahlen aus Kolumbien. Die Menschenrechtsorganisation Colombia Diversa hat dort seit 2006 mehr als 2.346 Tötungsdelikte an LGBTIQ+-Menschen dokumentiert. Maria Clara von Colombia Diversa betonte, dass die staatliche Anerkennung solcher Verbrechen eine Voraussetzung für wirksame Gegenmaßnahmen sei. „Was nicht benannt, was nicht gemessen wird, bleibt vom staatlichen Handeln ausgeschlossen“, sagte sie. Die Dokumentation diene deshalb nicht allein statistischen Zwecken. „Zählen bedeutet mehr, als Todesfälle zu erfassen. Es bedeutet, zu bekräftigen, dass dieses Leben zählt.“ Fehlende Daten könnten dazu führen, dass bestimmte Opfergruppen in staatlichen Schutzprogrammen und bei der strafrechtlichen Aufarbeitung nicht ausreichend berücksichtigt würden. Ähnlich sieht die Lage auch in Brasilien aus, wo LGBTIQ+-Verbände jährlich im Durchschnitt über 200 Morde an Homosexuellen und queeren Menschen dokumentieren. Doch nur jene Fälle, die offiziell von staatlicher Seite festgehalten wurden, fanden Einzug in die Statistiken. 

Schutz vor Hinrichtungen 

Die Veröffentlichung der Untersuchung fällt in eine Phase wichtiger Beratungen bei den Vereinten Nationen. Im November 2026 soll die UN-Generalversammlung über eine Resolution abstimmen, die außergerichtliche sowie willkürliche Hinrichtungen verurteilt. Der Resolutionstext benennt Bevölkerungsgruppen, die besonders gefährdet sind, Opfer solcher Tötungen zu werden. Er fordert die Staaten auf, entsprechende Verbrechen zu untersuchen, die Verantwortlichen strafrechtlich zu verfolgen und den Opfern beziehungsweise ihren Angehörigen Gerechtigkeit zu ermöglichen. Seit 2002 wird die sexuelle Orientierung in der Resolution ausdrücklich als Schutzmerkmal genannt.  Bei den bisherigen Abstimmungen versuchte eine Gruppe von Staaten wiederholt, die entsprechenden Begriffe aus der Resolution zu entfernen, Bei diesem konkreten Text blieben die Versuche bislang erfolglos. 

Dass entsprechende Änderungen dennoch möglich sind, zeigte sich 2025. Damals wurden die Begriffe „sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität“ mit knapper Mehrheit aus einer anderen Resolution der UN-Generalversammlung gestrichen. Bereits 2024 hatten Staaten, die sich für den Erhalt der Schutzbestimmungen einsetzen, vor einer solchen Entwicklung gewarnt. Eine Streichung würde „ein gefährliches Signal an die Täter senden“, erklärten sie. Die bevorstehende Abstimmung gilt deshalb als wichtig für die Frage, ob sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität weiterhin ausdrücklich im internationalen Schutz vor außergerichtlichen Hinrichtungen genannt werden.

Appell an 193 Staaten

Angesichts der bevorstehenden Entscheidung haben sich mehrere internationale Menschenrechtsorganisationen zusammengeschlossen. Outright International startete gemeinsam mit Amnesty International, Human Rights Watch, ILGA World und weiteren Organisationen eine weltweite Kampagne. In einem gemeinsamen Schreiben an alle 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen fordern sie, die bisherige Liste besonders schutzbedürftiger Gruppen vollständig in der Resolution zu belassen. Damit soll verhindert werden, dass sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität aus dem Text gestrichen werden. 

Trotz der dokumentierten Gewalt und der Schwierigkeiten bei der strafrechtlichen Aufarbeitung sieht Outright International weiterhin Möglichkeiten, den Schutz von LGBTIQ+-Menschen zu verbessern. Ohotuowo Ogbeche betonte bei der Vorstellung der Untersuchung, dass staatliche Maßnahmen und gesellschaftliches Engagement Veränderungen bewirken könnten. „Wir sind nicht hilflos, wir sind nicht hoffnungslos. Ihr könnt etwas tun, und wir haben bereits etwas getan.“ Mit der Veröffentlichung des Berichts und der internationalen Kampagne wollen die beteiligten Organisationen erreichen, dass gezielte Tötungen von LGBTIQ+-Menschen konsequenter erfasst, untersucht und verfolgt werden.

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