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Schwuler Volleyballstar Rui Takahashi berichtet vom Rückhalt seines Bruders

Von ms - 23.10.2026 - 14:00 Uhr
Schwuler Volleyballstar Takahashi
Foto: IMAGO / AFLOSPORT
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Der japanische Volleyballprofi Rui Takahashi hat erstmals ausführlich über sein Coming-Out und die damit verbundenen Ängste gesprochen. Der 26-Jährige erklärte in einem Interview mit der Zeitung „Asahi Shimbun“, dass er vor seiner öffentlichen Erklärung sogar bereit gewesen sei, seine sportliche Karriere aufzugeben. Besonders wichtig sei ihm die Unterstützung seines jüngeren Bruders Ran gewesen.

Das Wichtigste im Überblick

  • Historisches Coming-Out: Der 26-jährige Volleyballprofi Rui Takahashi hat sich Ende September als schwul geoutet. Er gilt als erster japanischer männlicher Profisportler, der diesen Schritt öffentlich gegangen ist.
  • Angst um die Karriere: Takahashi hatte sich auf heftige Ablehnung vorbereitet und sogar damit gerechnet, seine Volleyballkarriere beenden zu müssen.
  • Unterstützung durch die Familie: Sein jüngerer Bruder Ran, japanischer Nationalspieler, reagierte gelassen und sicherte ihm seine Unterstützung zu.
  • Positive Reaktionen: Mannschaftskollegen, Verein und Fans aus aller Welt reagierten überwiegend positiv. Auch die Familie erhielt viel Zuspruch.
  • Weiteres Coming-Out: Einen Tag später erklärte auch Volleyballspieler Reon Arao öffentlich, zur LGBTIQ+-Community zu gehören. Arao bezeichnete Takahashi als Inspiration.
  • Die Organisation Pride House Tokyo sieht in den Ereignissen einen möglichen Wendepunkt, fordert aber verbindliche Maßnahmen gegen Diskriminierung im Sport.

Historisches Outing

Takahashi hatte Ende September öffentlich gemacht, dass er schwul ist. Als erster japanischer männlicher Profisportler, der diesen Schritt ging, musste er nach eigenen Angaben mit einer ungewissen Reaktion rechnen. Statt der befürchteten Ablehnung erhielt er jedoch überwiegend Zuspruch. Rui spielt weiterhin für die Suntory Sunbirds Osaka in der japanischen SV.League. Sein jüngerer Bruder Ran, der als Außenangreifer für die japanische Nationalmannschaft spielt, stand bis vor kurzem ebenfalls bei dem Verein unter Vertrag. Inzwischen hat er sich dem polnischen Klub LKPS Lublin angeschlossen. Die japanische Nationalmannschaft hat sich als Asienmeister für die Olympischen Spiele in Los Angeles qualifiziert.

Gefühle lange verdrängt

Im Interview beschreibt Rui Takahashi, wie er sich schon als Kind intensiv mit Volleyball beschäftigte. Der Sport sei für ihn auch eine Möglichkeit gewesen, sich von seinen eigenen Gefühlen abzulenken. Während seiner Jugend hätten Freunde gelegentlich über seine sexuelle Orientierung spekuliert. Er habe entsprechende Gerüchte jedoch zurückgewiesen oder heruntergespielt. Erst mit Anfang 20 begann Takahashi, sich intensiver mit seiner Identität auseinanderzusetzen. Als erste Person aus seinem persönlichen Umfeld vertraute er sich 2024 seiner Cousine an. Sie ist ungefähr im gleichen Alter und steht beiden Brüdern nahe. Auslöser für das Gespräch war nach seinen Worten eine persönliche Erfahrung. „Ich hatte zum ersten Mal die Gelegenheit, mich in einen Mann zu verlieben. Bis dahin hatte ich mich selbst nicht verstanden, mich selbst verleugnet und nicht versucht, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen“, sagte Takahashi.

Bruder Ran überraschte 

Wenig später erzählte Rui auch seinem jüngeren Bruder von seiner Homosexualität. Ran war damals gerade zu den Suntory Sunbirds gewechselt und gehörte bereits zu den bekanntesten Volleyballspielern Japans. Die Reaktion fiel anders aus, als Rui erwartet hatte. „Als ich es Ran zum ersten Mal erzählte, sagte er: ‚Das ist interessant.‘ Mit dieser Antwort hatte ich überhaupt nicht gerechnet.“ Rui hatte sich auf ein schwieriges Gespräch eingestellt. „Ich dachte mir: ‚Nein, ich mache mir deswegen wirklich Sorgen!‘ Seine gelassene Haltung hat mich unglaublich erleichtert.“ Anschließend hätten die Brüder ausführlicher über das Thema gesprochen. Entscheidend sei jedoch gewesen, dass Ran seine sexuelle Orientierung von Anfang an als etwas Selbstverständliches behandelt habe. „Danach haben wir natürlich über alle möglichen Dinge gesprochen. Aber anstatt mich in der Ernsthaftigkeit der Situation zu verlieren, wurde mir durch seine erste Reaktion klar, dass ich das Ganze nicht so schwer nehmen musste.“

Zielmarke 30. Geburtstag

In den folgenden zwei Jahren sprach Takahashi mit mehreren engen Freunden über seine sexuelle Orientierung. Schließlich begann er darüber nachzudenken, sich auch öffentlich zu outen. Dabei beschäftigte er sich mit den Erfahrungen anderer offen schwuler Sportler, darunter der britische Wasserspringer Tom Daley und der amerikanische Volleyballspieler Erik Shoji. In Japan fehlten ihm jedoch vergleichbare Vorbilder. Die möglichen Auswirkungen auf seine Karriere und sein Privatleben bereiteten ihm deshalb weiterhin Sorgen.

Trotzdem entschied er sich, den Schritt zu wagen. „Ob ich Volleyball spiele oder nicht: Wenn ich mir einmal vorstelle, was für ein Mensch ich werden möchte, bin ich von meiner Persönlichkeit her jemand, der unglücklich wird, wenn er dieses Ziel nicht erreicht“, erklärte Takahashi. „Ich glaube, das liegt wahrscheinlich daran, dass ich ein ernster Mensch bin. Und wenn ich einmal sage, dass ich es öffentlich machen möchte, dann mache ich es auch.“ Hinzu kam der Wunsch, anderen Menschen mit ähnlichen Erfahrungen Mut zu machen. „Als ich darüber nachdachte, dass ich dafür anerkannt werden könnte, schwul zu sein, und dass es bestimmt viele Fans und andere Menschen gibt, die mit denselben Gefühlen kämpfen, verspürte ich den starken Wunsch, es so schnell wie möglich öffentlich zu machen.“ Für sich selbst hatte er außerdem eine zeitliche Grenze gesetzt. „Außerdem wollte ich nicht 30 werden, ohne mich geoutet zu haben.“

Rückhalt in der Familie 

Vor seiner öffentlichen Erklärung machte sich Rui auch Gedanken über mögliche Folgen für seinen Bruder. Ran ist als Nationalspieler in Japan besonders bekannt. Rui befürchtete deshalb, dass sein Coming-out negative Auswirkungen auf dessen Ansehen oder Karriere haben könnte. „Mir wurde klar, dass ich in der Öffentlichkeit als ‚Ran Takahashis Bruder‘ wahrgenommen werde. Deshalb hatte ich Angst, dass ihm dadurch irgendwelche Nachteile entstehen könnten.“ Er sprach diese Befürchtung offen an. „Als ich Ran davon erzählte, sagte er: ‚Nein, das spielt keine Rolle.‘ Seine genauen Worte waren: ‚Es ist dein Leben, also unterstütze ich dich.‘ Und das bedeutete mir sehr viel.“ Auch seine Eltern erlebten nach dem Coming-Out eine positive Resonanz. In Kyoto, der Heimatstadt der Brüder, betreibt ihre Mutter ein Café. „Nach meinem Coming-Out kamen so viele Menschen zu meinen Eltern und sagten: ‚Wir werden euch weiterhin unterstützen.‘ Nicht ein einziger Mensch hat sich von uns abgewandt“, berichtete Rui.

Reon Arao folgt mit Outing

Nur einen Tag nach Takahashis öffentlicher Erklärung machte ein weiterer Spieler der japanischen Volleyballliga seine LGBTIQ+-Identität öffentlich. Reon Arao, der für den Ligakonkurrenten Voreas Hokkaido spielt, veröffentlichte dazu eine Nachricht in sozialen Netzwerken. Zuvor hatte Arao Kontakt zu Takahashi aufgenommen und um Rat gebeten. „Reon bat mich um Rat und erklärte, ebenfalls mit etwas zu kämpfen. Außerdem fragte Reon, ob es in Ordnung sei, in der eigenen Nachricht zu erwähnen, dass mein Coming-Out eine Inspiration gewesen sei“, berichtete Rui. Seine Antwort sei eindeutig gewesen. „Ich antwortete: ‚Natürlich ist das in Ordnung.‘“ Für Takahashi war es eine besondere Erfahrung, unmittelbar nach seinem eigenen Coming-Out einem anderen Menschen helfen zu können. „Ich bin einfach unglaublich glücklich, dass ich Reon unterstützen konnte, als der Mut aufgebracht wurde, sich öffentlich zu äußern.“

Zeichen des Wandels

Die beiden Coming-Outs werden auch von der japanischen LGBTIQ+-Organisation Pride House Tokyo aufmerksam verfolgt. Die Initiative betreibt im Tokioter Stadtteil Shinjuku das erste dauerhafte große LGBTIQ+-Gemeinschaftszentrum Japans. Das Projekt wurde ursprünglich im Zusammenhang mit den Olympischen und Paralympischen Spielen von Tokio 2020 gegründet. Es war das erste Pride House, das von einem olympischen Organisationskomitee offiziell anerkannt wurde. Inzwischen hat sich daraus ein breites Unterstützungsnetzwerk entwickelt, das über den Sport hinausreicht. Beteiligt sind gemeinnützige Organisationen, Unternehmen und ausländische Botschaften.

Die Vorsitzende Yuri Igarashi würdigte gegenüber dem Sportportal Outsports insbesondere die selbstbestimmte Entscheidung Takahashis. „Wir haben großen Respekt vor Rui Takahashi dafür, dass er sich mit seinen eigenen Worten und zu einem selbst gewählten Zeitpunkt öffentlich geäußert hat.“ Die Situation offen schwuler und queerer Männer im Spitzensport sei seit langem ein internationales Thema. „Wie schwierig es ist, sich als männlicher Spitzensportler in einer Mannschaftssportart zu outen, wird seit langem diskutiert – und zwar in jedem Land.“ Dass unmittelbar danach auch Arao an die Öffentlichkeit ging, bewertet Igarashi als bedeutsam.  „Der Schritt eines Menschen führt zum nächsten. Es fühlt sich an wie ein Moment echten Wandels im japanischen Sport.“

Vereine in der Verantwortung

Nach Ansicht Igarashis reicht öffentliche Anerkennung allein allerdings nicht aus. Entscheidend sei, dass offen homosexuelle und queere Sportler ihre Karrieren ohne Nachteile fortsetzen könnten. Dafür müssten unterschiedliche Institutionen zusammenarbeiten. „Mannschaften, Ligen, Sponsoren, Medien und jeder einzelne Fan tragen dazu bei, ein solches Umfeld zu schaffen.“ Igarashi verwies zugleich darauf, dass die Reaktionen nicht ausschließlich positiv gewesen seien. „Die Reaktionen in den sozialen Netzwerken waren überwiegend herzlich. Allerdings haben wir auch einige reißerische Schlagzeilen und verletzende Kommentare gesehen.“ Sie warnte davor, die beiden Spieler künftig ausschließlich auf ihre sexuelle oder geschlechtliche Identität zu reduzieren. „Wir hoffen, dass die Medien weiterhin über die beiden als Sportler berichten und nicht nur als ‚Sportler, die sich geoutet haben‘.“

Diskriminierungsschutz und Ehe

Trotz der positiven Erfahrungen sieht Pride House Tokyo weiterhin strukturelle Schwierigkeiten für LGBTIQ+-Sportler in Japan. Igarashi verwies darauf, dass es in Japan kein umfassendes Gesetz gibt, das Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität ausdrücklich verbietet. Ein Coming-Out könne deshalb weiterhin persönliche und berufliche Risiken mit sich bringen. Sportverbände und Ligen müssten verbindliche Regeln und Unterstützungsangebote schaffen. „Veränderung sollte nicht allein vom Mut einzelner Menschen abhängen. Sportverbände und Ligen brauchen klare Richtlinien und Unterstützungssysteme.“ Welche langfristigen Folgen die beiden Coming-outs für den japanischen Sport haben werden, ist noch offen. Die Community hofft, dass die beiden Outings vielleicht auch endlich mehr Bewegung in den Kampf um die gleichgeschlechtliche Ehe bringen – Japan ist bis heute der einzige G7-Staat, der kein Ehe-Gesetz für Schwule und Lesben hat. 

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