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STI-Welle in Italien Geschlechtskrankheiten auf dem Vormarsch

Von ms - 20.10.2026 - 12:00 Uhr
STI-Welle in Italien
Foto: iStock / Sergey Tinyakov
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Die Zahl der gemeldeten sexuell übertragbaren Infektionen (STI) steigt in Italien weiter an. Nach Angaben des italienischen Gesundheitsinstituts Istituto Superiore di Sanità (ISS) wurden 2024 fast 8.000 Fälle registriert. Das entspricht einem Anstieg von zwölf Prozent gegenüber 2023, nachdem bereits im Vorjahr eine deutliche Zunahme festgestellt worden war. Die Entwicklung fällt in eine Zeit politischer Auseinandersetzungen über die Sexual- und Beziehungserziehung an italienischen Schulen. Die Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni schränkt diese mit dem sogenannten Valditara-Gesetz ein, mittels eines Referendums soll eine mögliche Änderung erkämpft werden.  

Das Wichtigste im Überblick

  • Deutlich mehr Infektionen: Italien registrierte 2024 fast 8.000 Fälle sexuell übertragbarer Infektionen – zwölf Prozent mehr als im Vorjahr.
  • Chlamydien und Gonorrhö nehmen stark zu: Chlamydien-Meldungen stiegen innerhalb eines Jahres um 41,5 Prozent. Die Zahl der Gonorrhö-Fälle hat sich seit 2010 verfünffacht.
  • Besonders starker Anstieg bei Männern, die Sex mit Männern haben: In dieser Gruppe nahmen die jährlichen STI-Meldungen zwischen 2021 und 2024 um rund 58 Prozent zu.
  • Gesundheitsexperten fordern Maßnahmen: Das italienische Gesundheitsinstitut drängt auf bessere Aufklärung, mehr Tests, frühzeitige Behandlungen und verstärkte Prävention.

Chlamydien-Anstieg bei Schwulen 

Besonders stark betroffen sind Männer, die Sex mit Männern haben (MSM). In dieser Gruppe stiegen die jährlichen Meldungen zwischen 2021 und 2024 um rund 58 Prozent. Über alle erfassten Personengruppen hinweg betrug der Anstieg in diesem Zeitraum etwa 30 Prozent. Dem ISS-Bericht zufolge entfielen 2024 insgesamt 78,7 Prozent der registrierten STI-Fälle auf Männer und 21,3 Prozent auf Frauen. Das mittlere Alter der Betroffenen lag bei 33 Jahren. Bei Frauen betrug es 29 Jahre, bei Männern 34 Jahre. Besonders auffällig ist die Entwicklung bei Chlamydien-Infektionen. Ihre Zahl stieg innerhalb eines Jahres um 41,5 Prozent. Bei schwulen und bisexuellen Männern betrug der Anstieg sogar 61,2 Prozent. Vor allem jüngere Menschen waren betroffen. In der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen lag die Chlamydienprävalenz 2024 bei 8,3 Prozent. Bei Menschen über 24 Jahren waren es 2,7 Prozent.

Gonorrhö-Fälle verfünffacht

Auch bei Gonorrhö, umgangssprachlich Tripper genannt, zeigen die Daten eine starke Zunahme. Zwischen 2010 und 2024 verfünffachte sich die Zahl der gemeldeten Fälle. Mit 1.555 Meldungen wurde 2024 ein neuer Höchststand erreicht. Allein zwischen 2021 und 2024 stieg die Zahl der Gonorrhö-Meldungen um 84 Prozent. Von den 2024 registrierten Fällen entfielen 54,7 Prozent auf Männer, die Sex mit Männern haben. Heterosexuelle Männer machten 37,9 Prozent und Frauen 7,4 Prozent aus. Auch die Meldungen von Syphilis im Stadium I und II nahmen zu. Zwischen 2021 und 2024 betrug der Anstieg 16 Prozent. Im vergangenen Berichtsjahr registrierten die beteiligten Gesundheitseinrichtungen 695 neue Fälle. Davon betrafen 73,3 Prozent Männer, die Sex mit Männern haben.

Weitere Infektionen

Neben den klassischen sexuell übertragbaren Infektionen enthält der Bericht Angaben zu Mpox, früher als Affenpocken bezeichnet. Zwischen Juni 2023 und Dezember 2024 wurden insgesamt 59 neue Mpox-Fälle registriert. Davon entfielen 91,5 Prozent auf Männer, die Sex mit Männern haben. Auch beim Lymphogranuloma venereum (LGV), einer durch bestimmte Chlamydienvarianten verursachten sexuell übertragbaren Erkrankung, wurde ein Höchststand festgestellt. 2024 meldeten die Gesundheitseinrichtungen 64 Fälle – so viele wie seit 1991 nicht mehr. Davon betrafen 58 Fälle beziehungsweise 90,6 Prozent ebenso schwule und bisexuelle Männer. Innerhalb dieser Gruppe waren 37,7 Prozent HIV-positiv.

HIV-Prävalenz deutlich erhöht

Besondere Aufmerksamkeit widmet das italienische Gesundheitsinstitut dem Zusammenhang zwischen sexuell übertragbaren Infektionen und HIV. Im Jahr 2024 wurden 4.981 Menschen mit einer STI auf HIV getestet. Bei 599 von ihnen fiel der Test positiv aus. Das entspricht einer HIV-Prävalenz von zwölf Prozent. Damit lag die HIV-Prävalenz unter Menschen mit einer bestätigten STI etwa 40-mal höher als die geschätzte Prävalenz in der italienischen Gesamtbevölkerung. Die Zahlen unterstreichen aus Sicht des Instituts die Bedeutung regelmäßiger HIV-Tests bei Menschen, bei denen bereits eine andere sexuell übertragbare Infektion festgestellt wurde.

Der Bericht untersucht außerdem die Nutzung der HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP). Zwischen Juni 2023 und Dezember 2024 wurden bei 8.441 Menschen mit einer STI Angaben zur bisherigen PrEP-Nutzung erhoben. Das entsprach 71,4 Prozent aller in diesem Zeitraum erfassten Personen. Von ihnen gaben 15 Prozent an, mindestens einmal PrEP eingenommen zu haben. Unter den STI-Patienten mit PrEP-Erfahrung waren 99,3 Prozent Männer und 0,7 Prozent Frauen. Das mittlere Alter dieser Gruppe lag bei 36 Jahren, der Interquartilsabstand zwischen 30 und 43 Jahren. Das Gesundheitsinstitut weist darauf hin, dass PrEP zwar vor HIV schützt, jedoch keinen Schutz vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen wie Syphilis, Gonorrhö oder Chlamydien bietet. Deshalb wird auch Menschen, die PrEP verwenden, die Nutzung von Kondomen empfohlen.

Keine Lust auf Kondome

Die Daten zum Schutzverhalten zeigen weiteren Handlungsbedarf: In Italien herrscht eine Kondom-Müdigkeit.  Im Jahr 2024 gaben 17,4 Prozent der erfassten Personen an, keinerlei Verhütungsmittel verwendet zu haben. Weitere 77,3 Prozent berichteten, Kondome nur gelegentlich zu benutzen. Lediglich 4,6 Prozent erklärten, bei jedem Geschlechtsverkehr ein Kondom verwendet zu haben. Kondome zählen weiterhin zu den wichtigsten Schutzmaßnahmen gegen zahlreiche sexuell übertragbare Infektionen. Anders als die HIV-PrEP können sie das Risiko einer Übertragung verschiedener Krankheitserreger verringern.

Besorgniserregende Entwicklung

Angesichts der steigenden Infektionszahlen fordert das italienische Gesundheitsinstitut verstärkte Anstrengungen bei Früherkennung, Behandlung und Prävention. Anna Teresa Palamara, Leiterin der Abteilung für Infektionskrankheiten am ISS, erklärte: „Die Entwicklung der sexuell übertragbaren Infektionen in den vergangenen Jahren ist besorgniserregend. Wir müssen auf verschiedenen Ebenen handeln, um diesen Trend umzukehren.“ Palamara betonte, dass einzelne Maßnahmen nicht ausreichten. Notwendig sei ein umfassender Ansatz, der medizinische Versorgung und Gesundheitsaufklärung miteinander verbinde. „Wir müssen an mehreren Fronten gleichzeitig ansetzen: bei der frühzeitigen Diagnose und Behandlung, die das Ansteckungsrisiko verringern; bei der Prävention, indem wir beispielsweise die Verbreitung von Impfungen gegen HPV und Hepatitis fördern; sowie bei der korrekten Information und Sensibilisierung der Bevölkerung für Verhaltensweisen, mit denen sich Infektionen verhindern lassen.“

Mehr Tests und bessere Prävention

Um die Ausbreitung sexuell übertragbarer Infektionen einzudämmen, nennt das Gesundheitsinstitut eine Reihe konkreter Maßnahmen. Dazu gehört insbesondere ein leichterer Zugang zu medizinischer Versorgung. Menschen mit einer STI oder einem erhöhten Infektionsrisiko sollen durch integrierte Versorgungskonzepte schneller diagnostiziert und behandelt werden können. Zudem sollen HIV-Tests bei Menschen mit einer bestätigten STI häufiger aktiv angeboten werden. Dies entspricht den Vorgaben des italienischen nationalen Präventionsplans für die Jahre 2026 bis 2031. Auch die Bekämpfung von Hepatitis B und C soll durch verstärkte Screeningangebote und frühzeitige Diagnosen verbessert werden. Dabei verweist das Institut auf die aktuellen Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Impfungen gegen humane Papillomviren (HPV) sowie Hepatitis A und B. Die Impfangebote sollen ausgeweitet und stärker beworben werden. Darüber hinaus empfehlen die Fachleute eine verbesserte Kontaktverfolgung bei festgestellten Infektionen. Sexualpartner betroffener Personen sollen leichter erreicht und bei Bedarf ebenfalls behandelt werden.

Sexualaufklärung soll gestärkt werden

Neben medizinischen Maßnahmen sieht das Gesundheitsinstitut vor allem bei der Information der Bevölkerung erheblichen Handlungsbedarf. Menschen sollen besser über Symptome, Anzeichen und mögliche Komplikationen sexuell übertragbarer Infektionen aufgeklärt werden. Dazu gehört auch die Information darüber, welche Rolle andere STI bei der Übertragung und dem Erwerb von HIV spielen können. Die sexuelle Gesundheitsbildung soll sich an den Regeln für Safer Sex orientieren. Dazu zählen die korrekte Verwendung von Kondomen, eine Verringerung der Zahl sexueller Partner, ein bewusster Umgang mit Alkohol und der Verzicht auf Drogen. Außerdem empfiehlt das Institut, einen mehrjährigen nationalen Präventionsplan für sexuell übertragbare Infektionen auszuarbeiten. Ergänzend sollen Programme eingerichtet werden, die Veränderungen im Sexual- und Schutzverhalten der Bevölkerung systematisch erfassen

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