Wenige Wochen vor Beginn der Olympischen Jugendspiele im Senegal wächst die internationale Kritik am Umgang des westafrikanischen Landes mit homosexuellen Menschen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) wirft den Behörden jetzt vor, durch verschärfte Strafgesetze, Festnahmen und gesellschaftliche Stigmatisierung die Rechte von LGBTIQ+-Menschen massiv einzuschränken. Zugleich stellt die Organisation die Frage, wie sich diese Entwicklung mit den Grundsätzen der Olympischen Charta vereinbaren lässt.
Das Wichtigste im Überblick
- Human Rights Watch (HRW) fordert ein sofortiges Ende der Verfolgung von homosexuellen Menschen im Senegal und kritisiert willkürliche Festnahmen.
- Seit einer Gesetzesverschärfung drohen für gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen bis zu zehn Jahre Gefängnis statt zuvor fünf Jahren.
- Hunderte Festnahmen: Nach Angaben der senegalesischen Menschenrechtsorganisation RADDHO wurden zwischen Februar und Juli mindestens 212 Menschen festgenommen.
- UNAIDS warnt, dass die Kriminalisierung homosexueller Menschen den Zugang zu HIV-Tests, Prävention und medizinischer Behandlung erschweren könnte.
- Vom 31. Oktober bis 13. November soll Senegal die Olympischen Jugendspiele mit rund 2.700 jungen Sportlerinnen und Sportlern ausrichten.
- HRW verlangt Schutz vor Diskriminierung und willkürlichen Festnahmen für die Bevölkerung ebenso wie für internationale Teilnehmende und Gäste.
Olympia im Senegal
In einem jetzt veröffentlichten Bericht beschreibt HRW eine Situation, in der Betroffene zunehmend mit staatlicher Verfolgung und gesellschaftlicher Ausgrenzung rechnen müssten. Die Organisation fordert die senegalesische Regierung auf, diskriminierende Maßnahmen zu beenden und grundlegende Menschenrechte zu gewährleisten. Besonders brisant ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung. Ende Oktober soll Senegal als erstes afrikanisches Land Gastgeber eines olympischen Sportereignisses werden. Während sich Tausende junge Athletinnen und Athleten auf die Wettkämpfe vorbereiten, drohen Menschen im Gastgeberland wegen einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen langjährige Haftstrafen.
Regierung verdoppelt Haftstrafe
Die rechtliche Situation homosexueller Menschen im Senegal hat sich 2026 erheblich verschärft. Im März beschloss das Parlament eine Änderung des Strafrechts, mit der die Höchststrafe für gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen von fünf auf zehn Jahre Gefängnis angehoben wurde. Die Entscheidung fiel mit überwältigender parlamentarischer Zustimmung. Insgesamt 135 Abgeordnete votierten für die Gesetzesänderung. Gegenstimmen gab es nicht, lediglich drei Parlamentarier enthielten sich.
Die neuen Bestimmungen betreffen nicht ausschließlich die sexuellen Handlungen selbst. Auch deren Förderung oder Finanzierung wurde unter Strafe gestellt. Dadurch können sich die rechtlichen Risiken über unmittelbar Betroffene hinaus auf weitere Personen und Organisationen erstrecken. Menschenrechtsorganisationen sehen darin eine erhebliche Verschärfung der staatlichen Repression. Die Strafandrohung könne dazu führen, dass homosexuelle Menschen aus Angst vor Verfolgung ihre Identität verbergen und öffentliche sowie private Kontakte einschränken.
Hunderte Festnahmen
Neben der verschärften Gesetzgebung kritisiert Human Rights Watch eine umfangreiche Serie von Festnahmen. Nach Informationen der senegalesischen Menschenrechtsorganisation RADDHO wurden zwischen Februar und Juli mindestens 212 Menschen festgenommen, andere Quellen sprechen sogar von mehr als 300 Personen. Wie viele Menschen insgesamt von den Maßnahmen betroffen waren, lässt sich nach Angaben der Menschenrechtler daher nicht zuverlässig feststellen. Die dokumentierten Fälle zeigen jedoch das Ausmaß der behördlichen Maßnahmen gegen Menschen, denen gleichgeschlechtliche sexuelle Kontakte vorgeworfen werden.
Die Festnahmen haben nach Darstellung von HRW weitreichende Folgen für den Alltag der Betroffenen. Neben möglichen Strafverfahren müssen sie mit gesellschaftlicher Stigmatisierung und der Offenlegung persönlicher Informationen rechnen. Die Organisation warnt deshalb vor einer Situation, in der bereits der Verdacht auf eine gleichgeschlechtliche Beziehung erhebliche persönliche und rechtliche Konsequenzen haben kann.
HIV-Tests ohne Einwilligung
Besonders schwer wiegen nach Einschätzung von Human Rights Watch Berichte über medizinische Untersuchungen, die ohne Zustimmung der Betroffenen vorgenommen worden sein sollen. Mehrere von HRW befragte Personen schilderten, dass sie sich HIV-Tests unterziehen mussten, obwohl sie dem nicht zugestimmt hatten. Die Ergebnisse seien anschließend für zusätzliche strafrechtliche Anschuldigungen herangezogen worden. Damit betrifft die Verfolgung nach Darstellung der Organisation nicht nur das Recht auf Privatsphäre und sexuelle Selbstbestimmung, sondern auch den Schutz persönlicher Gesundheitsdaten. Zudem berichteten Menschenrechtsverteidiger über Schwierigkeiten bei der rechtlichen Vertretung von Beschuldigten. Anwälte befürchteten, durch die Übernahme entsprechender Mandate selbst unter Druck zu geraten. Die im März eingeführten Strafbestimmungen gegen die Förderung und Unterstützung homosexueller Menschen hätten diese Unsicherheit verstärkt. Dadurch könne der Zugang zu anwaltlicher Hilfe zusätzlich erschwert werden.
UNAIDS befürchtet Rückschläge
Neben den menschenrechtlichen Konsequenzen warnen internationale Gesundheitsorganisationen vor möglichen Auswirkungen auf die medizinische Versorgung. Bereits im März hatte das Gemeinsame Programm der Vereinten Nationen für HIV/Aids (UNAIDS) darauf hingewiesen, dass verschärfte Strafgesetze Menschen davon abhalten könnten, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wer wegen seiner tatsächlichen oder vermuteten sexuellen Orientierung eine Festnahme befürchten muss, könnte HIV-Tests, Beratungsangebote oder Behandlungen meiden. UNAIDS sieht darin ein erhebliches Risiko für die öffentliche Gesundheit. Kriminalisierung könne bestehende Vorurteile verstärken und die Diskriminierung besonders gefährdeter Bevölkerungsgruppen verschärfen. Die Warnung erfolgt vor dem Hintergrund einer ohnehin angespannten gesundheitlichen Situation. Nach Angaben des UN-Programms stieg die Zahl der HIV-Neuinfektionen im Senegal zwischen 2010 und 2024 um 36 Prozent.
Olympische Jugendspiele
Die internationale Aufmerksamkeit für die Situation im Senegal dürfte in den kommenden Wochen weiter zunehmen. Vom 31. Oktober bis zum 13. November 2026 finden in dem westafrikanischen Land die vierten Olympischen Jugend-Sommerspiele statt. Austragungsorte sind Dakar, Diamniadio und Saly. Rund 2.700 junge Sportlerinnen und Sportler aus aller Welt werden zu dem Großereignis erwartet. Die Wettkämpfe umfassen 25 Sportarten und werden durch weitere sportliche, kulturelle und pädagogische Angebote ergänzt. Die Veranstaltung besitzt eine besondere historische Bedeutung: Erstmals wird ein olympisches Sportereignis auf dem afrikanischen Kontinent ausgetragen. Nach Angaben der olympischen Organisationen sollen die Spiele neben sportlichen Leistungen auch internationale Begegnungen, gegenseitigen Respekt und kulturellen Austausch fördern.
Gerade die internationale Bedeutung der Jugendspiele verleiht der Kritik von Human Rights Watch zusätzliches Gewicht. Die Olympische Charta verpflichtet die olympische Bewegung zur Achtung der Menschenwürde und zum Schutz vor Diskriminierung. Nach Auffassung der Menschenrechtsorganisation wirft die strafrechtliche Verfolgung homosexueller Menschen deshalb grundlegende Fragen zur Vereinbarkeit der senegalesischen Politik mit den olympischen Prinzipien auf. Die Organisation fordert, dass nicht nur internationale Athletinnen und Athleten sowie Gäste vor Diskriminierung und willkürlichen Festnahmen geschützt werden. Dieselben Rechte müssten auch für die Menschen gelten, die dauerhaft im Senegal leben. HRW verlangt von den Behörden unter anderem die Beendigung willkürlicher Festnahmen und die Freilassung entsprechend inhaftierter Personen. Zudem fordert die Organisation eine Überprüfung der verschärften gesetzlichen Bestimmungen.