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Selbstwirksamkeit wächst
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Selbstwirksamkeit wächst Chancen und Risiken für queere Menschen

ms - 01.09.2026 - 10:00 Uhr
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Die Menschen in Deutschland sind heute stärker davon überzeugt, ihr eigenes Leben beeinflussen und wichtige Ereignisse aktiv gestalten zu können als noch vor 20 Jahren. Zu diesem Ergebnis kommt eine Langzeitstudie von Dr. Theresa M. Entringer von der Universität Greifswald sowie Forschern aus Berlin und den USA. Das ist insbesondere für junge und queere Menschen eine wichtige Entwicklung. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Langzeitstudie wertet Daten von mehr als 42.000 Menschen über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren aus.
  • Deutsche berichten heute über höhere Kontrollüberzeugungen als frühere Generationen.
  • Frauen und Menschen mit niedrigerem Einkommen haben beim Gefühl der Selbstbestimmung aufgeholt.
  • Für homosexuelle und queere Menschen können stärkere Kontrollüberzeugungen ein wichtiger Schutzfaktor für psychische Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe sein.
  • Arbeitslosigkeit und Behinderungen führen heute zu stärkeren Einbrüchen im Gefühl der Kontrolle als noch vor zwei Jahrzehnten.

Das eigene Schicksal gestalten

Grundlage sind Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) von mehr als 42.000 Personen im Alter zwischen 16 und 98 Jahren. Die Untersuchung wurde im European Journal of Personality veröffentlicht Im Mittelpunkt der Studie steht die Frage, wie stark Menschen glauben, ihr eigenes Schicksal in der Hand zu haben. Diese sogenannten Kontrollüberzeugungen gelten als wichtiger Faktor für Gesundheit und Wohlbefinden. Menschen, die sich als handlungsfähig erleben, bewältigen Krisen häufig aktiver und bleiben psychisch sowie körperlich stabiler.

Gerade für homosexuelle und queere Menschen können solche Kontrollüberzeugungen eine besondere Bedeutung haben. Forschungen zeigen seit Jahren, dass Diskriminierung, gesellschaftliche Ausgrenzung oder rechtliche Unsicherheiten Belastungen verursachen können. Das Gefühl, das eigene Leben dennoch aktiv gestalten zu können, gilt deshalb als wichtiger Schutzfaktor für die psychische Gesundheit und die gesellschaftliche Teilhabe von LGBTIQ+-Menschen.

Junge Mengen besonders positiv

Die Ergebnisse der aktuellen Untersuchung zeigen einen deutlichen Generationeneffekt. Menschen jüngerer Geburtsjahrgänge berichten höhere Kontrollüberzeugungen als ältere Generationen – also jene junge Generation Z, die sich inzwischen zu 22 Prozent als LGBTIQ+ definiert (Ipsos Studie). Dieses Gefühl von Selbstwirksamkeit bleibt zudem bis ins höhere Alter erhalten. Nach Einschätzung der Forscher spiegeln sich darin der Zugewinn an Ressourcen, Bildung, technologischem Fortschritt und individueller Freiheit wider, den die Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten erlebt hat.

Von diesen Entwicklungen profitieren auch Gruppen, die lange Zeit mit strukturellen Benachteiligungen konfrontiert waren. Dazu zählen neben Frauen und Menschen mit geringerem Einkommen auch viele homosexuelle und queere Menschen, deren gesellschaftliche Sichtbarkeit und rechtliche Gleichstellung in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen haben. Mehr individuelle Freiheit und gesellschaftliche Akzeptanz können dazu beitragen, das Gefühl zu stärken, das eigene Leben selbstbestimmt gestalten zu können. Auch bei sozialen Unterschieden zeigen sich Veränderungen. Die Kluft zwischen Männern und Frauen ist kleiner geworden. Vor allem Frauen berichten heute deutlich häufiger als früher von einem höheren Maß an Kontrolle über ihr eigenes Leben. Ähnliches gilt für Einkommensunterschiede: Menschen mit geringem Einkommen fühlen sich heute weniger stark abgehängt als noch vor einigen Jahrzehnten.

Ost und West und starke Einschnitte 

Anders fällt das Bild beim Vergleich zwischen Ost- und Westdeutschland aus. Die häufig berichteten geringeren Kontrollüberzeugungen von Menschen in Ostdeutschland lassen sich laut dem Forschungsteam durch Einkommensunterschiede erklären. Werden diese statistisch berücksichtigt, berichten Menschen aus Ostdeutschland im Durchschnitt sogar über höhere Kontrollüberzeugungen als Menschen im Westen. Mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung hat sich die Differenz zwischen beiden Landesteilen dennoch weiter vergrößert.

Für queere Menschen kann dieser Befund ebenfalls relevant sein. Das Erleben von Selbstbestimmung hängt häufig nicht nur von individuellen Faktoren, sondern auch von wirtschaftlichen Möglichkeiten und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Unterschiede bei Einkommen, Infrastruktur oder Unterstützungsangeboten können sich daher auch auf das Gefühl auswirken, das eigene Leben frei gestalten zu können. Die Studie zeigt zugleich, dass bestimmte Einschnitte heute schwerwiegendere Folgen haben als früher. Arbeitslosigkeit oder eine Behinderung gehen inzwischen mit stärkeren Einbrüchen im Gefühl der Kontrolle einher als noch vor 20 Jahren. Wer aus dem Erwerbsleben ausscheidet oder durch gesundheitliche Einschränkungen belastet wird, erlebt den Verlust von Einflussmöglichkeiten deutlicher.

Das Vertrauen wächst

Auch dieser Aspekt ist für homosexuelle und queere Menschen von Bedeutung. Menschen, die zusätzlich zu anderen Belastungen Diskriminierungserfahrungen machen oder auf Unterstützungsstrukturen angewiesen sind, können von solchen Lebensereignissen besonders betroffen sein. Umso wichtiger sind gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die Selbstbestimmung und Teilhabe fördern. Die Forscher zeichnen insgesamt ein differenziertes Bild. Das Vertrauen in die eigene Gestaltungskraft wächst in Deutschland. Gleichzeitig profitieren nicht alle Bevölkerungsgruppen im gleichen Maße von dieser Entwicklung. 

Zudem können einschneidende Lebensereignisse das Gefühl der Selbstwirksamkeit heute stärker erschüttern als früher. Die Frage, wer sich als handlungsfähig erlebt und wer nicht, bleibt damit auch eine gesellschaftspolitische Herausforderung. Für homosexuelle und queere Menschen, die in vielen Bereichen weiterhin um gleiche Chancen und Akzeptanz kämpfen, sind die Ergebnisse überdies ein Hinweis darauf, wie wichtig Selbstwirksamkeit für Gesundheit, Lebensqualität und gesellschaftliche Teilhabe sein kann.

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