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Intimität vor der Kamera
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Intimität vor der Kamera Wie Filme und Serien erotische Nähe erzählen

ms - 02.09.2026 - 11:00 Uhr
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Bei Filmszenen mit viel Sexualität wie beispielsweise bei der schwulen Love-Story „Heated Rivalry“ geht es nach Ansicht von Intimitätskoordinator Yehuda Duenyas um weit mehr als nackte Haut. Der Branchenexperte gehört zu den Wegbereitern eines Berufsbildes, das in Hollywood erst seit wenigen Jahren etabliert ist. Er half dabei, Standards für die Arbeit an intimen Szenen zu entwickeln, verhandelte mit SAG-AFTRA über die offizielle Anerkennung des Berufs und gründete mit CINTIMA eine Ausbildungsplattform für neue Fachkräfte. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Intimitätskoordinator Yehuda Duenyas arbeitet seit Jahren daran, Standards für intime Szenen in Film und Fernsehen zu entwickeln.
  • Duenyas sieht seine Aufgabe nicht nur in Sicherheit und Grenzen, sondern auch darin, emotionale Tiefe und glaubwürdige Geschichten zu ermöglichen.
  • Die Rolle von Intimitätskoordinatoren ist in Hollywood inzwischen offiziell anerkannt und gewerkschaftlich abgesichert.

„Intimität ist das, was Menschsein ausmacht“

Duenyas beschäftigt sich seit den 2000er-Jahren mit dem Thema. Damals arbeitete er im Theaterbereich in New York und entwickelte erste Abläufe für schwierige intime Szenen. Er sei überrascht gewesen, dass es für Kampfszenen klare Regeln gegeben habe, bei sexuellen Darstellungen jedoch kaum Schutzmechanismen existierten. „Es gab diese echte Dynamik, die künstlerische Vision des Autors zu erfüllen und gleichzeitig sicherzustellen, dass die Schauspieler dies 50 Mal tun können und dabei geistig gesund bleiben“, so Duenyas.

Aus diesen Erfahrungen entwickelte er Verfahren, die später auch in Filmproduktionen übernommen wurden. Die Bezeichnung „Intimacy Coordinator“ wurde erstmals 2018 bei der Serie „The Deuce“ verwendet. Seitdem habe sich die Branche stark verändert. „Bei jedem Set, an dem ich seitdem bin, höre ich: ‚Wie haben wir das früher ohne dich gemacht?‘“, berichtet Duenyas. Bei intimen Szenen gehe es um viele Bereiche – von Absprachen und Grenzen über rechtliche Fragen bis hin zu praktischen Details wie Bewegungsabläufen oder Schutzmaßnahmen. Gleichzeitig müsse es mehr denn je echt und glaubwürdig wirken, denn: „Intimität ist das, was Menschsein ausmacht.“

Zwischen Schauspieler und Regisseur 

Seine Aufgabe bestehe darin, die Vorstellungen der Regie mit den Grenzen der Schauspielerinnen und Schauspieler zusammenzubringen. „Die Kreativen haben jedes Recht auf ihre kreative Vision, und die Schauspieler haben jedes Recht auf ihre Grenzen darüber, was sie mit ihrem Körper bei der Arbeit tun wollen“, erklärte er. Bei der Vorbereitung beginnt die Arbeit eines Intimitätskoordinators laut Duenyas mit einer genauen Analyse des Drehbuchs. Jede Szene werde geprüft: Was soll gezeigt werden? Welche Grenzen gibt es? Wie kann eine Szene umgesetzt werden, ohne dass Darsteller sich unwohl fühlen?

Dabei gehe es nicht nur um offensichtliche Sexszenen. Auch Küsse, Duschen, medizinische Situationen oder andere Formen körperlicher Nähe könnten eine Begleitung benötigen. „Intimität kann auf viele verschiedene Arten verstanden werden“, so Duenyas. Entscheidend sei, wie körperlicher Kontakt dargestellt werde und wie die Beteiligten dabei geschützt würden. „Es geht darum, dass sie diese Figuren spielen können und sich vollständig auf ihre Leistungen konzentrieren können, ohne sich Sorgen machen zu müssen, dass ihre persönlichen körperlichen Grenzen überschritten werden“, betont der Fachmann.

Sex auf der Leinwand mit mehr Bedeutung

Einige Regisseure seien dabei in letzter Zeit der Meinung, dass jüngere Generationen heute möglicherweise weniger Interesse an Sexdarstellungen im Kino und Fernsehen hätten, man denke nur an den sparsamen Einsatz von gezeigter Sexualität bei der queeren Serie „Heartstopper“. Duenyas sieht die Entwicklung differenzierter. Seiner Einschätzung nach gehe es weniger darum, dass Menschen keine Sexualität mehr sehen wollten. Vielmehr gebe es eine größere Nachfrage nach Geschichten, die hinter körperlicher Nähe auch Gefühle und Bedeutung zeigen. „Was ich sehe, ist eine Sehnsucht nach Bedeutung, nicht eine Sehnsucht nach ‚Ich will keine Sexualität oder Nacktheit sehen‘“, so Duenyas.

Er verwies dabei explizit auf sehr erfolgreiche Produktionen wie „Heated Rivalry“, die seiner Meinung nach zeigen würden, dass das Publikum weiterhin Interesse an intimen Geschichten habe – wenn diese emotional nachvollziehbar erzählt würden. „Wir wollen alle anerkannt, gesehen und auf irgendeine Weise repräsentiert werden“, sagte er. Genau darum gehe es auch bei seiner Arbeit: Geschichten über Nähe sollten sich wahr und menschlich anfühlen. „Wie können diese Szenen für die Menschen, für die Figuren und für die Umgebung wahr wirken? Und wie können wir die Unbequemlichkeit des Menschseins poetisieren? Das ist doch, was Drama ausmacht.“

Neuer Standard für die Filmbranche

Die Arbeit von Intimitätskoordinatoren ist inzwischen deutlich stärker verankert als noch vor einigen Jahren. Die Position ist durch SAG-AFTRA anerkannt und Teil gewerkschaftlicher Strukturen geworden. Duenyas engagiert sich zudem in der Ausbildung neuer Fachkräfte. Wichtig sei vor allem ein umfassendes Verständnis für unterschiedliche Formen menschlicher Sexualität und Lebensrealitäten. „Zu wissen, was man nicht weiß, ist meiner Meinung nach sehr wichtig“, sagte er. Entscheidend sei, die richtigen Fragen stellen zu können und die Grenzen der eigenen Erfahrung zu erkennen. Nicht jeder Intimitätskoordinator passe zu jeder Produktion, so Duenyas. Manche Projekte erforderten spezielle Kenntnisse, etwa im Umgang mit bestimmten sexuellen Identitäten oder Erfahrungen.

Für ihn bleibt die Darstellung von Intimität ein zentraler Bestandteil menschlicher Geschichten. Schon seit den Anfängen des Films hätten Nähe, Beziehungen und Körperlichkeit eine Rolle gespielt. „Intimität ist auf Bildschirmen zu sehen, seitdem es bewegte Bilder auf Bildschirmen gibt“, erklärt Duenyas. Sein Ziel sei es, dazu beizutragen, dass Filme mutiger und zugleich verantwortungsvoller mit diesen Themen umgehen. Die Gesellschaft befinde sich an einem wichtigen Punkt, an dem Geschichten helfen könnten, Menschen wieder stärker miteinander zu verbinden. „Unsere Arbeit in diesem Bereich besteht darin, diese Geschichte der Menschlichkeit zu erzählen und hoffentlich eine tiefere Verbindung zwischen Menschen zu schaffen.“

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