Flucht in die Freiheit Hoffnung auf ein neues Leben
Für viele homosexuelle Menschen aus Afrika ist Kap Verde zu einem Hoffnungsort geworden. Das kleine Inselland vor der Westküste Afrikas gilt laut einer aktuellen Umfrage des Instituts Afrobarometer als das LGBTIQ+-freundlichste Land des Kontinents. Immer mehr Menschen fliehen deshalb dorthin vor Verfolgung in ihren Heimatländern. Doch die Sicherheit endet oft an den Grenzen des Aufenthaltsrechts: Ein funktionierendes Asylsystem existiert bislang nicht.
Das Wichtigste im Überblick
- Kap Verde gilt als das LGBTIQ+-freundlichste Land Afrikas und wird zunehmend zum Zufluchtsort für verfolgte homosexuelle Menschen.
- Vor allem aus dem Senegal fliehen viele nach der Verschärfung der Gesetze gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen.
- Trotz größerer gesellschaftlicher Akzeptanz gibt es auf Kap Verde praktisch kein funktionierendes Asylsystem.
- Viele Flüchtlinge leben ohne Aufenthaltserlaubnis, arbeiten unter prekären Bedingungen und hoffen auf eine Weiterreise nach Europa oder Nordamerika.
- Die Regierung erkennt das Problem an und kündigt Reformen an, konkrete Lösungen stehen jedoch noch aus.
Flucht aus dem Senegal
Zu den Flüchtlingen gehören Babacar, Abdou, Souleymane und Malick. Sie flohen aus Senegal nach Praia, der Hauptstadt Kap Verdes. In ihrem Heimatland verschärfte eine im März verabschiedete Gesetzesänderung die Strafen für gleichgeschlechtliche Beziehungen erheblich. „Wider die Natur“ gerichtete Handlungen werden nun mit fünf bis zehn Jahren Gefängnis bestraft. „Ich habe das Richtige getan“, sagt der 27-jährige Souleymane, der kurz nach Inkrafttreten des Gesetzes das Land verließ, gegenüber der französischen Zeitung Le Monde.
Nach der Gesetzesverschärfung nahmen Festnahmen zu. In der homosexuellen Gemeinschaft Senegals machte sich Angst breit. Viele befürchteten, als Nächste von der Polizei verhört oder festgenommen zu werden. Zahlreiche Menschen flohen deshalb nach Gambia, Mauretanien, Marokko oder Kap Verde – Staaten, für die Senegalesen kein Visum benötigen. Souleymane hatte sogar Angst vor seiner eigenen Familie. Nachdem sein jüngerer Bruder ihn Hand in Hand mit einem anderen Mann gesehen hatte, schöpften seine Eltern Verdacht. „Seitdem habe ich die Liebe meiner Familie verloren“, sagt er.
Auch auf Kap Verde lebt Souleymane vorsichtig. Er teilt sich eine Wohnung mit fünf Landsleuten, die nichts von seiner sexuellen Orientierung wissen. „Man weiß nie. Ich möchte nicht, dass mein Foto in den sozialen Medien auftaucht.“ Deshalb gehe er kaum aus und verzichte vorerst auf Beziehungen. „Ich halte mich zurück, das liegt einfach in meiner Natur. Ich habe Glück – ich falle nicht auf. Ich spreche und gehe wie ein Mann.“ Auf Baustellen verdient er den gesetzlichen Mindestlohn von 15.000 Escudos (rund 136 Euro) im Monat.
Zufluchtsort und Rettungsinsel
Kap Verde ist für viele homosexuelle Menschen aus Senegal, Nigeria, Guinea oder der Elfenbeinküste ein Hoffnungsschimmer. Laut Afrobarometer ist das Land das toleranteste Afrikas gegenüber LGBTIQ+-Menschen. „Das unterscheidet unser Land. Wir sind sehr frei und offen“, sagt Familien- und Inklusionsministerin Adélsia Almeida. Sie verweist auf den Pride-Marsch in Praia, der seit 2016 regelmäßig stattfindet. Anfang Juli zogen rund 50 Menschen mit Regenbogenflaggen durch die Hauptstadt. „Wenn jemand Homosexuelle angreift, kann er ins Gefängnis kommen. Diskriminierung am Arbeitsplatz ist verboten“, sagt Almeida.
Doch gesellschaftliche Offenheit bedeutet nicht automatisch rechtliche Sicherheit. Der 39-jährige Abdou floh bereits im Oktober 2024 nach Kap Verde. „Ich kam hierher, um endlich wieder atmen zu können. Hier hassen uns die Menschen nicht.“ In seiner Heimat engagierte er sich für die Rechte homosexueller Menschen und HIV-Positiver. Dafür erhielt er Morddrohungen. „Ich bin HIV-positiv. Ich habe das nie verheimlicht.“ Seit seiner Ankunft bemüht er sich um eine Aufenthaltserlaubnis – bislang vergeblich. „Ich bin ohne Papiere. Ich dachte, ich könnte hier Asyl beantragen. Aber das ist in Kap Verde unmöglich.“ Zwar existiert seit 1999 ein Asylgesetz, doch nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) fehlen bis heute die notwendigen Behörden und Verfahren, um Asylanträge überhaupt bearbeiten zu können. „Ich habe mich an die Internationale Organisation für Migration gewandt, aber nie eine Antwort erhalten. Es ist, als wäre ich ein Gefangener im Paradies“, sagt Abdou. „Kap Verde ist gleichzeitig Zuflucht und Sackgasse.“
Auch die anderen von Le Monde befragten Flüchtlinge besitzen keine Aufenthaltserlaubnis. Selbst wer arbeitet, erhält häufig keinen Arbeitsvertrag und kann seinen Aufenthalt deshalb nicht legalisieren. Der Staat finanziere Unterkünfte, Lebensmittel und medizinische Versorgung, könne diese Hilfe jedoch nicht dauerhaft leisten. Premierminister Francisco Carvalho kündigte an, seine Regierung werde sich mit dem Thema Asyl befassen. Auch Staatspräsident José Maria Pereira Neves versichert: „Sie sind hier frei. Wir müssen diese Aufnahmeprobleme lösen. Wir sind ein Land der Offenheit.“