„Benedictwink“ geht viral Zwischen Charme und Kontroverse
Ein Jugendfoto des späteren Papstes Benedikt XVI. sorgt derzeit in sozialen Netzwerken für ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit. Auf X wird der junge Joseph Alois Ratzinger von schwulen Nutzern zwischen „Herzensbrecher aus dem Vatikan“ und „bösem Twink“ oder gleich ein „teuflischer sexy Twink“ verortet. Das Bild aus den 1950er Jahren ging dementsprechend viral.
Das Wichtigste im Überblick
- Ein Foto des jungen Joseph Ratzinger, des späteren Papstes Benedikt XVI., sorgt auf X für virale Reaktionen.
- In der schwulen Community wird der junge Ratzinger scherzhaft als „böser Twink“ oder „Herzensbrecher aus dem Vatikan“ bezeichnet.
- Gleichzeitig erinnert der Blick auf seine Biografie an seine konservative Haltung gegenüber Homosexualität.
- Ratzinger unterstützte später offenbar nach Angaben des früheren Papstes Franziskus dessen Einsatz für LGBTIQ+-freundliche Partnerschaften.
Ein „teuflischer“ Twink
„Stellt euch vor, ihr verschwendet euer Leben damit, euch der Religion zu widmen, und seht dabei so aus“, schrieb ein Nutzer. Ein anderer kommentierte: „Bei diesem Gesicht auf Sex verzichten? Was für eine Einstellung – heiliger Strohsack.“ Und ein weiterer kommentierte: „Ich erkenne einen bösen Twink, wenn ich einen sehe“. Ein anderer schrieb: „Ich erkenne einen Dämon, wenn ich einen sehe.“ Noch einer sprach von einem „Evil Twink“ und meinte das offensichtlich aber als erotisches Kompliment. Ein weiterer stellte klar, der junge Mann sei der „Herzensbrecher aus dem Vatikan“ gewesen. Für einen weiteren war die Sache mit einem Wort erledigt: „Benedictwink“. Das Wort macht inzwischen viral die Runde, das Bild selbst wird vielfach geteilt, über 3,5 Millionen Menschen haben es allein auf X bisher angesehen. Andere Nutzer bezweifelten dagegen, dass das Foto echt sei, und vermuteten eine künstlich erzeugte Aufnahme. Die schwarz-weiße Version des Bildes kursiert allerdings bereits seit Jahren im Internet, das Bild selbst wurde später offenbar nachkoloriert.
Viraler Scherz mit ernstem Hintergrund
Nach Recherchen soll das Bild aus dem Jahr 1951 stammen und den damals 24 -jährigen Joseph Ratzinger als frisch geweihten Priester direkt nach der Priesterweihe im Freisinger Dom zeigen. Er trägt ein helles Primiz-Gewand, blickt mit dunklen, intensiven Augen direkt in die Kamera, hat dichtes, dunkles Haar und hält die Hände gefaltet. Der heutige Internet-Hype steht in einem deutlichen Kontrast zur historischen Rolle Ratzingers. Der 1927 geborene Deutsche war zunächst als Theologe und später als Präfekt der Glaubenskongregation einer der einflussreichsten Männer der katholischen Kirche. Von 2005 bis zu seinem Rücktritt 2013 stand er als Benedikt XVI. an der Spitze der Kirche. Er starb Ende 2022 im Alter von 95 Jahren.
Ratzinger vertrat insbesondere beim Thema Homosexualität ausgesprochen konservative Positionen. 1986 bezeichnete er die homosexuelle Orientierung als „eine objektive Störung“. 2005 war er zudem an der Umsetzung eines Verbots beteiligt, das homosexuellen Männern den Zugang zum Priesterseminar erschwerte beziehungsweise verweigerte. Seine Haltung gegenüber LGBTIQ+-Menschen gilt als wesentlicher Teil seines umstrittenen Vermächtnisses.
Auch seine Jugend wird in dem Zusammenhang thematisiert. Ratzinger war als Jugendlicher Mitglied der Hitlerjugend. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er zum Militärdienst eingezogen und desertierte gegen Ende des Krieges. Die scherzhafte Bezeichnung „Dämonen-Twink“ bekommt dadurch eine zweite, deutlich weniger harmlose Bedeutung. Die Internet-Reaktionen bleiben dennoch vor allem vom Kontrast zwischen dem jugendlichen Aussehen Ratzingers und seiner späteren öffentlichen Rolle geprägt.
Später Unterstützung für Franziskus
Die Geschichte ist allerdings nicht ausschließlich von Konfrontation geprägt. Nach dem Rücktritt Benedikts XVI. wurde 2013 Jorge Mario Bergoglio als Franziskus zum Papst gewählt. Franziskus galt als deutlich offener gegenüber LGBTIQ+-Menschen, ohne die traditionelle Lehre der katholischen Kirche grundsätzlich aufzugeben. In einem Buch, das ein Jahr vor seinem Tod erschien, berichtete Franziskus, Ratzinger habe ihn bei seinem Einsatz für LGBTIQ+-freundliche zivile Partnerschaften sogar unterstützt.
„Sie kamen zu Ratzinger, um mich praktisch vor Gericht zu stellen, und beschuldigten mich vor ihm, die gleichgeschlechtliche Ehe zu unterstützen“, schrieb Bergoglio. Ratzinger habe dies zurückgewiesen und seinen Kritikern gesagt, die Unterstützung von LGBTIQ+-Rechten sei „keine Häresie“. Damit ergibt sich ein bemerkenswert widersprüchliches Bild: Der Mann, der zuvor zu den wichtigsten konservativen Stimmen der katholischen Kirche in Fragen der Sexualität gehörte, unterstützte später zumindest in einem konkreten politischen Konflikt seinen Nachfolger. Die Beziehung zwischen Franziskus und Benedikt wurde auch in dem Film „Die zwei Päpste“ von 2019 verarbeitet.