Der schwule Gentleman-Dieb Raffles’ geheime Geschichten in Anlehnung an Oscar Wilde
Viele Bücher und Filme ranken sich um den Meisterdetektiv Sherlock Homes und immer wieder findet sich auch eine Prise Homoerotik in der Interpretation der besonderen Freundschaft von Holmes zu seinem engen Freund Watson zu finden. Doch bereits im edwardianischen Zeitalter gab es eine Kriminalfigur, bei der die schwule Ebene deutlich stärker im Mittelpunkt stand: A. J.Raffles, der Gentleman-Dieb.
Das Wichtigste im Überblick
- Die Figur Raffles, der Gentleman-Dieb, entstand Ende des 19. Jahrhunderts als Gegenstück zu Sherlock Holmes.
- Autor E.W. Hornung orientierte sich an Arthur Conan Doyles Holmes-Geschichten, stellte das Prinzip aber auf den Kopf.
- Die Beziehung zwischen Raffles und seinem Freund Bunny wird seit Jahrzehnten als schwulcodiert interpretiert.
- Raffles’ Figur wurde unter anderem vom schwulen Aktivisten George Cecil Ives und von Oscar Wilde beeinflusst.
- Historiker sehen in der Reihe ein frühes Beispiel für schwule Subtexte in der Popkultur.
Ein anderer Kriminal-Held
Wie Holmes wurde Raffles um die Jahrhundertwende zu einer beliebten Figur in fortlaufend veröffentlichten Kriminalgeschichten. Anders als der berühmte Detektiv steht Raffles jedoch nicht auf der Seite von Gesetz und Ordnung. Gemeinsam mit seinem loyalen Freund Bunny täuscht er Scotland Yard, knackt Tresore, nutzt Verkleidungen – und entkommt seinen Gegnern immer wieder. Der besondere Hintergrund der Figur: Raffles wurde von einem realen homosexuellen Mann inspiriert, der sich im viktorianischen Großbritannien für die Entkriminalisierung homosexueller Beziehungen einsetzte. Die Figur wurde stark von Oscar Wilde beeinflusst, den Hornung persönlich kannte. Der Schriftsteller gab sogar seinem Sohn den zweiten Vornamen „Oscar“.
Gegenentwurf zu Sherlock Holmes
Raffles-Schöpfer E.W. Hornung machte auch gar keinen Hehl daraus, dass er die Geschichten seines Freundes Arthur Conan Doyle über Sherlock Holmes aufgriff und bewusst „umkehrte“. Doch Raffles war mehr als eine Kopie des berühmten Detektivs. Hornung selbst war möglicherweise nicht schwul, doch schwule Themen ziehen sich durch die gesamte Raffles-Reihe. Das elegante, attraktive Auftreten des Gentleman-Diebes orientierte sich laut dem Experten und Historiker Arvind Ethan David an George Cecil Ives, einem schwulen Cricketspieler, der gemeinsam mit dem Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld homosexuelles Leben und Sexualität erforschte. Ives setzte sich früh für die Entkriminalisierung homosexueller Beziehungen ein – in einer Zeit, in der Männer wegen ihrer Sexualität ins Gefängnis kommen konnten. Er kannte auch Oscar Wilde und dessen Partner Lord Alfred Douglas. Nach Wildes Tod hatten Ives und Douglas sogar eine kurze Beziehung.
Verbindungen zu Oscar Wilde
Hornung bezog sich nicht nur auf Ives, sondern offenbar auch auf die komplizierte Beziehung zwischen Oscar Wilde und Lord Alfred Douglas, genannt Bosie. Biografen und Freunde Wildes beschrieben Bosie als eine schwierige Persönlichkeit. Die beiden Männer waren tief verbunden, doch Bosie soll den älteren Wilde häufig schlecht behandelt haben. Nachdem Bosies Vater Wilde öffentlich beschuldigt hatte, seinen Sohn verführt zu haben, zog Wilde auf Bosies Drängen vor Gericht – und verlor. Die Haftstrafe zerstörte Wildes Gesundheit. Er starb wenige Jahre später mittellos und verlassen in Paris.
Die Beziehung zwischen Raffles und Bunny ist glücklicherweise weniger tragisch, weist aber ähnliche Muster auf: Ein Mann zieht den anderen in riskante Situationen hinein – aus Loyalität und Hingabe. Raffles und Bunny kennen sich aus ihrer Schulzeit. Raffles habe Bunny damals vor einer „Schande“ bewahrt. Die Anspielung gilt als besonderer Hinweis, denn an britischen Internaten waren sexuelle Beziehungen zwischen Jungen historisch verbreitet, auch wenn diese nicht immer als homosexuelle Identität verstanden wurden.
Mehr als nur Mitbewohner
Die Hinweise auf eine besondere Beziehung zwischen Raffles und Bunny wurden bereits im 20. Jahrhundert diskutiert. Kritiker verwiesen spätestens seit den 1970er Jahren darauf, dass die beiden Figuren kaum nur als Freunde verstanden werden könnten. Arvind Ethan David schreibt: „Wenn man sie genau liest, wird offensichtlich, dass Raffles und Bunny homosexuell codiert sind, dass Raffles’ Verführung von Bunny nicht nur den Bereich des Eigentums betrifft und dass seine Kontrolle über ihn am besten als sexuell, ja sogar als sadomasochistisch verstanden werden kann.“ David verweist außerdem darauf, dass der britische Schriftsteller Graham Greene in einem Theaterstück aus dem Jahr 1974 die schwule Dimension der Figuren offen thematisierte.
Ein vergessenes Erbe
Während Sherlock-Holmes-Geschichten bis heute weltweit populär sind, sind die Raffles-Erzählungen nur noch in Großbritannien regulär erhältlich. Gebrauchte Ausgaben lassen sich zwar finden, doch die Texte haben nach Einschätzung von Kennern nicht dieselbe zeitlose Wirkung wie die Holmes-Krimis. Kriminalgeschichten haben seit jeher eine besondere Faszination, wenn der Verbrecher nicht bestraft wird. Bei Raffles lag der Reiz für viele Leser darin, dass die üblichen Regeln von Recht und Ordnung auf den Kopf gestellt wurden. Aus heutiger Sicht zeigt die Figur laut David auch, worauf Hornung tatsächlich anspielte: Seine „Outlaws“ waren Menschen, die nicht wegen ihrer Taten ausgegrenzt wurden, sondern wegen dessen, wen sie liebten und wie sie lebten. Die eigentliche Frage hinter Raffles’ Geschichte sei damit nicht nur die nach einem Meisterdieb – sondern danach, wer in einer Gesellschaft überhaupt als Außenseiter gilt.