War Chopin schwul? Verborgene Briefe und Liebe jenseits der Norm
Frédéric Chopin (1810-1849) gilt als einer der bedeutendsten Komponisten der Romantik. Sein musikalisches Werk ist weltweit bekannt – sein persönliches Leben wurde dagegen lange durch traditionelle Erzählungen geprägt. Eine neue Untersuchung des Kulturjournalisten Moritz Weber rückt nun einen anderen Aspekt in den Mittelpunkt: Chopins enge Beziehungen zu Männern.
Das Wichtigste im Überblick
- Kulturjournalist Moritz Weber untersucht in seinem Buch „Chopins Männer“ die Beziehungen des Komponisten zu männlichen Weggefährten.
- Besonders im Mittelpunkt steht Tytus Woyciechowski, Chopins Jugendfreund und vermutlich wichtigste emotionale Bezugsperson.
- Überlieferte Briefe zeigen intensive Zuneigung, erotische Fantasien und Liebeserklärungen zwischen Chopin und Männern.
- Weber kritisiert, dass die Musikgeschichtsschreibung Chopins Beziehungen zu Frauen lange überhöht und andere Hinweise verdrängt habe.
- Die Untersuchung beleuchtet auch die schwierigen Lebensbedingungen homosexueller Menschen im 19. Jahrhundert.
Neue Perspektiven
Grundlage für „Chopins Männer“ sind zahlreiche Briefe des Komponisten sowie Archivmaterial aus polnischen und französischen Sammlungen. Weber beschäftigt sich darin mit 13 Männern, die in Chopins Leben eine besondere Rolle spielten. Einen besonders großen Raum nimmt Tytus Woyciechowski ein. Der polnische Gutsherr, politische Aktivist und Musikliebhaber war Chopins Jugendfreund und blieb über viele Jahre eine zentrale Bezugsperson. Chopin widmete ihm Kompositionen, lebte zeitweise mit ihm zusammen und schrieb ihm sehr persönliche Briefe.
„Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde“, schrieb Chopin im Oktober 1829 an Woyciechowski. „Wenn Du kannst, schreib mir ein paar Zeilen, dann wirst Du mich wieder für ein paar Wochen glücklich machen … denn ich liebe Dich wahnsinnig.“ In einem weiteren Brief schrieb er: „Ich durchdringe deinen Geist, und … umarmen wir uns. Gib‘ noch einen Kuss … Verzeih‘, dass ich so ein Schwein bin, unter uns gesagt.“
Schweigen über die Briefe
Solche Passagen aus Chopins Korrespondenz sind der Forschung seit Langem bekannt. Dennoch wurden sie häufig anders interpretiert oder nicht ausführlich diskutiert. Der erste deutsche Chopin-Biograf Friedrich Nieck schrieb bereits 1888 über einige Briefe: „Würden wir den Schreiber und die adressierte Person nicht kennen, so könnte man meinen, dass die beiden folgenden Stellen von einem Liebhaber an seine Geliebte geschrieben worden sind oder vice versa.“ Weber argumentiert, dass gesellschaftliche Vorstellungen des 19. Jahrhunderts die Wahrnehmung Chopins bis heute beeinflusst hätten. Romantische Liebe sei damals fast ausschließlich zwischen Männern und Frauen gedacht worden.
Entsprechend seien Geschichten über Chopins angebliche Beziehungen zu Frauen überliefert und verbreitet worden. Dazu zählen etwa Erzählungen über eine mögliche Verbindung zur 17-jährigen Maria Wodzińska oder über eine Affäre mit der Sängerin Henriette Sonntag. Nach Weber gebe es dafür jedoch keine eindeutigen Belege. Auch Chopins Beziehung zur Schriftstellerin George Sand sei häufig romantisch interpretiert worden, obwohl sie möglicherweise eher eine andere emotionale Funktion gehabt habe. „An keine einzige Frau je einen Liebesbrief geschrieben“ – so beschreibt Weber die überlieferte Quellenlage. Liebesbriefe Chopins an Frauen seien jedenfalls nicht erhalten.
Streit um die Interpretation
Die Bewertung der Briefe bleibt allerdings umstritten. Weber berichtet, dass manche Vertreter der etablierten Chopin-Forschung die Beziehung zu Woyciechowski inzwischen anerkennen würden, während andere die homoerotische Deutung zurückweisen. Ein Kapitel einer Veröffentlichung des renommierten Narodowy Instytut Fryderyka Chopina aus dem Jahr 2024 bezeichnete die These vom „homoerotischem Charakter“ der Korrespondenz zwischen Chopin und Woyciechowski als „unhaltbar“ und als Versuch, „eine bestimmte Wirkung zu erzielen und den Leser zu schockieren“. Auch Übersetzungen einzelner Briefe im Chopin-Museum in Warschau stehen in der Kritik, weil dort teilweise weibliche Formen für die angesprochenen Personen verwendet wurden.
Geheimhaltung und Freiheit
Die Briefe erzählen laut Weber nicht nur von persönlichen Gefühlen, sondern auch von den Bedingungen homosexueller Menschen im 19. Jahrhundert. Als 1830 der Novemberaufstand in Polen begann, befand sich Chopin mit Woyciechowski in Wien. Während Chopin später nach Paris ging, kehrte Woyciechowski nach Polen zurück und beteiligte sich am Kampf. Paris wurde für Chopin zur neuen Heimat. Die größere gesellschaftliche Freiheit der Stadt beeindruckte ihn. An Woyciechowski schrieb er: „Paris ist alles, was Du willst.“
Gleichzeitig lebten Chopin und seine Zeitgenossen in einer Epoche, in der homosexuelle Beziehungen strafrechtlich verfolgt wurden. In England konnten homosexuelle Handlungen bis ins 19. Jahrhundert schwer bestraft werden, im unter russischer Herrschaft stehenden Polen waren sie ebenfalls kriminalisiert. Für viele Betroffene bedeutete dies Vorsicht, Verheimlichung und Selbstzensur. Chopin schrieb an Woyciechowski: „Was meine Gefühle anbelangt, bin ich immer in Synkopen mit den anderen. Deshalb quäle ich mich.“
Neues Kapitel der Musikgeschichte?
Die Aufarbeitung schwuler Lebensgeschichten berühmter Künstler wird von vielen Historikern seit Jahren gefordert. Im Fall Chopins sieht Weber seine Arbeit deshalb weniger als Entdeckung völlig unbekannter Quellen, sondern als neue Bewertung bereits vorhandenen Materials. Dass erst jetzt eine ausführliche Monografie zu diesem Thema erscheint, bezeichnet der Autor gegenüber dem Zeit-Magazin als bemerkenswert. Seine Untersuchung stellt damit nicht nur Fragen über Chopins Privatleben, sondern auch darüber, wie Musikgeschichte geschrieben und interpretiert wird.