Eskalation bei Markus Lanz Homosexualität ist nicht "gottgefällig"
Eine intensive Diskussion über das Verhältnis von Religion, gesellschaftlichen Werten und sexueller Vielfalt hat am Dienstagabend die ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ geprägt. Im Zentrum der Debatte stand die Frankfurter Journalistin, Publizistin und Bloggerin Khola Maryam Hübsch, die sich den kritischen Nachfragen des Moderators stellte. Ausgangspunkt war eine grundsätzliche Frage zum islamischen Religionsverständnis. Markus Lanz wollte von seiner Gesprächspartnerin wissen: „Verträgt sich Homosexualität mit ihrem Religionsverständnis?“
Das Wichtigste im Überblick
- In der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ stand die Publizistin Khola Maryam Hübsch im Mittelpunkt einer kontroversen Debatte.
- Thema war unter anderem die Haltung des Islams zur Homosexualität.
- Hübsch erklärte, aus muslimischer Sicht sei das Praktizieren von Homosexualität „nicht gottgefällig“.
- In der Sendung stand die Diskussion über Islamismus und mögliche Radikalisierung ebenso im Fokus.
- Expertin Güner Balci schilderte problematische Entwicklungen in Teilen muslimisch geprägter Milieus.
- Auch die Ahmadiyya-Gemeinschaft, der Hübsch angehört, geriet dabei in den Fokus.
Homosexualität ist nicht „gottgefällig“
Hübsch reagierte zunächst mit einem Verweis auf andere Glaubensgemeinschaften. „Das könnten Sie einen Menschen jüdischen Glaubens oder einen Katholiken genau so fragen“, sagte die 45-Jährige. Lanz blieb jedoch bei seiner Nachfrage und entgegnete: „Ich frage Sie.“ Daraufhin bezog die Publizistin eindeutig Stellung. „Ganz klar, es ist aus religiöser Sicht als Muslim nicht gottgefällig, Homosexualität zu praktizieren. Aber das ist bei jüdischen Menschen und bei katholischen Menschen nicht anders. Deswegen ist man noch kein Verfassungsfeind“, erklärte Hübsch.
Die Aussage führte zu einer zugespitzten Diskussion über die Grenzen zwischen religiösen Überzeugungen und gesellschaftlicher Akzeptanz. Im weiteren Verlauf bemühte sich Hübsch darum, ihre Position genauer einzuordnen und deutlich zu machen, dass ihre religiöse Bewertung nicht mit einer Ablehnung homosexueller Menschen gleichzusetzen sei. „Ich bin absolut gegen jede Diskriminierung von homosexuellen Menschen. Ich würde mein Leben für sie geben. Sie können unsere Moscheen besuchen. Ich würde alles dafür tun, dass sie nicht verfolgt werden, belästigt werden, diskriminiert werden“, sagte sie.
Kopftuch und Islamismus
Hübsch betonte zudem eine zunehmende Distanz zwischen Teilen der muslimischen Bevölkerung und der Mehrheitsgesellschaft. Zugleich ordnete sie den radikalen Islam als begrenztes Phänomen ein. Sie sagte, dieser sei „nur ein Randphänomen, genau wie Zwangsverheiratungen und Paralleljustiz“. Zudem äußerte sie sich zum Kopftuch bei Kindern mit den Worten: „Wir tragen es aus Liebe zu Gott.“ Ein Verbot halte sie für wirkungslos, da man mit solchen Maßnahmen die Ursachen nicht beseitige: „wenn Sie das Betteln verbieten, schaffen Sie die Armut nicht ab.“ Markus Lanz griff im Verlauf der Sendung auch ein persönliches Beispiel auf und schilderte ein Gespräch mit einem streng gläubigen Muslim, der seine verschleierte Frau deutlich hinter sich gehen ließ. Auf die Frage des Moderators, warum man nicht in ein Land wie Saudi-Arabien ziehe, habe dieser laut Lanz geantwortet: „Da war ich schon, da haben sie uns rausgeschmissen.“
Debatte über Radikalisierung
Die Integrationsbeauftragte des Berliner Bezirks Neukölln, Güner Balci, äußerte sich besorgt über Entwicklungen in bestimmten Milieus. Besonders kritisch beschrieb sie junge Männer mit aus ihrer Sicht überholten Rollenbildern. Sie sagte: „Da ist das Patriarchat eingewandert. In den Schulen werden kleine Mädchen vor der Reise in die Heimat vor Zwangsverheiratung gewarnt.“ Auch der Journalist und Korrespondent Sascha Adamek äußerte sich mit einer deutlichen Einschätzung zur Sicherheitslage. Er sagte: „Eine Million Muslime sind anfällig für Radikalisierung“. Zudem sprach er von einer „Unterwanderung durch den Islam“ und ergänzte: „Das Verrückte ist: Den Kampf gegen unsere eigene Freiheit finanzieren wir selbst!“
Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Lamya Kaddor bestätigte zwar grundsätzlich, dass es in Deutschland ein Problem mit Islamismus gebe. Sie betonte jedoch eine differenzierte Betrachtung der Situation. Auf Konfrontationen von Moderator Lanz, der unter anderem auf Themen wie „Kinderehen, Ehrenmorde, Blutgeldzahlungen“ sowie persönliche Erfahrungen mit radikalisierten Jugendlichen hinwies, reagierte Kaddor zurückhaltend. Auch eine vom Moderator gezeigte Fotografie, die eine Umarmung einer grünen Spitzenpolitikerin mit einem bekannten Vertreter der Muslimbruderschaft zeigte, bezeichnete sie lediglich als „irritierend“. Dass der Berliner Verfassungsschutz vor islamistischen Strukturen warne, habe sie „sehr überrascht“. Gleichzeitig stellte sie klar: „Ich bin nicht die Islampolizei!“
Umstrittene islamische Gemeinschaft
Khola Maryam Hübsch tritt seit vielen Jahren regelmäßig in deutschen Fernseh- und Diskussionsformaten auf. Das ARD-Morgenmagazin bezeichnete sie einst als „öffentliche Gesicht der muslimischen Frauen in Deutschland“. Darüber hinaus veröffentlicht sie Beiträge in Medien wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Die Zeit sowie in wissenschaftlichen Publikationen. Die Publizistin gehört der umstrittenen Ahmadiyya-Gemeinschaft an. Die islamische Reformbewegung zählt nach eigenen Angaben mehr als 50.000 Mitglieder in Deutschland und gilt als vergleichsweise liberal. Allerdings akzeptiert die Gemeinschaft homosexuelle Menschen nur dann als vollwertige Mitglieder, wenn sie keine gleichgeschlechtliche Beziehung führen und auf sexuelle Kontakte verzichten.
In der Vergangenheit geriet die Ahmadiyya-Gemeinschaft wiederholt wegen umstrittener Aussagen in die Kritik. So wurde auf ihrer deutschen Internetseite einst die Behauptung verbreitet, der Verzehr von Schweinefleisch könne homosexuell machen. Für weitere Kontroversen sorgte 2017 der Ahmadiyya-Imam Malik Usman Naveed bei einem Pressegespräch nahe München. Damals bezeichnete er Homosexuelle pauschal als „krank“ und sprach sich für eine „Heilung“ von Schwulen und Lesben aus.
Kritiker, darunter Religionswissenschaftler und Soziologen wie Necla Kelek, bemängeln, dass die Gemeinde – trotz ihres nach außen friedlichen Images – im Glaubenskern sehr orthodox ist. Sie praktiziert eine strenge Geschlechtertrennung und patriarchalische Strukturen. Es wird außerdem kritisiert, dass sich die Gemeinde stark von der restlichen Gesellschaft abschottet. Die strenge soziale Kontrolle und der absolute Gehorsam gegenüber dem Kalifen erschweren es Mitgliedern, ein eigenständiges Leben außerhalb der Glaubensgemeinschaft zu führen. Die Ahmadiyya verfolgt zudem eine sehr offensive Missionsarbeit, was von säkularen Kritikern als missionarischer Eifer bewertet wird.