LGBTIQ+ und Autismus Queere Menschen sind überdurchschnittlich betroffen
Der April gilt weltweit als Monat der Akzeptanz von Autismus und soll dabei einerseits verstärkt über die angeborene, nicht heilbare, neurologische Entwicklungsstörung informieren, aber viel mehr noch die Akzeptanz und gesellschaftliche Teilhabe von autistischen Menschen fördern. Das trifft insbesondere auch auf die queere Community zu, denn viele LGBTIQ+-Menschen mit Autismus erleben auch hier Abgrenzung und Unverständnis – und damit versteckte und offene Diskriminierung.
Die gute Nachricht: In vielen Diskussionen wird das Thema inzwischen auch intersektional betrachtet – also im Zusammenhang mit anderen Identitäten und Diskriminierungsformen, gerade in Bezug auf queere Menschen. Insbesondere autistische Menschen, die zugleich Teil der LGBTIQ+-Community sind, berichten häufig von mehrfacher Ausgrenzung. Doch was genau ist Autismus? Wie entsteht er, wie leben Menschen mit Autismus, und welche besonderen Herausforderungen entstehen, wenn Autismus und queere Identitäten zusammenkommen?
Was ist Autismus?
Autismus – genauer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) – ist eine neurologische Entwicklungsbesonderheit. Der Begriff „Spektrum“ verdeutlicht, dass Autismus sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Manche Menschen benötigen lebenslang intensive Unterstützung, andere führen weitgehend selbstständige Leben. Typische Merkmale betreffen vor allem drei Bereiche: die soziale Interaktion und Kommunikation, eingeschränkte oder repetitive Interessen und Verhaltensweisen sowie besondere Wahrnehmung oder Sensibilität gegenüber Reizen. So berichten viele autistische Menschen von einem starken Bedürfnis nach Routinen und Struktur. Veränderungen können Stress auslösen, während wiederkehrende Abläufe Sicherheit geben. Gleichzeitig können Geräusche, Licht oder soziale Situationen intensiver wahrgenommen werden als bei nicht-autistischen Menschen.
Autismus gilt heute nicht mehr ausschließlich als Krankheit, sondern wird zunehmend auch im Konzept der Neurodiversität betrachtet: Menschen denken, fühlen und kommunizieren unterschiedlich – und Autismus ist eine dieser Varianten neurologischer Entwicklung. Einmal mehr ist also Verständnis und Akzeptanz gefragt – Themen, die in der queeren Community überdies von großer Bedeutung sind. Schätzungen zufolge haben etwa ein Prozent der Weltbevölkerung eine Autismus-Spektrum-Störung, seriöse Angaben spreche von etwa 800.000 Menschen in Deutschland, darunter rein statistisch auch mindestens rund 100.000 Homosexuelle und queere Personen, eher mehr sogar.
Anstieg der Fallzahlen
Die Zahl der Diagnosen ist in den letzten Jahrzehnten gestiegen. Studien führen dies auf mehrere Faktoren zurück, darunter bessere diagnostische Verfahren, ein gestiegenes gesellschaftliches Bewusstsein sowie auch eine breitere Definition des Autismus-Spektrums. So haben sich beispielsweise Diagnoseraten in Deutschland laut Krankenkassendaten innerhalb von zehn Jahren ungefähr verdoppelt. Ein weiterer Grund für steigende Zahlen ist, dass Autismus früher oft nicht erkannt wurde, besonders bei Mädchen und Erwachsenen. Viele Menschen erhalten ihre Diagnose erst spät im Leben.
Die Entstehung von Autismus ist indes komplex und noch nicht vollständig verstanden. Wissenschaftliche Studien zeigen jedoch mehrere Faktoren, beispielsweise genetische Einflüsse sowie aber auch Umweltfaktoren wie etwa Bedingungen während der Schwangerschaft oder frühe Entwicklungen. Diese Einflüsse können eine Rolle spielen, gelten jedoch meist als ergänzende Faktoren zu genetischen Ursachen. Wichtig: Wissenschaftliche Studien haben wiederholt gezeigt, dass Impfungen keine Ursache von Autismus sind – eine früher verbreitete Behauptung gilt heute als widerlegt.
Großes Spektrum
Autistische Menschen leben sehr unterschiedlich – je nach individuellen Fähigkeiten, Unterstützung und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Viele Autisten berichten, dass sie soziale Regeln oder indirekte Kommunikation anders wahrnehmen. Eine wissenschaftliche Theorie dazu ist das „Doppelte Empathie-Problem“. Diese Theorie besagt, dass Missverständnisse zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen nicht nur auf Defizite einer Seite zurückgehen, sondern auf unterschiedliche Kommunikationsstile beider Gruppen. Im Bildungssystem und Arbeitsleben stoßen viele autistische Menschen auf strukturelle Barrieren. Gruppendynamische Unterrichtsformen oder Großraumbüros können etwa besonders belastend sein. Gleichzeitig zeigen Studien, dass autistische Menschen häufig besondere Fähigkeiten besitzen – etwa in analytischem Denken, Detailwahrnehmung oder spezialisierten Interessensgebieten.
Autismus und LGBTIQ+
In den letzten Jahren hat die Forschung zunehmend überdies einen Zusammenhang zwischen Autismus und queeren Identitäten untersucht. Mehrere Studien zeigen, dass autistische Menschen häufiger nicht heterosexuell sind als die allgemeine Bevölkerung. In einer Untersuchung waren 24 Prozent der queeren Personen autistisch (Autismus Initiative Steinburg), in einer anderen Studie aus der Schweiz identifizierten sich nur etwa 30 Prozent autistischer Menschen als ausschließlich heterosexuell, deutlich weniger als in Vergleichsgruppen. Warum dieser Zusammenhang besteht, ist noch nicht abschließend geklärt. Einige Forscher vermuten, dass autistische Menschen gesellschaftliche Normen weniger stark übernehmen und sich daher freier mit ihrer Identität auseinandersetzen. Fakt ist dabei leider auch: Menschen, die sowohl autistisch als auch queer sind, können von mehreren Formen von Diskriminierung gleichzeitig betroffen sein.
So erleben autistische Menschen häufig Vorurteile, soziale Ausgrenzung oder strukturelle Barrieren – etwa im Bildungssystem oder auf dem Arbeitsmarkt. Auch berichten LGBTIQ+-Menschen häufiger von Diskriminierung im Gesundheitswesen oder im sozialen Umfeld. Studien zeigen zudem ein höheres Risiko für psychische Belastungen aufgrund von Stigmatisierung auf. Wenn also beide Faktoren zusammenkommen, können sich diese Belastungen noch weiter verstärken. Aktuell laufen zahlreiche Studien zu Autismus – etwa zur Lebensqualität im Erwachsenenalter oder zu neuen Diagnosemethoden. Auch digitale Technologien werden erforscht. Neue Ansätze analysieren etwa Gesichtsausdrücke, Stimme oder Blickverhalten, um Diagnosen besser zu unterstützen. Es gibt also noch viel zu entdecken und zu lernen – und bis dahin gilt es, nicht nur aber insbesondere im Monat für die Akzeptanz von Autismus, zu verstehen: Viele Menschen befinden sich an der Schnittstelle verschiedener Minderheiten, Autisten und queere Personen gehören dazu. Beide für sich sowie beide zusammen verdienen mehr Respekt und Anerkennung, innerhalb wie außerhalb unserer Community.