LGBTIQ+ in Traunstein Ein Landkreis mit vielfältigen Angeboten
Der Landkreis Traunstein ist aus queerer Sicht besonders in Bayern, bereits in den 1990er Jahren gab es erste Schwulengruppen und ein "Rosa Telefon". Inzwischen kümmert sich seit 2024 der Verein Queer Traunstein um die Community vor Ort. SCHWULISSIMO traf sich mit dem Team zum Gespräch.
Wo setzt ihr eure Schwerpunkte?
Unser Ziel ist es, queere Menschen im Landkreis und der Umgebung zu vernetzen, sichtbar zu machen und für diese Menschen eine Anlaufstelle zu bieten. Um das zu erreichen, ist es uns besonders wichtig, einen jährlichen, inklusiven CSD für alle zu veranstalten, sowie weitere Events, bei denen sich Queers begegnen und austauschen können. Insbesondere der CSD und auch andere CSDs in der Region sind besonders wichtig, um auch in ländlichen Gegenden zu zeigen, dass es uns gibt – auch auf dem oberbayrischen Land!
In diesem Jahr wird es zum siebten Mal einen CSD in Traunstein geben (Termin: 25. Juli). Wenn ihr auf die letzten Jahre zurückblickt, wie hat sich die Lage in der Kreisstadt entwickelt?
Auf den ersten CSDs haben wir am Ende noch Gruppenbilder gemacht. Wir hatten zu der Zeit nur so 120 Teilnehmer*innen. Inzwischen sprechen wir eine breitere Zielgruppe an. Lag der Altersdurchschnitt bei den ersten CSDs eher bei 16 Jahren, so kommen die Traunsteiner CSDler heute aus allen Generationen. Auch viele Allys kommen, um ihre Solidarität auszudrücken und gemeinsam Diversität zu feiern. Was sich seit 2025 geändert hat, sind die verschärften Sicherheitsmaßnahmen. Natürlich möchten wir, dass die Teilnehmenden sicher vor eventuellen Gefahren sind, jedoch stellt uns das vor finanzielle Herausforderungen, da wir diese Vorkehrungen selber finanzieren müssen. Wir freuen uns daher jederzeit über eure Spenden.
Wie sieht es im Landkreis mit dem Thema Queerfeindlichkeit aus?
Wir haben hier auf dem Land nicht mehr queerfeindliche Situationen erlebt als man sie auch in einer Großstadt erleben kann. Offene Queerfeindlichkeit haben wir meist in Kontexten von CSDs abbekommen – also auf Events, auf denen wir uns ganz klar als queer sichtbar gemacht haben. „Schwul“ als Schimpfwort ist immer noch ein Problem an Schulen und in einigen Bereichen der Gesellschaft. Ansonsten werden queerfeindliche Aussagen vor allem hinter verschlossenen Türen gemacht.
Erlebt ihr noch dumme Sprüche oder Vorurteile?
„Wer ist bei euch der Mann/die Frau?“. Personen mit kurzen Haaren werden oft für Jungen gehalten. Das führt manchmal sogar soweit, dass Mädchen oder Frauen von der Frauentoilette vertrieben werden. Generell ist eine sexistische Rollenverteilung in der Region viel stärker verbreitet: Mädchen, die nicht Fußball spielen, schuhplatteln, zur Feuerwehr oder ministrieren dürfen. Frauen sind oft Hausfrauen und sollen kochen und sich um die Kinder kümmern. Männer und Söhne fahren Traktor und machen den Motorsägen-Führerschein. Da (nicht nur) queere Menschen mit solchen hanebüchenen Klischees oft nix anfangen können, ist das natürlich oft ein Punkt des Anstoßes.
Gibt es Treffpunkte, die ihr als Safe Space nutzen könnt?
Ja. Der O.R.T. (Offener Raum Traunstein) hat uns von Anfang an seine Räumlichkeiten für Treffen zur Verfügung gestellt. Es gibt in der Region zwar keine explizit queeren oder schwulen Cafés und Kneipen – die letzte Schwulenbar in Traunstein hat vor circa 16 Jahren zugemacht – aber viele Gastronomien sind offen, tolerant und solidarisch, sodass wir beispielsweise in der Festung Traunstein unser letztes CSD-Fest mit Aftershowparty durchführen konnten und dort auch weitere Queerpartys veranstalten werden.
Was würdet Ihr euch von der Stadtpolitik wünschen?
Wir fänden es super, wenn es eine voll- und dauerhaft geförderte, queere Beratungsstelle für alle Altersgruppen in Traunstein gäbe. Aufgrund der traditionellen Ausrichtung der Region gibt es viele Menschen, die erst später ihr Coming-Out haben und genauso wie junge Menschen von einer solchen Anlaufstelle profitieren könnten. Generell wäre es toll, wenn mehr Förderprogramme für queere Veranstaltungen und Vereine eingerichtet werden würden. Zudem würden wir uns mehr Aufklärung zu queeren Themen an Schulen wünschen, um einerseits Homo- und Transphobie entgegenzuwirken und es andererseits queeren Schüler*innen leichter zu machen, offen mit ihrer Identität und Sexualität umzugehen.
Mit welchen Ängsten oder Hoffnungen kommen queere Jugendliche zu euch?
Bei vielen queeren Menschen gibt es die Angst, lang erkämpfte Rechte durch den politischen Rechtsruck wieder zu verlieren. Das betrifft zum Beispiel das Selbstbestimmungsgesetz oder die gleichgeschlechtliche Ehe. Insbesondere Jugendliche haben oft die Sorge, dass diese Rechte, bis sie die Volljährigkeit erreicht haben, wieder abgeschafft werden könnten. Zudem fehlt es uns an dediziert queeren Orten und Veranstaltungen, um uns zu vernetzen, auszutauschen oder generell Anschluss zu finden.
Warum ist es für euch trotzdem schön, im Landkreis Traunstein zu leben?
Abgesehen von offensichtlichen Vorzügen wie Natur, Seen und Berge, hat es auch andere Vorteile, in einer ländlichen Region zu wohnen: Fehlende Strukturen können zwar deprimierend sein, aber bedeuten auch, dass jede kleine Veränderung Großes bedeutet. Wir haben hier die Möglichkeit, gemeinsam aufzubauen, was wir uns wünschen.
Vielen Dank euch fürs Gespräch.
Mehr unter www.queer-traunstein.de und bei Instagram @ csdtraunstein