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Homophober Hass Alltag an über 400 Einrichtungen im Freistaat

Von ms - 06.02.2026 - 15:00 Uhr
Homophober Hass an bayerischen Schulen
Foto: IMAGO / Pond5 Images
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Eine Recherche des Bayerischen Rundfunks zeigte unlängst auf: Demokratiefeindliche Vorfälle sowie Gewalt- oder Einschüchterungsakte und homophobe Angriffe sind weit verbreitet an Schulen im Freistaat. Rund 400 Einrichtungen (66% der teilnehmenden Schulen) meldeten entsprechende Beobachtungen. SCHWULISSIMO fragte nach bei Geschäftsführer*in Terry des Aufklärungsprojekts München. 

Terry, überraschen euch die Ergebnisse?

Basierend auf den Erfahrungen, die unsere Teamenden machen, den Berichten der Lehrkräfte sowie unseren Feedbackbögen gehen wir eher davon aus, dass die Zahl noch höher ist. Auch mit Blick auf die “How are you?” Studie, die die Schule auf Platz eins der Orte sieht, an denen queere Jugendliche Diskriminierung erleben, ist dies naheliegend. Besonders häufig hören wir, dass Worte wie “schwul” leider noch immer als Beleidigung verwendet werden, negative Einstellung gegenüber trans* Menschen vorherrschen.

Queerfeindlichkeit existiert überall – von der Mittelschule und den Realschulen bis hin zum Gymnasium. Klischeehaft müsste man meinen, dass die Abneigung gegenüber LGBTIQ+ mit steigendem Alter und Bildung abnimmt, oder?

Unserer Erfahrung nach besteht Queerfeindlichkeit unabhängig vom Alter. Was wir allerdings sehen, ist, dass sich Positionen mit steigendem Alter verfestigen. Je stärker ausgeprägt eine ablehnende Haltung ist, desto schwieriger ist es, diese Jugendlichen mit zeitlich eher kurzen Interventionen, wie wir sie anbieten, zu erreichen. Bezogen auf die Schulform sehen wir keinen Unterschied im Ausmaß der Queerfeindlichkeit. 

Die Angriffe kamen sowohl aus dem rechtsextremen wie aber auch aus dem stark religiösen und islamisch geprägten Spektrum. Wie siehst Du das?

Die größte Gefahr für queere Jugendliche ist Queerfeindlichkeit – unabhängig davon, aus welcher Richtung sie kommt. Diese Gefahr wird verstärkt durch den strukturellen Missstand fehlender Präventionsangebote sowie mangelnder Unterstützungsangebote. Die Frage lädt zu einer Gegenfrage ein: Warum wird eine Religion explizit benannt? Häufig wird unter dem Deckmantel der Sorge um Queerfeindlichkeit anti-muslimischer Rassismus reproduziert. Uns ist wichtig, zu betonen: Queerfeindlichkeit ist kein Alleinstellungsmerkmal einer spezifischen Religion. Religiös begründete Queerfeindlichkeit ist ein reales Phänomen, entsteht jedoch nicht aus Religion an sich, sondern aus bestimmten Auslegungen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Viele religiöse Menschen und Gemeinden unterstützen queere Lebensrealitäten oder sind selbst queer. In unserer Bildungsarbeit geht es darum, diese Differenzierungen sichtbar zu machen und jungen Menschen zu vermitteln, dass Religion und Queerness kein Widerspruch sein muss.

Ist Bayern in puncto Queerfeindlichkeit an Schulen ein besonders negatives Beispiel oder sieht es in anderen Bundesländern ähnlich aus?

Als Mitgliedsprojekt des Dachverbandes Queere Bildung sind wir bundesweit vernetzt und wissen, dass Queerfeindlichkeit in allen Bundesländern ein relevantes Problem darstellt. Ein Blick auf die Karte der Mitgliedsorganisationen macht jedoch eine besondere Herausforderung deutlich: In Bayern ist die Infrastruktur queerer Bildungsprojekte besonders prekär. Gleiches gilt für die Förderung queerer Beratungsangebote und Zentren.

Die befragten Schulleiter waren sich uneins bei der Frage, ob sich die Situation in den letzten Jahren verschlimmert hat. Eure Einschätzung? 

Aus unserer Sicht lässt sich die Entwicklung nicht eindeutig bewerten. Während queere Themen früher vor allem tabuisiert waren, sind sie heute deutlich sichtbarer. Diese Sichtbarkeit ist grundsätzlich positiv, geht aber auch mit einer stärkeren Politisierung einher. In unserer Arbeit erleben wir daher eine Zunahme von offener Queerfeindlichkeit, insbesondere durch die Verbreitung rechtspopulistischer bis rechtsextremer Narrative, die schnell in den Schulalltag gelangen – teils aus Unwissenheit, teils aus Überzeugung. Gleichzeitig gibt es an vielen Schulen mehr Sensibilität und Unterstützung als früher.

Das Aufklärungsprojekt München bietet sowohl Schul-Workshops als auch Fortbildungen für Lehrkräfte an – welche Erfahrungen habt Ihr dabei zuletzt gemacht? 

Wir führen pro Jahr über 100 Workshops und Fortbildungen an Schulen durch und erleben die Situation insgesamt als ambivalent. Einerseits nimmt die Anzahl an herausfordernden Situationen insbesondere durch konfrontative und ablehnende Haltungen gegenüber queeren Menschen zu. Gleichzeitig bringen andere Schüler*innen mehr Wissen zu diesem Themenbereich mit und es gibt im Vergleich zu früher mehr junge Menschen, die bereits geoutet sind. Bei Lehrkräften beobachten wir ein ähnlich komplexes Bild: Einerseits erkennen viele an, dass sie Unterstützung beim Thema sexuelle, romantische und geschlechtliche Vielfalt im Kontext Schule brauchen. Andererseits erleben wir wachsende Verunsicherung, die nicht nur aus inhaltlichen Fragen entsteht, sondern aus der gesellschaftlichen Politisierung queerer Lebensrealitäten. 

Wie könnte die bayerische Regierung die Lage verbessern? 

Es ist ein gängiges Problem, dass Queerfeindlichkeit nicht als solche registriert ist, und deshalb häufig unsichtbar bleibt. Beispielsweise wenn queerfeindlich motiviertes Mobbing an Schulen nur als Mobbing dokumentiert wird. Die Dunkelziffer von queerfeindlichen Vorfällen ist enorm hoch – was auch daran liegt, dass Menschen nicht wissen, wo sie Queerfeindlichkeit melden könnten. 

Was wird beim Thema LGBTIQ+ an Schulen viel zu wenig beachtet? 

Romantische, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt wird an Schulen, wenn überhaupt, häufig nur punktuell behandelt, während eine kontinuierliche Auseinandersetzung damit fehlt. Queere Lebensrealitäten müssen selbstverständlich in den Schulalltag integriert werden und sollten nicht nur in einzelnen Projekttagen oder Workshops thematisiert werden. Besonders wichtig ist, die Perspektiven queerer Jugendlicher stärker einzubeziehen und ihre Erfahrungen ernst zu nehmen. 

Terry, vielen Dank für das Gespräch.

Mehr unter: aufklaerungsprojekt-muenchen.de

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