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HIV-Phobie beim Dating

HIV-Phobie beim Dating Vorurteile und Ressentiments sind noch immer Alltag

ms - 10.12.2025 - 16:00 Uhr
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HIV-positive Menschen sehen sich beim Online-Dating weiterhin massiver Stigmatisierung ausgesetzt. Das berichtet Uncloseted Media unter Berufung auf Betroffene und Experten. Besonders junge Nutzer von Dating-Apps erleben demnach Ablehnung, Beleidigungen und soziale Isolation – trotz großer Fortschritte in der HIV-Behandlung. Offenbar gibt es bis heute vielerorts noch starke Ressentiments gegenüber Menschen mit HIV, selbst wenn diese aufgrund von wirksamen Medikamenten nicht mehr ansteckend sind.

Angst wegen veralteten Vorstellungen

Der 19-jährige Cody Nester aus Hollywood im US-Bundesstaat Florida schildert, dass er auf Dating-Apps wie Grindr häufig beschimpft wird, sobald er seinen HIV-Status offenlegt. „Hast du auf meinem Profil gesehen, dass ich HIV-positiv bin?“, schreibt er üblicherweise früh in Gesprächen. Die Reaktionen seien oft verletzend: „Du bist widerlich. Ich weiß nicht, warum du hier bist.“ Viele blockierten ihn sofort. „Ich würde sagen, 95 Prozent der Leute reagieren so“, sagt Nester.

Dabei gilt sein HIV als nicht übertragbar, da seine Viruslast unter der Nachweisgrenze liegt. Der heute gängige medizinische Grundsatz „Undetectable = Untransmittable“ (U=U) besagt, dass Menschen mit unterdrückter Viruslast HIV beim Sex nicht weitergeben können. Nach Angaben der US-Seuchenschutzbehörde CDC waren im Jahr 2024 rund 65 Prozent der HIV-positiven Menschen in den USA virale unterdrückt.

Experten verweisen dennoch auf verbreitete Fehlinformationen. „Die Angst kommt von veralteten Vorstellungen über HIV“, sagt Xavier A. Erguera von der University of California, San Francisco. Viele neu diagnostizierte Menschen glaubten weiterhin an ein „Todesurteil“, obwohl HIV heute bei entsprechender Behandlung als chronische Erkrankung gilt.

Phobie noch immer allgegenwärtig

Auch die Präexpositionsprophylaxe (PrEP), die das Ansteckungsrisiko beim Sex um etwa 99 Prozent senkt, ist nach Einschätzung der Wissenschaftlerin Kim Koester noch nicht ausreichend verbreitet. 2024 nutzten weniger als 600.000 Menschen in den USA das Medikament, in Deutschland sind es etwa 40.000. „Die Phobie ist allgegenwärtig“, so Koester. PrEP sei zwar ein wichtiges Mittel zur Verringerung der Angst, aber „nicht genug“. Stigmatisierung habe zudem historische Ursachen, erklärt Laramie Smith von der University of California, San Diego. „Mit heutigen Behandlungen sollte es keine lebensverändernde Identitätsverschiebung mehr geben. Wenn du viral unterdrückt bist, sollte es keine Rolle spielen, ob du mit jemandem befreundet bist oder Sex hast.“ Dennoch würden Menschen mit HIV häufig als „gefährliche Infektionsquelle“ dargestellt. Fast alle HIV-positiven Befragten in der Untersuchung von Uncloseted Media haben hier ähnlich negative Erfahrungen gemacht. 

„Warum stirbst du nicht?“

Nester beschreibt die psychische Belastung deutlich: „Es ist, als wärst du ein weißer Fisch in einem Schwarm schwarzer Fische. Du bist sofort der Außenseiter.“ Die Diskriminierung habe seine mentale Gesundheit beeinträchtigt. Häufig erhielt er Nachrichten wie „Warum stirbst du nicht?“. Auch ältere Betroffene berichten von lang anhaltender Angst vor Zurückweisung. Der 45-jährige New Yorker Damian Jack erinnert sich an seine Diagnose 2009: „Ich fing hysterisch an zu weinen. HIV bedeutete Tod.“ Jahrzehnte nach dem Höhepunkt der AIDS-Krise seien die Bilder und Stereotype dieser Zeit weiterhin präsent.

Forscher warnen, dass sowohl öffentliches als auch internalisiertes Stigma soziale Isolation, Scham und depressive Symptome verstärke. „Wenn ich glaube, dass mich mein Virus unwürdig macht, beeinträchtigt das das Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit“, sagt Smith. Während Akzeptanz für viele Betroffene noch weit entfernt scheint, gibt es Einzelfälle positiver Erfahrungen. 

Jack berichtet von einem Gespräch während eines Dates im Jahr 2021: Als er eröffnete, HIV-positiv und nicht übertragbar zu sein, habe sein Gegenüber nur gesagt: „Oh – ist das alles? Ich dachte, du würdest sagen, du hast einen Freund. Ich nehme PrEP. Alles gut.“ Ein Jahr später heirateten beide. Für Nester bleibt die Situation schwierig. Auf Profilen lese er häufig Aussagen wie „Nur Negative“. Die Ablehnung tue weh, sagt er. „Aber ich weiß, dass es aus Angst kommt. Wenn Menschen Details nicht kennen, neigen sie dazu, Angst zu haben.“

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