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Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Zweifel an Träger belasten Finanzierung

Von ms - 23.04.2026 - 08:30 Uhr
Kritik an Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft
Foto: IMAGO / snapshot
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Ein geplantes Archivprojekt zur queeren Geschichte in Berlin steht vor erheblichen finanziellen Risiken. Das sogenannte „Queere Archivzentrum“, das historische Sammlungen zur Sexualwissenschaft, zur lesbischen und schwulen Emanzipation sowie zum Feminismus bündeln soll, könnte wichtige Fördermittel verlieren. In der Kritik steht dabei die federführende Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft in Berlin. 

Das Wichtigste im Überblick:

  • Geplantes „Queeres Archivzentrum“ in Berlin-Neukölln könnte Fördermittel verlieren 
  • Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft im Fokus wegen möglicher Verbindungen zu pädoaktivistischen Netzwerken 
  • Senatsverwaltung sieht Trägereignung als nicht gegeben an 
  • Entscheidung über rund 1,9 Millionen Euro Förderung steht im Mai an 
  • Internes Gutachten zur Aufarbeitung soll Ende April veröffentlicht werden
  • Geschäftsführer der MHG widerspricht den Vorwürfen  

Zweifel an Hirschfeld-Gesellschaft

Hintergrund sind Zweifel an der Eignung eines der beteiligten Träger. Nach Einschätzung der zuständigen Senatsverwaltung für Antidiskriminierung arbeitet die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft (MHG) mögliche frühere Verbindungen zu pädoaktivistischen Netzwerken nicht ausreichend auf, wie der Berliner Tagesspiegel berichtet. In einer Vorlage an den Hauptausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses heißt es: „Die Trägereignung ist nicht gegeben“. Das Gremium soll im Mai über die Finanzierung entscheiden.

Für das Projekt ist der Ausbau von Räumen in einer ehemaligen Brauerei im Berliner Stadtteil Neukölln vorgesehen. Das Land Berlin hatte dafür bislang rund 1,9 Millionen Euro eingeplant, ergänzt durch weitere Mittel einer Stiftung. Neben der MHG sind auch das Spinnboden Lesbenarchiv und das Feministische Archiv FFBIZ beteiligt. 

Kritik an früherem Geschäftsführer

Im Zentrum der Kritik stehen Verbindungen einzelner früherer Akteure der MHG zur „arbeitsgemeinschaft humane sexualität“ (ahs). Diese Organisation war „neben Aktivitäten zur sexuellen Emanzipation nachweislich auch an pädo-aktivistischen Diskursen beteiligt“, wie es in einem Eintrag auf der Webseite der MHG aus dem Jahr 2025 heißt. Ein früheres Gründungsmitglied und langjähriger Geschäftsführer der Gesellschaft war demnach in den 1980er Jahren zeitweise parallel in leitender Funktion bei beiden Organisationen tätig und bis 2001 Mitglied eines Gremiums der ahs. Bereits 2019 wurden entsprechende Verbindungen im Zusammenhang mit einem Gutachten über den Sexualwissenschaftler Hartmut Kentler öffentlich.

Der betreffende Geschäftsführer trat 2025 von seinem Posten zurück und verließ 2026 die Gesellschaft vollständig. Vorstand, Geschäftsführung und Mitarbeitet der Forschungsstelle distanzierten sich daraufhin „entschieden von allen Formen sexueller, insbesondere pädosexueller Gewalt und deren Verharmlosung“. Gleichzeitig beschloss die MHG, ein unabhängiges externes Gutachten zur Aufarbeitung der Vorwürfe erstellen zu lassen. Dieses soll Ende April veröffentlicht werden. Bereits zuvor wurden Zwischenergebnisse intern vorgestellt, die zu unterschiedlichen Reaktionen führten.

Hinhalten statt Aufarbeitung?

Zu einem offenen Konflikt kam es bei einer Mitgliederversammlung in der vergangenen Woche. Nach der Vertagung eines Antrags zur weiteren Aufarbeitung traten zwei Vorstandsmitglieder zurück. Einer von ihnen, Michael Thomas Taylor, kritisierte das Vorgehen scharf: „Es ist dieselbe Taktik des Hinhaltens, Kleinredens, Aussitzens und Schweigens, die ich in der Gesellschaft leider seit Monaten im Umgang mit dieser Geschichte und mit der Schwere der Folgen dieser Diskurse erlebe.“ Weiter schrieb er: „Diese Haltung trägt meines Erachtens weiterhin dazu bei, dass Betroffene nicht gehört und sexualisierte Gewalt vertuscht oder bewusst ignoriert wird.“

Auch der Queerbeauftragte des Landes Berlin, Alfonso Pantisano, äußerte sich kritisch. Er sei „fassungslos“ über die Entwicklungen und erklärte: „Was dort beschlossen wurde, wiegt schwer: Vertagung statt Aufarbeitung, Relativierung statt Klarheit, Debatten darüber, ob und wie sexualisierte Gewalt einzuordnen sei, anstatt sich unmissverständlich von jeder Form ihrer Legitimierung zu distanzieren.“ Ein ausreichendes Bekenntnis zur Verantwortung sowie ein tragfähiger Plan im Umgang mit der eigenen Vergangenheit seien nicht erkennbar. Weitere finanzielle Zuwendungen seien unter diesen Umständen nicht im Interesse des Landes Berlin und würden gestoppt.

Widerspruch der Gesellschaft 

Dem widerspricht die aktuelle Leitung der MHG. Geschäftsführer Andreas Pretzel betonte: „Es gibt keinen Zweifel an der grundsätzlichen Haltung, dass Aufarbeitung notwendig ist.“ Diskutiert werde vor allem über Tempo und konkrete Maßnahmen. Die Vertagung eines Antrags bedeute nicht dessen Ablehnung, sondern diene der inhaltlichen Überarbeitung. Nach Angaben Pretzels hätten die bislang bekannten Informationen in der Gesellschaft zu „niederschmetternden“ Eindrücken geführt. Erste Konsequenzen seien bereits gezogen worden, darunter die Entwicklung eines Leitbilds für den Umgang mit Archivbeständen. Das Archiv selbst führe keine pädoaktivistischen Materialien.

Die Verzögerung bei der Aufarbeitung erklärt Pretzel unter anderem mit historischen Umständen. Teile der frühen Schwulenbewegung hätten entsprechende Themen verdrängt: „Für das Emanzipationsnarrativ war das ein Störfaktor. Insofern war das kaum ein Thema, dass sie selber kritisch aufarbeiten wollten, schon gar nicht in der Öffentlichkeit.“ Mit Blick auf die laufende Debatte fordert Pretzel, die Veröffentlichung des Gutachtens abzuwarten. Dieses solle belastbare Erkenntnisse liefern, auf deren Grundlage weitere Schritte beschlossen werden könnten.

Der Queerbeauftragte hält dem entgegen, die Vorwürfe seien so gravierend, „dass es verantwortungslos gewesen wäre, dieses Wissen nicht öffentlich zu kommunizieren“. Es gehöre zu seinen Aufgaben, Schaden von der queeren Community abzuwenden und klar Stellung zu beziehen. Sollte die Förderung ausbleiben, hätte dies erhebliche Folgen für das Projekt. Einen alternativen Finanzierungsplan gibt es nach Angaben der Beteiligten nicht. Bereits geleistete Vorinvestitionen in sechsstelliger Höhe könnten dann verloren sein, so der Tagesspiegel weiter. 

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