Repressive Strafverfolgung hält an Marokko: Queere Menschen zwischen Haft und Überwachung
In Marokko müssen lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und queere Menschen mit harten Konsequenzen rechnen – selbst ein flüchtiger Kuss kann einen monatelangen Gefängnisaufenthalt zur Folge haben. Trotz wachsender internationaler Debatten bleibt queeres Leben in Marokko weitgehend unsichtbar, geprägt von Ängsten, Verschwiegenheit und kreativen Formen des Widerstands.
Strafgesetz, soziale Kontrolle, Unsichtbarkeit
Das marokkanische Strafrecht sieht in Artikel 489 vor, dass gleichgeschlechtliche Handlungen mit sechs Monaten bis zu drei Jahren Haft und Geldstrafen geahndet werden. Dieses Gesetz existiert seit Jahrzehnten und wurde weder von aktuellen noch von früheren Regierungen infrage gestellt. Vor allem in urbanen Zentren wie Marrakesch entwickeln betroffene Menschen ausgeklügelte Codes und Routinen, um ihre Identität zu schützen. Treffpunkte werden gewechselt, Botschaften verschlüsselt – selbst digitale Kommunikationswege sind nicht sicher.
Seit Beginn der 2020er Jahre verschärfen soziale Medien die Lage weiter: Auf Dating-Apps wie Grindr können Polizei und Privatpersonen gezielt Menschen ausspähen. Extremfälle wie der Social-Media-Aufruf der trans* Influencerin Sofia Taloni, gezielt falsche Profile zu erstellen, führten zu einer massiven Welle von Outings, Bedrohungen und häuslicher Gewalt. Die marokkanischen Behörden reagieren selten auf Anzeigen von Betroffenen, sondern nutzen öffentliche „Moralhüterinnen und Moralhüter“ zur Überwachung. Häufig stammen Anzeigen aus dem familiären Umfeld, was Isolation und sozialen Ausschluss verstärkt.
Strategien des Überlebens und Aktivismus
Die Unsicherheit zwingt viele queere Menschen dazu, im Verborgenen zu leben und enge Freundeskreise auf Sicherheitsmaßnahmen einzuschwören: Jedes Treffen wird mit Vorsicht vorbereitet, Identitäten werden mehrfach überprüft und Orte regelmäßig gewechselt. Lokale Organisationen wie Akaliyat bieten rechtliche Unterstützung, Notunterkünfte und psychologische Beratung an – oft als letzter Ausweg, wenn Betroffene durch Familie oder Nachbarschaft bedroht werden. Die psychologischen Folgen sind gravierend: Laut internationalen Berichten leiden viele an Angststörungen, Depression und Posttraumatischen Belastungsstörungen, verzichten oftmals aus Angst vor Diskriminierung selbst auf medizinische Versorgung.
Hoffnung auf Veränderung?
Der Druck auf queere Menschen in Marokko bleibt unverändert hoch. Öffentliche Debatten werden meist zu Lasten von LGBTIQ+ Personen geführt. Menschen wie Ahmed, der sich nach elf Jahren Verheimlichung kaum noch vorstellen kann, in seiner Heimat ein authentisches Leben zu führen, stehen an einem Scheideweg: Ein Doppelleben oder Auswanderung? Dabei wächst trotz aller Widrigkeiten das Netzwerk an Unterstützerinnen und Unterstützern – sowohl lokal als auch international. Die Hoffnung, dass sich rechtliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen langfristig ändern, bleibt ein zentrales Anliegen.
Wie lange müssen Menschen in Marokko noch Angst vor Outing und Strafverfolgung haben, bevor Vielfalt als gesellschaftliche Realität anerkannt wird?