Gefährliche Algorithmen Queerer Verband warnt vor Google-Suchen im Bereich LGBTIQ+
Eine Untersuchung der queeren Organisation Uncloseted Media hat nun gezeigt: Die Suchmaschine von Marktführer Google verweist in den USA im Zweifel zu Konversionstherapien bei LGBTIQ+-Menschen. Rund 90 Prozent aller Suchanfragen weltweit laufen derzeit über das Portal.
Besorgte Eltern, unsichere Teenager
Das Rechercheteam betonte dabei die besondere Gefahr von solchen Empfehlungen, denn Umfragen zufolge vertraut mehr als die Hälfte aller US-Amerikaner den Angeboten von Google. Untersucht wurde dabei, wie die Suchmaschine auf Fragen von besorgten Eltern reagiert, die vermeintlich herausgefunden haben, dass ihr Kind homosexuell oder queer sind.
Landesweit wurde Google deswegen mit Aussagen gefüttert wie: „Ich bin christlich, meine Tochter ist lesbisch“ oder auch „Meine Tochter ist trans und ich bin Christ“. Die Ergebnisse sind laut Uncloseted Media sehr beunruhigend: Unter den ersten Links erschienen demnach Websites, die Homosexualität als „Sünde“ definieren und „Erlösung“ oder „Orientierungsänderung“ fördern. Die meisten Links verweisen dabei offenbar auf die religiöse Organisation Focus on the Family (FOTF), die seit Jahren gegen LGBTIQ+-Rechte eintritt und vom Southern Poverty Law Center offiziell als Hassgruppe geführt wird. Auf der Homepage wird auch direkt für Konversionstherapien geworben, die in 28 US-Bundesstaaten verboten sind.
Konversionstherapien in den USA
Aktuell berät der Oberste Gerichtshof der USA, der Supreme Court, über die umgangssprachlichen Homo-Heilungen, die vor allem von christlichen Glaubensgemeinschaften in den USA angeboten werden. Mittels erzwungenem, stundenlangen Betten, Eisbädern, Elektroschocks, Isolation, Schlägen und „korrigierenden Vergewaltigungen“ sollen zumeist Schwule und Lesben bekehrt werden. Die Vereinten Nationen verurteilten solche Praktiken als Folter. Nach Angaben des Williams Instituts leben aktuell rund 700.000 erwachsene Schwule und Lesben in den USA, die bereits Opfer solcher „Therapien“ geworden sind, die Hälfte von ihnen als Jugendliche. Jeder dritte amerikanische LGBTIQ+-Jugendliche, der einen Suizid-Versuch unternommen hat, hatte zuvor eine Konversionstherapie durchlaufen, so eine Studie des Trevor Projects.
Laut Uncloseted Media verweisen die Google-Algorithmen landesweit auch bei ähnlichen Fragen auf stellenweise zweifelhafte Organisationen – die Angebote reichen demnach von Baptistenseminare bis hin zu Veranstaltungen, die gleichgeschlechtliche Anziehung als „Lust, die erlöst werden soll“ definieren und Heilung versprechen. Die Organisation weitete daraufhin ihre Suche aus und stellte fest, dass auch in anderen Ländern wie beispielsweise Kanada, Indien oder Taiwan mehrfach zu Anbietern von Konversionstherapien verwiesen wurde.
Algorithmen suchen nach Popularität
IT-Experten wiesen dabei auf Rückfrage darauf hin, dass der Google Algorithmus in erster Linie Popularität und Keywords begünstigt. Gerade konservative Kräfte in den USA investieren demnach viel Zeit und Aufwand darin, online eine führende Rolle einzunehmen, was sie bei Suchanfragen weit oben in der Liste landen lässt. Zudem: In den USA ist Google durch Abschnitt 230 der Verfassung davon befreit, Verantwortung für Inhalte zu übernehmen. Obligatorische Entfernungen betreffen nur extreme Fälle wie beispielsweise sexuellen Missbrauch.
Das ermögliche Anti-LGBTIQ+-Gruppen und Anbietern von Konversionstherapien sehr leicht, die Kontrollen zu umgehen, so Dr. Francesca Tripodi, Professorin an der US-Akademie für Information und Wissenschaft (SILS) sowie an der Universität von North Carolina und Gastprofessorin an der Universität Tübingen. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit digitaler Desinformation und Propaganda. Mit Blick auf unsichere Teenager und Eltern ein besonders gefährliches System: „Es wird angenommen, dass das, was an der Spitze steht, glaubwürdiger ist. Aber hinter dieser scheinbaren Neutralität gibt es eine große Verantwortung. Wer fast alle globalen Informationen kontrolliert, muss sicherstellen, dass die gezeigten Inhalte nicht falsch oder schädlich sind. Die Leute vertrauen Google, und das ist das Problem“, so Tripodi weiter.