Eine geheime Liebe, zwei gewaltsame Todesfälle und ein unvollendetes Theaterstück: Das schwule Historiendrama „La Bola Negra“ erzählt von einem weitgehend verdrängten Kapitel der spanischen Geschichte. Im Mittelpunkt steht der Dichter Federico García Lorca, dessen Beziehung zu Rafael Rodríguez Rapún den Film wesentlich inspirierte.
Das Wichtigste im Überblick
- Schwules Historienepos: „La Bola Negra“ von Javier Ambrossi und Javier Calvo verbindet drei Geschichten aus einem Jahrhundert spanischer Geschichte.
- Wahre Liebesgeschichte: Der Film greift die Beziehung des Dichters Federico García Lorca zu Rafael Rodríguez Rapún auf.
- Unvollendetes Werk: Lorca schrieb nur vier Seiten seines Theaterstücks „La Bola Negra“, bevor er 1936 ermordet wurde.
- Tragisches Schicksal: Nach Lorcas Tod schloss sich Rapún der republikanischen Armee an und starb 1937 an den Folgen eines Bombenangriffs.
- Die Filmemacher verbinden belegte Ereignisse mit erfundenen Szenen und erinnern an lange verdrängte queere Lebensgeschichten.
Die wahre Geschichte
Die Regisseure Javier Ambrossi und Javier Calvo verbinden drei Handlungsstränge aus unterschiedlichen Epochen. Das über ein Jahrhundert angelegte Werk beschäftigt sich mit homosexueller Liebe, gesellschaftlicher Ausgrenzung und dem Vermächtnis homosexueller Menschen. Aktuell ist der Film als möglicher Oscar-Kandidat im Gespräch und wurde bereits bei mehreren Filmfestivals gefeiert. Ende des Jahres soll der Film voraussichtlich bei Netflix erscheinen. Die Wahrheit hinter dem Film ist indes bis heute weit weniger bekannt.
Federico García Lorca zählt zu den bedeutendsten spanischen Dichtern und Dramatikern des 20. Jahrhunderts. Seine Werke prägten die kulturelle Entwicklung Spaniens. Zugleich war seine Homosexualität ein wichtiger Bestandteil seines Lebens, der in der öffentlichen Wahrnehmung lange häufig ausgeblendet wurde. 1936 wurde Lorca zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs erschossen. Als mögliche Motive für seine Ermordung durch nationalistische Kräfte gelten seine linken politischen Überzeugungen und seine Homosexualität. Kurz vor seinem Tod hatte der Schriftsteller mit der Arbeit an „La Bola Negra“ begonnen. Es war sein einziges bekanntes Theaterstück, das ausdrücklich eine schwule Figur in den Mittelpunkt stellen sollte. Mehr als vier Seiten konnte er nicht mehr schreiben. Die Filmemacher greifen dieses Fragment auf und entwickeln daraus eine umfassendere Geschichte.
Homosexualität als Problem
Der erste historische Handlungsstrang spielt 1932 in Granada. Im Mittelpunkt steht Carlos, gespielt von Nachwuchsschauspieler Milo Quifes. Der junge Mann möchte wie sein Vater Mitglied eines exklusiven gesellschaftlichen Clubs im örtlichen Casino werden. Doch Gerüchte über seine Homosexualität führen dazu, dass ihm die Aufnahme verweigert wird. Dieser Teil des Films orientiert sich vergleichsweise eng an Lorcas unvollendetem Theaterstück.
Eine zweite Geschichte führt ins Jahr 1937, mitten in den Spanischen Bürgerkrieg. Der Trompeter Sebastián, gespielt vom Musiker Guitarricadelafuente, überlebt einen Angriff auf seine Heimatstadt, indem er sich als Anhänger der nationalistischen Truppen ausgibt. Anschließend muss er als Wachmann in einem Militärlazarett arbeiten. Dort soll er einen verwundeten politischen Gefangenen überwachen, den „Élite“-Schauspieler Miguel Bernardeau verkörpert. Bei dem Gefangenen handelt es sich um Rafael Rodríguez Rapún. Die Handlung basiert auf dem Theaterstück „La Piedra Obscura“ von Alberto Conejero. Während Sebastián eine erfundene Figur ist, hat Rapún tatsächlich gelebt.
Rapún war Lorcas Geliebter
Rapún stammte aus einer Arbeiterfamilie in Madrid und engagierte sich in der sozialistischen Jugendbewegung. Über die lebendige Theaterszene der Hauptstadt lernte er Federico García Lorca kennen. Er schloss sich der von Lorca mitgegründeten Theatergruppe „La Barraca“ an, zunächst als Schauspieler. Während einer Tournee 1935 übernahm er organisatorische Aufgaben. In dieser Zeit sollen sich die beiden Männer ineinander verliebt haben. Erhaltene Briefe geben Einblick in ihre Beziehung. Lorca bezeichnete Rapún liebevoll als „den Mann mit den drei R“ – eine Anspielung auf dessen Initialen. Außerdem schrieb er von der „starken Anziehung“, die er für ihn empfand. Viele Literaturwissenschaftler gehen davon aus, dass Lorcas letzte bekannte Gedichte, die „Sonette der dunklen Liebe“, zumindest teilweise von der Beziehung inspiriert wurden.
Lorcas Ermordung und Rapún im Krieg
Die Beziehung der beiden Männer endete durch die politischen Ereignisse in Spanien. Als Rapún 1936 von Lorcas Ermordung erfuhr, entschloss er sich, der republikanischen Armee beizutreten und gegen die nationalistischen Truppen zu kämpfen. Er diente als Leutnant an der Front. 1937 wurde er bei einem Bombenangriff schwer verletzt und starb kurze Zeit später in einem Militärkrankenhaus nahe der spanischen Nordküste. Damit kamen beide Männer innerhalb kurzer Zeit während des Bürgerkriegs ums Leben. Der Film übernimmt diese historischen Ereignisse nicht vollständig unverändert. Insbesondere bei der Darstellung von Rapúns letzten Tagen greifen die Regisseure auf künstlerische Freiheiten zurück.
Eine besonders wichtige Szene im letzten Teil des Films ist eine Begegnung zwischen Lorca und Rapún, die historisch nicht belegt ist. In einer Schwarz-Weiß-Rückblende führen die beiden Liebenden ein letztes Gespräch. Lorca, gespielt von Alberto Cortés, erzählt Rapún von seiner Idee für ein neues Theaterstück namens „La Bola Negra“. Er hofft, damit junge homosexuelle Menschen erreichen zu können, die Angst haben, offen zu ihrer Identität zu stehen. Die Szene gibt den beiden Männern einen Abschied, den ihnen die Geschichte nicht ermöglicht hat. Dabei greifen die Filmemacher auch auf historische Bilddokumente zurück. So wird am Ende der Rückblende eine tatsächlich existierende Gruppenfotografie mit Lorca, Rapún und Freunden nachgestellt. Das verdeutlicht, wie eng sich in „La Bola Negra“ historische Überlieferung und erfundene Handlung miteinander verbinden.
Verdrängte schwule Geschichte
Mit ihrem Historiendrama wollen Ambrossi und Calvo nicht nur eine tragische Liebesgeschichte erzählen. Sie richten den Blick zugleich auf Menschen, deren Homosexualität in der Geschichtsschreibung häufig verschwiegen oder als nebensächlich behandelt wurde. Besonders deutlich wird das bei Federico García Lorca. Obwohl seine Werke bis heute im Unterricht behandelt werden, spielt seine sexuelle Orientierung bei ihrer öffentlichen Einordnung bis heute kaum eine entsprechende Rolle. Vielleicht kann der Film das nun langfristig ändern.