Zwei mutige Schüler haben jetzt Klage im amerikanischen Schulbezirk Wentzville eingereicht, weil queere Bücher aus der Bibliothek entfernt worden waren. Was zunächst wie eine kleine Lokalmeldung wirkt, könnte eine enorme Sprengkraft in sich tragen – in rund 30 Bundesstaaten versuchen republikanische Politiker gerade massiv ins Schulwesen einzugreifen und sowohl unliebsame Unterrichtsthemen wie auch generell queere Themen in den Bibliotheken zu verbieten beziehungsweise die Situation gerade auch für trans-Menschen zu verschlimmern. Ziel all dieser Bemühungen ist es, LGBTI*-Themen an Schulen gänzlich zu verbieten und Lehrer mit Geldstrafen zu bedrohen, wenn sie dagegen verstoßen.
Erst Ende letzter Woche wurde der inzwischen bereits berüchtigte sogenannte „Don´t Say Gay“- Gesetzentwurf in Florida tatsächlich eingebracht und hat damit die nächste Hürde genommen – der Justizausschuss billigte den Gesetzentwurf und legte ihn dem Repräsentantenhaus vor. Das Repräsentantenhaus könnte bereits diese Woche über den Gesetzentwurf abstimmen. Wenn die Gesetzgeber in Florida den Gesetzentwurf verabschieden, würde er am 1. Juli in Kraft treten, wobei alle Schulbezirkspläne dann bis Juni 2023 aktualisiert werden müssten. Ähnliche Gesetze gibt es bereits in Louisiana, Oklahoma, Mississippi und Texas – in weiteren fünf Staaten haben Eltern die Möglichkeit, ihre Kinder vom Unterricht zu entfernen, wenn LGBTI*-Themen behandelt werden.
Nebst dem Thema Unterricht über LGBTI*-Themen erhitzen auch Bücher mit queeren Inhalten die Gemüter – in mehreren Bundesstaaten kam es bereits zu Bücherverbrennungen, anderenorts wie eben in Wentzville wurden Bücher entfernt. Wentzville ist eine Kleinstadt im amerikanischen Bundesstaat Missouri mit rund 44.000 Einwohnern – die Klage schlägt aber weit über die Stadtgrenzen hinaus bereits jetzt hohe Wellen. Die American Civil Liberties Union of Missouri (ACLU) vertritt die beiden Schüler. Dabei wurde auch klar, dass nicht nur Bücher mit LGBTI*-Themen verschwunden waren, sondern auch Werke über farbige Menschen. In der Klageschrift der ACLU heißt es so auch, die Bücher wurden verboten, "weil den Beamten die enthaltenen Ideen nicht gefielen und mit der Absicht und dem Zweck, vorzuschreiben, was künftig allgemein oder traditionell als richtig oder wahr akzeptiert wird.“ Anthony Rothert, Direktor der Interessenvertretung der ACLU von Missouri sagte in einer Pressemitteilung: "Schulbehörden können keine Bücher verbieten, nur weil die Bücher und ihre Protagonisten andere Standpunkte als die Schulbehörde vertreten, insbesondere dann nicht, wenn sie auf Bücher abzielen, die die Standpunkte von sexuellen oder anderen Minderheiten darstellen, wie es in Wentzville geschehen ist. Der erste Verfassungszusatz schützt das Recht, Ideen zu teilen, einschließlich des Rechts der Menschen, Informationen und Wissen zu erhalten. Wir müssen dieses Recht schützen, auch das Recht von Lehrern und Schülern, über Rasse und Geschlecht in der Schule sprechen und lehren zu dürfen."

Ein mutiger Schritt, der viele weitere Schüler in Amerika motivieren könnte, queerfeindliche Gesetzentwürfe und direkte Eingriffe in ihre verfassungsmäßigen Rechte nicht einfach schweigend hinzunehmen. Gegenüber CBS News äußerten sich zahlreiche Schüler mit Erschrecken über die Entwicklungen im eigenen Land, beispielsweise auch Delaney Ocock, eine lesbische Schülerin der Olympia High School in Orlando: "Das alles sendet eine Botschaft an LGBTI*-Jugendliche, dass sie sich schämen müssen, dass ihre Identität so tabu ist, dass man nicht einmal im Klassenzimmer darüber sprechen sollte. In einer Welt, in der sich LGBTI*-Menschen schon genug schämen, brauchen Kinder, die lernen und sich entwickeln, wer sie sind, nicht noch mehr von diesen Stigmata." Andere Schüler sprachen von einem „Todesurteil“ an ihren Schulen.
Eine Umfrage des Gay, Lesbian and Straight Education Network (GLSEN) ergab, dass die meisten LGBTI*-Schüler in Florida regelmäßig LGBTI*-feindliche Äußerungen in ihren Schulen zu hören bekommen. Jeder vierte queere Mensch wurde bereits deswegen körperlich angegriffen. Eine Situation, die sich durch neue Anti-LGBTI*-Gesetze und dem Verbannen von queeren Themen in den Schulbibliotheken noch verschlimmern dürfte. Das sieht auch Sam Ames so - er ist der Direktor für Regierungsangelegenheiten des Trevor Project, einer LGBTI*-Hilfsorganisation in den USA: "Das Verbot von Gesprächen über sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität in den Klassenzimmern wäre nicht nur ein Verstoß gegen die Bürgerrechte, sondern würde auch ganze Kapitel der Geschichte, klassische Literatur und wichtige Gesundheitsinformationen aus den Lehrbüchern löschen, ganz zu schweigen von der Auslöschung der Schüler selbst!“