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Unsichtbare LGBTI*-Communitys? Wie immer mehr Regionen zu blinden Flecken auf der Landkarte werden

Von ms - 28.03.2022 - 14:05 Uhr
Unsichtbare LGBTI*-Communitys? // © ndry Fernandez
Foto: Unsichtbare LGBTI*-Communitys? // © ndry Fernandez
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Wie geht es der queeren Community in diesen Tagen eigentlich in Somalia, im Jemen oder in Libyen? Was treiben die schwulen Jungs in Mali, in Malaysia oder Algerien, Äthiopien und Kamerun? Was beschäftigt die lesbischen Frauen in Sambia, Sierra Leone, Bangladesch oder Mauretanien gerade? Oder sind wir in Gedanken eher bereits beim nächsten Sommerurlaub und fragen uns: Sansibar oder Tunesien, Malediven oder Sri Lanka, Barbados oder Jamaika – wohin soll die Reise gehen? Oder wie wäre es einmal mit Papua-Neuguinea?

Es sind zwei Dinge, die all diese Länder und noch viele weitere eint: Zum einen gibt es in all diesen Ländern erhebliche Strafen für Homosexuelle, das reicht von teils lebenslangen Gefängnisaufenthalten bis hin zur Hinrichtung. Zum anderen hören wir von all diesen Ländern und vielen weiteren fast gar nichts. Für die nationale Presse sind sie unsichtbar, wenn nicht gerade ein Krieg ausbricht. Wenn wir ehrlich sind, könnten wir uns fragen, wann haben wir vor dem aktuellen Konflikt zuletzt von der Ukraine gehört? Wann hat es uns zuvor interessiert?

So rigoros wie unser Desinteresse teilweise ist, so wenig finden auch die LGBTI*-Menschen Gehör in der Welt. Das mag natürlich teilweise an starken Einschränkungen und Repressalien vor Ort liegen oder an einem schlechten oder nicht vorhandenen Internet-Angebot, oftmals hören wir aber auch deswegen nichts, weil schlicht niemand darüber berichtet. Für die größtenteils versteckten queeren Menschen in diesen Ländern ein zweiter Schlag ins Gesicht: Die eigene Regierung verachtet sie, die LGBTI*-Community in der restlichen Welt ignoriert sie.

Zum ersten Mal wurde mir das bewusst, als ich vor über zehn Jahren Kuba besuchte, allerdings buchte ich mich nicht in eine jener Hotelbettenburgen am Karibikstrand ein, sondern mitten in die Altstadt von Havanna. Es gab dort eine kleine queere Community und ich lernte einen jungen Mann kennen. Es war die Zeit vor der sanften Öffnung des kommunistisch regierten Inselstaates hin zum Westen, hin zu den USA. Das ermöglichte erst Jahre später Barack Obama. Als ich Kuba besuchte, gab es zudem zwei Währungen auf der Insel – eine für die Touristen und eine für die Einheimischen.

Ein Wechsel war strengstens verboten. Und so erlebte ich in einigen Gesprächen, dass der junge schwule Mann sich überhaupt nicht vorstellen konnte, jemals diese Insel zu verlassen. Er hatte keine Vorstellung davon, wie die restliche Welt aussah, wie queere Menschen auf anderen Teilen des Planeten lebten. Und er dachte damals, es würde ihm auch niemals gestattet werden, sein Land zu verlassen. Bei einem Monatsgehalt von umgerechnet 10 Euro ist ein Flugticket auch eine Illusion. Sein größter Lebenstraum? Ein paar Sneakers von Nike.

Die LGBTI*-Community vergisst oder ignoriert oftmals, wie es queeren Menschen in vielen anderen Teilen dieser Erde geht. Mit daran Schuld tragen auch die großen Medienhäuser. Journalist Marc Engelhardt arbeitet seit über zwanzig Jahren aus anderen Ländern für deutsche Medien und analysierte seit Januar 2010, wie häufig die dreiundzwanzig führenden Zeitungen Deutschlands über die Regionen der Welt berichten. Sein Fazit präsentierte er in einem Diskussionspapier der Otto Brenner Stiftung sowie auch in der taz – eine bittere Diagnose, die zeigt, dass viele Länder für unsere Presse inzwischen praktisch zu blinden Flecken auf der Landkarte geworden sind.

Ein Grund mag sicher die zunehmende Propaganda sowie die Repressionen autoritärer Staaten sein, ein anderer die schlichte Tatsache, dass immer mehr Medienhäuser ihre Auslandskorrespondenten einsparen und die wenigen, verbliebenden Kollegen oftmals über mehrere Länder gleichzeitig berichten müssen. Generell habe sich auch die Entstellung gegenüber demokratischen Journalisten in den letzten Jahren verändert – gerade in eher demokratiefeindlichen Ländern sind freie Reporter ungern gesehen.

Die konkreten Zahlen haben Engelhardt dabei selbst überrascht: Mit Abstand am meisten wurde in allen Zeitungen über die USA berichtet. Weit abgeschlagen bereits mit rund fünfzig Prozent weniger Berichterstattung als der Erstplatzierte liegt dann Großbritannien. Drei Dutzend Staaten fanden in zehn Jahren weniger als fünfzig Mal Erwähnung, über fünfzehn Regionen wurde nie berichtet. In seinem Diskussionspapier fordert Engelhardt nun, mehr öffentliche Mittel für eine bessere Berichterstattung bereitzustellen. Das sei eine gesellschaftliche Aufgabe. 

Erst im Februar erklärte die britische Economist-Organisation in ihrem jährlichen Demokratie-Index, dass nur noch fünfundvierzig Prozent der Weltbevölkerung in einer Art von Demokratie leben. Die Zahl der autoritär regierten Staaten nahm binnen eines Jahres in dramatischer Weise zu. Diesem Negativ-Trend wird schwerlich entgegenzutreten sein, wenn die Berichterstattung über immer weitere Teile der Welt verstummt. Dieses Schweigen bedeutet dabei zugleich auch für viele Minderheiten wie die LGBTI*-Community, dass jede Hoffnung auf eine Besserung ihrer rechtlichen und gesellschaftlichen Situation nach und nach entschwindet.

So werden nicht nur ganze Länder zu blinden Flecken auf der Landkarte, sondern auch queere Menschen zu unsichtbaren Geistern, deren Schicksal wir nicht sehen, deren Stimmen wir nicht hören.   

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