Tabuthema sexuelle Gewalt LGBTI*-Jugendliche schweigen zumeist
Mit Blick auf die jüngsten Zahlen zu queeren Hassverbrechen und Gewaltdelikten in Deutschland wurde ein Punkt bisher zumeist übersehen: Sexuelle Gewalt in der queeren Community. In der aktuellen Statistik der Bundesregierung spielt das Thema in der offiziellen Auswertung so gut wie keine Rolle, andere Gewalttaten wie Körperverletzungen dominieren die Statistik. Aber ist deswegen sexuelle Gewalt an queeren Menschen kein Thema in Deutschland? Oder ist die Scham so groß, dass die allermeisten Opfer solcher Übergriffe keine Anzeige erstatten und deswegen ungesehen bleiben?
Mit Blick nach Großbritannien zeigt sich, dass sexuelle Gewalt auch in der LGBTI*-Community ein wichtiges Thema ist.
Im April wurde im Vereinigten Königreich die Auswertung der bisher größten Studienerhebung zu sexueller Gewalt in der queeren Community präsentiert und die Zahlen sind erschreckend: Jeder zweite LGBTI*-Mensch in Großbritannien wurde bereits Opfer von sexueller Gewalt, viele davon auch als Minderjährige.
Die Befragten erzählten dabei im Wesentlichen von Vergewaltigungen, penetranten sexuellen Nötigungen und unangebrachten Übergriffen gegen den Willen der Betroffenen. Rund jedes vierte Opfer ist der Auffassung, dass die Angreifer das Ziel verfolgten, mit den sexuellen Übergriffen ihr Gegenüber zur Heterosexualität „bekehren“ zu können.
In Deutschland gibt es eine solche konkrete Studie mit Blick auf LGBTI* noch nicht, doch sind sich LSVD und Opferberatungsstellen wie MANEO einig, dass die Dunkelziffer der Hassverbrechen in Deutschland gegenüber LGBTI* sehr hoch ist. Realistisch geschätzt, werden bis zu 90 Prozent aller Übergriffe gar nicht erst zur Anzeige gebracht – darunter sind auch queere Jugendliche, die Opfer geworden sind.
Die Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Kerstin Claus, hat nun eindringlich dazu aufgerufen, in Deutschland mehr zum Schutz vor Missbrauchsfällen zu tun. Gegenüber dem ZDF betonte sie, wie wichtig das Sprechen über sexualisierte Gewalt sei. Es müsse wie selbstverständlich über dieses Thema geredet werden, und es müsse klar sein, wo Beratung und Hilfe zu finden seien, so Claus.
Die meisten Missbrauchsfälle finden bis heute im engeren Familienumkreis statt. Claus fordert daher flächendeckende Schutzkonzepte für Kindertagesstätten, Schulen, Vereine und Jugendarbeit – ein wichtiger Aspekt gerade auch für queere Jugendliche, die Opfer geworden sind und zudem vielleicht mitten im Coming Out stecken.
Claus ermahnte weiter, es müsse klare Regeln und Meldestellen geben, zudem müsse in Weiterbildung investiert werden. Aktuell fordert zudem eine Petition auf Change.org, dass es keine juristischen Verjährungsfristen bei sexuellem Missbrauch und Misshandlungen in der Kindheit geben dürfe, gerade weil viele jugendliche Opfer erst viele Jahre später die Kraft finden, sich damit auseinanderzusetzen.
Bisher haben rund 580.000 Menschen die Petition unterschrieben.