Rücktrittsforderungen gegenüber Lehmann Queerpolitische Sprecherin der LINKEN fordert mehr Dialogbereitschaft
In Zeiten von Social-Media kochen die Gemüter schnell hoch und die Empörungswellen können binnen Stunden ungeahnte Ausmaße erreichen. So erreichte zuletzt der Hashtag #LehmannRuecktritt ungeahnt viel Zulauf auf Twitter.
Auslöser dafür war der offene Brief einer besorgten Mutter namens Stefanie Moers, die Angst um Jugendliche hat, wenn diese sich nach dem geplanten neuen Selbstbestimmungsgesetz künftig ab 14 Jahren ohne Erlaubnis der Eltern oder einer zuvor zwingenden, psychologischen Begutachtung als transsexuell via Sprechakt definieren werden können. Die Mutter bat den Queer-Beauftragten der Bundesregierung eindringlich, die Pläne zu überdenken und lud zur Diskussion ein. Die EMMA Redaktion veröffentlichte das Schreiben online.
Eine Reaktion von Lehmann blieb indes zunächst aus, was viele Frauen online dazu veranlasste, zu spekulieren, dass Lehmann die Rechte und das Schutzbedürfnis von Frauen, Müttern und ihren Kindern nicht wichtig sei.
Öl ins Feuer der Debatte goss dann Lehmann selbst, als er die Kommentare einer feministischen Bloggerin auf seinem Instagram-Account teilte, die den offenen Brief der Mutter stark kritisierte. Sie warf der Mutter und auch der EMMA-Redaktion einen Radikalfeminismus vor, der die Realität komplett verdrehen würde. Ferner bezichtigte sie die Mutter der Queerfeindlichkeit und unterstellte ihr, sie wolle Jugendlichen ihre Identität absprechen. Ihr Schreiben könne ebenso gut von Faschisten stammen.
Wie nicht anders zu erwarten, empörten sich darauf noch mehr Frauen, Feministinnen und Mütter via #LehmannRuecktritt.
Eine Userin schrieb beispielsweise: „Sven Lehmann hat kein offenes Ohr für die Sorgen und Ängste von Müttern. Er hetzt sogar noch gegen besorgte Stimmen, blockiert LGBT-Mitglieder, die kritisch sind und verbreitet frauenfeindlichen Hass auf Social Media.“
Eine andere Frau ergänzte die Kritik so: „Dass Lehmann keine Antwort auf den offenen Brief einer Mutter einfällt und dass er eine Bloggerin vorschicken muss, um den Brief als transfeindlich und faschistisch zu diffamieren, spricht dafür, dass Lehmann einfach keine Antworten hat.“
Immer wieder wurde dabei auch die Kritik laut, dass Lehmann keine wirkliche Debatte wünscht beziehungsweise sich einer solchen entziehen würde.
Der Kritisierte selbst stellte nun inzwischen unmissverständlich klar: „Selbstverständlich ist es nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht, Gesetzesvorhaben kritisch zu begleiten. Aber: Feindlichkeit gegen trans oder queere Menschen, bewusstes Deadnaming und Bloßstellung - DAS ist die Grenze, wo Dialog aufhört.“
Mit Bezug auf die Anfeindungen, die er seit rund zwei Wochen online erleben muss, erklärte Lehmann zudem: „Es ist immer wieder heftig zu sehen, wie sehr sich queerfeindliche Accounts (die sich selber oft „feministisch“ nennen) mit rechten Accounts verbünden, wenn es ihrer Agenda nutzt. Bestes Rezept dagegen: Wir machen weiter progressive & menschenrechtsorientierte Queerpolitik!“
Lehmanns politische Kollegin, die queerpolitische Sprecherin der LINKEN, Kathrin Vogler, wünscht sich dabei mehr Dialogbereitschaft, wie sie gegenüber Schwulissimo erklärte:
„Es ist nicht nur Aufgabe der Bundesregierung, ein verfassungskonformes und die Rechte der Betroffenen achtendes Selbstbestimmungsgesetz vorzulegen, sondern auch für eine möglichst breite Akzeptanz in der Bevölkerung zu werben. Dazu gehört auch, mögliche Sorgen von Frauen um ihre Schutzräume ebenso ernst zu nehmen wie diejenigen von Eltern vor einer voreiligen Transition junger Menschen, die noch auf der Suche nach ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität sind. Ich bin überzeugt, dass man diese Sorgen und Bedenken mit einer klaren und guten Kommunikation weitgehend ausräumen kann, ohne dafür Abstriche am Ziel der Selbstbestimmung transgeschlechtlicher Menschen zu machen.“
Ist eine verbale Handreichung mit den kritischen Stimmen des Selbstbestimmungsgesetzes und Feministinnen also möglich, ohne dass Diffamierungen auf beiden Seiten die Möglichkeit eines sachlichen Diskurses vorzeitig beenden? Vogler dazu abermals: „Notwendig wäre auch hier ein Ausbau und eine Qualifizierung von freiwilligen Beratungsmöglichkeiten, die Unterstützung von Selbsthilfe auch für Angehörige, eine Aufklärungskampagne ohne Scheuklappen und eine offene gesellschaftliche Debatte. Die Grenze des Dialogs liegt allerdings dort, wo Trans-Frauen auf zum Teil aggressive Weise das Frausein abgesprochen wird und versucht wird, sie stumm und unsichtbar zu machen!“