Rhetorik des Missbrauchs Der unsägliche Vergleich zwischen Homosexualität und Pädophilie
Die Taktik ist seit Jahren altbekannt und doch sorgt sie bis heute für Empörung: Im Kampf gegen die Gleichberechtigung von LGBTI*-Menschen wird zur Not, wenn alle anderen “Argumente“ nicht mehr greifen, der Vergleich mit Pädophilie gezogen.
Das Spiel, vor allem schwule Männer rhetorisch in die Nähe von Kindesmissbrauch und Pädophilie zu stellen und dabei juristisch haarscharf an einer eindeutigen Anschuldigung vorbei zu schrammen, beherrschen rechte und konservative Politiker in Perfektion.
In Deutschland spielt die AfD immer wieder gerne auf dieser Klaviatur, aber auch von Seiten der CDU wird das scheinbar harmlose politische Spiel immer wieder perfektioniert, zuletzt auch von Friedrich Merz, der inzwischen der Vorsitzende der konservativen Partei ist. 2020 antwortete Merz auf die Frage, wie er zu einem möglichen homosexuellen Bundeskanzler stehe, so: "Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft – an der Stelle ist für mich allerdings eine absolute Grenze erreicht –, ist das kein Thema für die öffentliche Diskussion." Einmal mehr gekonnt perfekt inszeniert.
Abseits verbaler und medialer Kritik lässt sich an dem Satz juristisch nichts beklagen und während die Aussage gestückelt nicht zu bemängeln wäre – wer hätte schon ernsthaft etwas gegen den Schutz von Kindern vor Pädophilen? – kommt die Message allumfassend trotzdem bei all jenen an, die es so auch verstehen wollen: Homosexualität und Pädophilie hängen irgendwie eben doch zusammen.
Das gleiche Spiel betreiben seit einigen Monaten die Republikaner in den USA. Hier wird immer öfter vom “Grooming“ gesprochen, wobei der Begriff mit der wörtlichen Übersetzung (Körperpflege) herzlich wenig zu tun hat. Gemeint ist dabei eine gezielte Kontaktaufnahme eines Erwachsenen mit einem Minderjährigen mit der Absicht des sexuellen Missbrauchs. Im amerikanischen Kulturkampf um die Vorherrschaft an den Schulen des Landes und die komplette Exklusion von LGBTI* ein beinah inzwischen inflationär verwendeter Ausdruck. Queerfreundliche Gesetze sind ebenso “grooming“ wie Studien, die beispielsweise die positive Bedeutung der Einbindung von LGBTI*-Themen in den Schulunterricht wissenschaftlich belegen.
Das jüngste Verbot von LGBTI*-Themen an Schulen in Florida sei dagegen ein "Anti-Grooming-Gesetz". An anderer Stelle werden demokratische Politiker als “pro-pädophil“ bezeichnet, wenn sie sich beispielsweise für geschlechtsangleichende Behandlungen von trans-Jugendlichen aussprechen.
Dabei geschehen zwei Dinge – in Deutschland genauso wie in den USA: Zum einen wird darauf abgezielt, durch die gezielte Grenzüberschreitung und permanente Wiederholung unterbewusst den Eindruck zu festigen, dass Homosexualität und Pädophilie doch zusammenhängen. Verstärkt wird das zudem auch immer unabsichtlich, wenn Medien leichtfertig einmal wieder zum Beispiel über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche berichten und abermals die sexuelle Neigung eines Priesters mit dem Straftatbestand leichtfertig in Verbindung bringen. Zum anderen werden tatsächliche Fälle von Missbrauch an Minderjährigen durch die alltägliche Nennung bagatellisiert.
Gerade für queere Jugendliche, die Opfer von sexuellem Missbrauch wurden, bedeutet das eine erneute Herabsetzung ihrer Selbst und ihrer traumatischen Erfahrungen.
Immer mehr LGBTI*-Jugendliche haben suizidale Gedanken: 45 Prozent der queeren amerikanischen Jugendlichen und rund 40 Prozent der deutschen LGBTI*-Minderjährigen (Quellen: Trevor Project + anyway Köln).
"Ich denke, dass es enormen Schaden anrichtet. Und es zeigt uns, wie tief diese Vorstellung vom Missbrauch von Kindern als politische Taktik verwurzelt ist“, so Michael Bronski, Professor für Geschlechts- und Sexualstudien an der Harvard University gegenüber USA TODAY. Das Verharmlosen von sexuellem Missbrauch schadet nebst den Opfern auch der Aufklärung selbst, denn die Missbrauchsfälle steigen stetig an, doch das gesamtgesellschaftliche Problem wird dadurch immer weniger angegangen. Auch die Bemühungen, sexuellem Kindesmissbrauch vorzubeugen, werden schwieriger, wenn Begriffe wie “Grooming“ in den USA und “Pädophile“ in Deutschland immer mehr zum politischen Kanonenfutter werden. "Man hat das Gefühl, dass die Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch von Leuten missbraucht wird, die eine Agenda verfolgen, die absolut nichts mit der Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch zu tun hat", so Jenny Coleman, Direktorin der Anti-Missbrauchs-Organisation Stop It Now!.
Die Taktik, homosexuelle Menschen mit Kindesmissbrauch in Verbindung zu bringen, ist altbekannt, neu ist allerdings, wie häufig dieser unsägliche Vergleich inzwischen Verwendung findet und dass auch Politiker der ersten Reihe diesen immer häufiger verwenden. "Es ist kein Zufall, dass die ersten konservativen Anti-LGBTI*-Organisationen, die in den 1970er Jahren gegründet wurden, Namen wie Save Our Children trugen", so R.G. Cravens, Assistenzprofessor für Politikwissenschaft an der California Polytechnic State University.
Und Sarah Kate Ellis, Präsidentin der LGBTI*-Rechtsgruppe GLAAD ergänzt mit Blick auf die Lage in den USA: "Es begann mit über 200 Anti-LGBTI*-Gesetzen, und jetzt gießen sie mit dieser Rhetorik noch Öl ins Feuer!“
Fachleute hier wie da stellen dabei immer wieder fest, wie verletzend diese Rhetorik gerade für junge LGBTI*-Menschen ist und wie oft sie bereits verinnerlicht wird. Dieses Gefühl der eigenen Minderwertigkeit setzt sich durch die Sprache in Jugendlichen fest, sodass der Kulturkampf in Deutschland wie auch in Amerika zum Ground Zero wird.
Die jungen Menschen, die all jene mit der scharfen Rhetorik angeblich nur schützen wollen, werden indes zu Opfern, die oftmals über Jahre unbewusst mit dieser Stigmatisierung zu kämpfen haben.