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Neue Wege im Glauben
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Neue Wege im Glauben Queere Menschen und ihr Schritte zurück zur Kirche

ms - 01.09.2026 - 08:00 Uhr
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Viele LGBTIQ+-Menschen wachsen in religiösen Gemeinschaften auf – und erleben dort Ablehnung oder Konflikte wegen ihrer Identität. Einige verlieren dadurch ihre vertraute Gemeinde und ihren sozialen Halt.

Das Wichtigste im Überblick

  • Viele LGBTIQ+-Menschen erleben in religiösen Gemeinschaften Ablehnung, Ausgrenzung oder Druck, ihre Identität zu verbergen.
  • Fachleute sprechen zunehmend von religiösem Trauma als Folge solcher Erfahrungen.
  • LGBTIQ+-freundliche Kirchen in den uSA setzen auf sichtbare Vielfalt, inklusive Sprache und mehr Selbstbestimmung.
  • Betroffene berichten, dass akzeptierende Gemeinden ihnen geholfen haben, Glauben und sexuelle Identität miteinander zu verbinden.

Zwischen Ausgrenzung und Neubeginn

Jacob May aus Virginia beschreibt eine solche Erfahrung. Als er 22 Jahre alt war, diskutierte er mit seinem Pastor über seine Homosexualität. Der Geistliche verwies auf Bibelstellen, die häufig zur Ablehnung von Homosexualität genutzt werden. May entgegnete mit Hinweisen auf Übersetzungsfehler und historische Zusammenhänge. „Wir sollten uns weiterhin jede Woche treffen“, sagte sein Pastor. Er wollte May weiterhin vermitteln, dass Homosexualität eine Sünde sei, die mit ewiger Verdammnis bestraft werde. Nach diesem Gespräch brach May den Kontakt ab. 

Später verlor er seine frühere Kirchengemeinschaft. „Ich fühlte mich einfach wirklich allein“, sagt May, der heute 34 Jahre alt ist, gegenüber dem Recherche-Portal Uncloseted Media „Ich hatte das Gefühl, dass ich im Grunde mein Leben neu beginnen musste, weil so viele meiner Verbindungen, Freunde und im Grunde meine gesamte Subkultur in der Kirche waren … Ich erinnere mich an Zeiten, in denen ich einfach auf meinem Bett saß und weinte.“ Erst durch die LGBTIQ+-freundliche St. Paul’s Episcopal Church fand May wieder einen Zugang zum Glauben.

Religiöses Trauma und seine Folgen

Untersuchungen zeigen, dass Religion für viele LGBTIQ+-Menschen eine wichtige Rolle in der Kindheit spielt. Eine 2016 veröffentlichte Studie ergab, dass 86 Prozent der LGBTIQ+-Menschen in Glaubensgemeinschaften aufwachsen. Fast zwei Drittel der LGBTIQ+-Personen mit christlicher Erziehung identifizieren sich später nicht mehr als christlich. Der Psychologe Tyler Lefevor, der sich mit der Beziehung von queeren und homosexuellen Menschen zu Religion beschäftigt, sagt, dass das Verbergen der eigenen Identität psychische und körperliche Folgen haben könne. Dazu gehörten unter anderem posttraumatische Belastungsstörungen, Angstzustände, erhöhte Cortisolwerte und hoher Blutdruck.

Auch der Verlust einer religiösen Gemeinschaft könne belastend sein, weil Menschen dadurch „von Gemeinschaft und einer Quelle von Sinn und einer Möglichkeit, die Welt zu verstehen, abgeschnitten“ würden. Viele LGBTIQ+-Menschen suchten deshalb nach Gemeinden, in denen Glauben und Identität miteinander vereinbar seien. Laut einer mehrjährigen Untersuchung des Forschers Andrew Marin seien 76 Prozent der queeren Menschen, die die Kirche verlassen hätten, offen für eine Rückkehr zum Glauben.

Mehr als nur Symbolpolitik 

LGBTIQ+-freundliche Kirchen versuchen, solche Erfahrungen aufzuarbeiten. Zach Lambert, Pastor der Restore Church, warnt davor, Inklusion nur nach außen zu zeigen. „Sie denken, dass eine Regenbogenflagge am Eingang oder ein Hinweis auf Pride ausreicht, um jemandem zu helfen, das zu überwinden, was ihm widerfahren ist, und das ist einfach nicht so“, sagt Lambert. Entscheidend sei eine Kirchenkultur, in der queere Menschen nicht nur willkommen seien, sondern auch Verantwortung übernähmen und „in jedem Bereich der Führung“ vertreten seien.

Ein wichtiger Faktor sei zudem sichtbare Vielfalt. Mariah Montgomery-Lindsay, die in einer konservativen religiösen Umgebung aufgewachsen war, beschreibt ihren ersten Besuch bei Restore als prägend. „Es war so beängstigend, mit meiner Partnerin als offensichtlich lesbisches Paar eine Kirche zu betreten“, sagt sie. Als sie jedoch vor der Kirche ein weiteres schwules Paar sah, habe sich ihre Angst verändert. „Niemand hat auch nur ein zweites Mal hingesehen“, sagt Montgomery-Lindsay.

Sprache und Selbstbestimmung

Auch Sprache spielt in vielen LGBTIQ+-freundlichen Gemeinden eine zentrale Rolle. In einigen Kirchen stellen sich Mitglieder mit ihren Pronomen vor, und Gebete sowie Lieder verwenden bewusst unterschiedliche Bezeichnungen für Gott. Lucius Seo, ein 31-jähriger Lehrer mit koreanisch-presbyterianischem Hintergrund, sieht darin einen wichtigen Unterschied zu früheren Erfahrungen. „In den Kirchen, in denen ich aufgewachsen bin, wurde Gott sehr ordentlich in die Schublade einer Vaterfigur gesteckt. In der Bibel ist Gott jedoch sehr geheimnisvoll und unendlich“, sagt Seo. „Bei River verwenden unsere Lieder alle Pronomen und alle Ausdrucksformen.“

Neben inklusiver Sprache setzen einige Gemeinden auf eine traumabewusste Gestaltung ihrer Gottesdienste. Menschen sollen selbst entscheiden können, ob und wie sie sich beteiligen. Rev. Alison Noll von der Gemeinde The River sagt: „Wir werden dich hier zu nichts drängen, und deshalb musst du deine eigene Verantwortung übernehmen und selbst entscheiden, wie sehr du dich beteiligen möchtest.“

Glaube neu verstehen

Einige LGBTIQ+-freundliche Kirchen vermeiden konkrete Aussagen zu Bibelstellen oder Jesus, um niemanden zu verletzen. Fachleute sehen darin jedoch auch eine Herausforderung: Für manche Menschen, die aus stark bibelorientierten Gemeinden kommen, könne eine zu offene Theologie unbefriedigend sein. Die Gemeinde Lighthouse setzt deshalb auf eine intensive Auseinandersetzung mit religiösen Texten. Karlyn Meyer sagt, die Kirche weiche schwierigen Bibelstellen nicht aus. „Wenn dort etwas Schreckliches steht, dann lasst uns den Kontext herausfinden“, sagt sie. „Lasst uns herausfinden, was es war und warum.“

Für Jacob May war genau diese Möglichkeit entscheidend. „Als ich eine bestätigende Kirche gefunden hatte, ging es nicht mehr darum, darüber zu streiten, ob es möglich ist, schwul und Christ zu sein“, sagt er. Stattdessen habe er sich auf Glauben, Dienst und die „geliebte Gemeinschaft“ konzentrieren können. Heute besucht May die St. Paul & St. Andrew Church und schloss im April ein Studium der Religionswissenschaften mit einem Masterabschluss ab. „Diese Kirche war der erste Ort, an dem ich nicht das Gefühl hatte, mich verstecken zu müssen“, sagt May. „Das Beste, was bestätigende Kirchen für mich getan haben, war, mir Raum zur Verarbeitung zu geben. Sie haben nicht versucht, mich zu bekehren oder mich dazu zu bringen, das zu glauben, was sie glauben. Sie haben mich akzeptiert, wie ich bin.“

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