Zehn Jahre Projekt „WiR*“ Mehr Hass an Schulen gegenüber queeren Jugendlichen
Der Kölner queere Jugendverein anyway feiert das zehnjährige Bestehen seines Aufklärungs- und Antidiskriminierungsprojekts „WiR* – Wissen ist Respekt“. Junge Lesben, Schwule, Bisexuelle und trans* Personen unter 27 Jahren engagieren sich dabei ehrenamtlich und geben Schulklassen und Jugendgruppen Workshops zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt.
Das Wichtigste im Überblick
- Das Kölner anyway feiert das zehnjährige Bestehen des Aufklärungsprojekts „WiR* – Wissen ist Respekt“.
- Junge queere Menschen geben ehrenamtlich Workshops zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt an Schulen und in Jugendgruppen.
- Aktuell finden rund 70 Workshops pro Jahr statt, dabei werden etwa 1.500 Schülerinnen und Schüler erreicht.
- Das Projekt arbeitet nach dem Peer-to-Peer-Prinzip: Junge queere Menschen sprechen mit Jugendlichen über Vielfalt und Diskriminierung.
- Die Stadt Köln unterstützt das Projekt seit 2018 und will die Förderung auch künftig fortsetzen.
- Nach Angaben des Projekts hat die Queerfeindlichkeit in Schulklassen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.
- Wegen zunehmender Provokationen und Beleidigungen nimmt die Projektleitung inzwischen an allen Workshops teil.
Queere Aufklärung unter Druck
„Sie bringen Wissen dorthin, wo Vorurteile entstehen können. Und sie tragen dazu bei, dass aus Wissen Respekt und aus Respekt Zusammenhalt wird. Damit arbeiten Sie nicht nur für queere Menschen. Sie arbeiten an einer offeneren und demokratischeren Gesellschaft für uns alle“, sagt die Kölner Bürgermeisterin Derya Karadag zum zehnjährigen Bestehen von WiR*. Derzeit führt das Projekt nach eigenen Angaben rund 70 Workshops pro Jahr durch. In der Vergangenheit waren es demnach sogar bis zu 120 Veranstaltungen jährlich. Aktuell erreicht WiR* etwa 1.500 Schülerinnen und Schüler pro Jahr.
Möglich wird die Arbeit durch den sogenannten Peer-to-Peer-Ansatz. Die Workshops werden bewusst von jungen queeren Menschen durchgeführt, die zuvor entsprechend qualifiziert wurden. Sie sind damit nicht weit von der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler entfernt und können unter annähernd Gleichaltrigen ungezwungener über Lesben, Schwule, Bisexuelle und trans* Personen sprechen. Lehrkräfte können die Workshops kostenlos anfragen. Finanziert wird das Angebot unter anderem durch die Stadt Köln. „Wissen ist Respekt wird seit 2018 von der Stadt unterstützt, und auch künftig ist die Fortführung der Förderung vorgesehen. Denn wir sind von dieser Arbeit überzeugt“, sagt Bürgermeisterin Derya Karadag.
Zunehmende Queerfeindlichkeit
Trotz der gestiegenen öffentlichen Präsenz queerer Themen blickt das Projekt mit Sorge auf die Entwicklung an Schulen. In den vergangenen zehn Jahren hätten sich die Bedingungen für die Aufklärungsarbeit mit Schülerinnen und Schülern verschlechtert. Das erscheint zunächst widersprüchlich. Denn immer mehr junge Menschen kommen mit dem Thema LGBTIQ+ in Kontakt. Queere Themen seien heute stärker in Medien, Familien und der Öffentlichkeit präsent als noch vor zehn Jahren. Auch die Schulen seien offener geworden und fragten häufiger Workshops an. „Gleichzeitig spüren wir aber seit über drei Jahren die steigende und verhärtende Queerfeindlichkeit in Schulklassen“, sagt Projektleiter Marlo Fuchs.
Als Gründe nennt das Projekt zum einen rechtspopulistische und rechtsextreme Akteure, die mit Begriffen wie „Homo-Propaganda“ und „Frühsexualisierung“ gegen Vielfalt in Schule und Gesellschaft agierten. Zum anderen verbreiteten religiös-konservative bis fundamentalistische gesellschaftliche Gruppen die Auffassung, LGBTIQ+ stünden angeblich im Widerspruch zum Islam oder auch zum Christentum. Im Ergebnis gebe es bei beiden Entwicklungen eine vehemente Ablehnung von LGBTIQ+. Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von WiR* bekämen dies nach Angaben des Projekts zunehmend in ihren Workshops zu spüren. Einzelne Schülerinnen und Schüler provozierten bewusst, immer wieder komme es auch zu Beleidigungen.
Projektleitung begleitet alle Workshops
„Diese Entwicklung bereitet uns sorgen. Deshalb haben wir vor einigen Monaten entschieden, dass die Projektleitung von WiR* an allen Workshops teilnimmt – um Ehrenamtliche zu unterstützen und zu stärken, aber auch um als Fachkraft eingreifen zu können“, sagt Rabea Maas, geschäftsführende Vorständin des anyway. Die zusätzliche Begleitung hat allerdings direkte Folgen für die Zahl der möglichen Veranstaltungen. Ehrenamtliche könnten gemeinsam deutlich mehr Workshops durchführen als eine Fachkraft, die mit 20 Wochenstunden zugleich die Projektkoordination sicherstellen müsse.
Damit entsteht nach Darstellung des Projekts ein Teufelskreis: Obwohl die Queerfeindlichkeit an Schulen zunimmt und der Bedarf an Aufklärung damit größer wird, können weniger Schülerinnen und Schüler erreicht werden. Das zehnjährige Bestehen von „WiR* – Wissen ist Respekt“ fällt damit in eine Zeit, in der das Projekt seine Arbeit zugleich als besonders notwendig und zunehmend schwieriger beschreibt. Die Initiative will weiterhin Wissen über geschlechtliche und sexuelle Vielfalt vermitteln und damit Vorurteilen und Diskriminierung entgegenwirken.